Bereits 28 Jahre ist die SVP nicht mehr im Zürcher Stadtrat vertreten. Am Wochenende schafften es ihre beiden Kandidaten erneut nicht. Zudem verlor die Partei in sämtlichen neun Wahlkreisen Wähler, was zu massiven Sitzverlusten (-6 auf 17) führte. Sogar in der SVP-Hochburg Schwamendingen lief es schlecht. So schlecht wie in keinem anderen Stadtkreis.

Was ist los mit der SVP? Die Frage stellt sich mit besonderer Dringlichkeit, weil die SVP auch in Winterthur und anderen Städten Verluste erlitt. Als ersten Grund nennt Politgeograf Michael Hermann die Mobilisierung durch die «No Billag»-Abstimmung. Sie gab dem linken Lager der Service-Public-Befürworter Schub. Hermann weist darauf hin, dass bei den Wahlen vor vier Jahren exakt das Gegenteil passierte. Damals war es die Masseneinwanderungsinitiative der SVP, die den Konservativen Auftrieb verlieh. In Zürich reichte es der SVP allerdings auch damals nicht für einen Stadtratssitz, dafür in Winterthur.

Gespannt wartet Hermann nun auf die noch ausstehenden Gemeindewahlen, weil deren Ergebnisse nicht durch eine emotionsgeladene nationale Vorlage verzerrt sein werden. Hermann selber glaubt nicht, dass der linke Schwung in Zürich und Winterthur als Vorzeichen für die kantonalen oder nationalen Wahlen im nächsten Jahr zu deuten sind. «Das gibt noch keinen Trend.» Vieles werde von der dannzumaligen Grosswetterlage abhängen.

Galliereffekt in Städten

Als zweiten Grund für das SVP-Debakel nennt Hermann den wiedererwachten linken Drive in den Städten. Diesen interpretiert er als Gegenreaktion auf den Rechtsrutsch bei den letzten nationalen Wahlen. Von konservativer Seite seien die Städte – auch mithilfe der Medien – verstärkt angegriffen worden. Das löste dort eine Art «Galliereffekt» aus. Das heisst, es bildete sich Widerstand, der das städtische Selbstbewusstsein erstarken liess. Davon habe die Linke profitiert.

Der dritte Grund für den Einbruch der Konservativen in den Städten sieht Hermann in einem sich verändernden städtischen Milieu. Die Städte ziehen wegen ihrer Kultur- und Freizeitangebote und ihrer attraktiven Arbeitsplätze seit einiger Zeit zunehmend gut verdienende Personen aus dem Mittelstand an. Davon profitierten zunächst die Mittelstandsparteien FDP und GLP, aber eben auch die SP, die immer mehr zu einer Akademikerpartei werde.

Das kleinbürgerliche Milieu hingegen, das in den letzten Jahren zur SVP wechselte, werde durch die laufenden Aufwertungsmassnahmen aus den Städten verdrängt. Viele können sich die teuren Wohnungen nicht mehr leisten. Hermann beobachtet diesen Milieuwechsel jetzt auch in Schwamendingen, wo die SVP am Wochenende am meisten Wähler verloren hat. «Auch Schwamendingen ist in diesen urbanen Sog der Aufwertung geraten.»

Es wird schwieriger

Bedeutet dies, dass die SVP ihre Hoffnung auf einen Stadtratssitz in Zürich begraben muss? Für immer vielleicht nicht, sagt der Politologe. «In Zukunft wird es für die SVP aber immer schwieriger.» Das zeige sich auch in Winterthur, wo die SVP quasi durch einen Betriebsunfall vor vier Jahren einen Sitz gewann, den sie nun aber wieder hergeben musste.

Ein SVP-freier Zürcher oder Winterthurer Stadtrat sei im Übrigen nichts Besonderes. In anderen Teilen der Schweiz, etwa in der Innerschweiz, gebe es etliche Gebiete, wo die SP zwar als Partei stark sei, es aber dennoch nie in eine Regierung schaffe.

Städte im Aufschwung

Nicht nur der Misserfolg der SVP prägte die Stadtzürcher Wahlen, sondern auch das Scheitern des bürgerlichen Stadtrats-Tickets Top 5, dem nebst der SVP auch die Kandidaten von FDP und CVP angehörten. Warum schnitt Top 5 so schlecht ab? Laut Hermann befinden sich die Städte in einem lang anhaltenden Aufschwung. «Es wird immer schwieriger, dem Publikum zu vermitteln, es laufe alles miserabel, wenn die Leute mehrheitlich sehr zufrieden sind.»

Zudem hätten die Bürgerlichen noch immer das Gefühl, Linke an den Schalthebeln der Macht seien ein Sonderfall, weil das für viele Jahren einmal so war. «Aber das ist die neue Normalität», sagt Hermann.

In Zürich hat die Linke nicht nur im Stadtrat ihre Macht erhalten. Sie hat auch im Parlament eine satte Mehrheit erreicht: mit 69 Sitzen (von 125) von SP, Grünen und AL. Heisst das, dass die Linke in Zürich zukünftig machen kann, was sie will? Überhaupt nicht, meint Hermann: «Die Spannungen zwischen der Stadtregierung und dem linken Parlament dürften eher noch zunehmen.»

Schon bisher orientierten sich die linken Stadtratsmitglieder, bedingt durch ihre Rolle, gegen die Mitte. Mit dem Effekt, dass sich eine Kluft öffnete zur linken Abordnung im Gemeinderat. Durch die neue linke Mehrheit wachse diese Kluft. Die linke Regierung werde zur Getriebenen des noch linkeren Stadtparlaments. «Jetzt wird dem Stadtrat vermehrt von links auf die Finger geschaut,» glaubt Hermann. Es komme nicht von ungefähr, dass Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) an einer Wahlveranstaltung einmal gesagt habe, sie wolle nicht unbedingt eine linke Mehrheit im Parlament.