Interview

Otto Müller: «In meinem Innern brodelt es»

Blickt zuversichtlich in die Zukunft: Otto Müller – hier in seinem Büro – verabschiedet sich aus der Politik.

Blickt zuversichtlich in die Zukunft: Otto Müller – hier in seinem Büro – verabschiedet sich aus der Politik.

Nach 24 Jahren in der Dietiker Lokalpolitik, davon 12 als Stadtpräsident, will Otto Müller (FDP) nochmals Neues wagen. Im Interview zieht der 64-Jährige Bilanz.

Herr Müller, Sie sind im Jahr 2006 als «Otto-Motor» in den Wahlkampf ums Stadtpräsidium gezogen. Ist der Otto-Motor ins Stocken geraten?

Otto Müller: Der Otto-Motor läuft immer noch auf Hochtouren. Aber er wird bald neu eingesetzt.

Wissen Sie noch, was Sie vor zwölf Jahren geantwortet haben, als die Limmattaler Zeitung Sie fragte, welche Politik man von Ihnen als Stadtpräsident erwarten könne?

Das ist lange her. Aber wahrscheinlich habe ich gesagt, dass ich Politik nahe bei den Menschen machen will.

Das ist nicht schlecht. Ich gebe Ihnen aber noch ein paar konkrete Beispiele: Sie sagten, es solle trendy werden, in Dietikon zu wohnen. Ist das gelungen?

Gemessen an der Anzahl Neuzuzüger ist es auf jeden Fall gelungen. Dietikon kann kein so schlechter Wohnort sein, sonst hätten wir heute nicht 20 Prozent mehr Personen als damals.

Sie sagten zudem, Dietikon habe ein Problem mit nicht integrierten Ausländern. Integration müsse verlangt werden.

Das ist teilweise gelungen. Dietikon hat eine extrem hohe Integrationskraft. Die Aufgaben in diesem Bereich löst die Stadt mit Bravour. Gleichzeitig gilt meine Aussage von damals immer noch: Man muss sich als Neuzuzüger informieren, eingliedern, man muss mitmachen. Diese Aufgabe ist nie ganz abgeschlossen.

Zum Verkehr sagten Sie: Tempo 30 solle an sinnvollen Orten eingeführt werden, die Zürcher-/Badenerstrasse müsse aufgewertet, die Situation im Industriequartier verbessert werden.

Die Zürcher-/Badenerstrasse haben wir aufgewertet durch mit Bäumen bepflanzte Mittelinseln. Tempo-30-Zonen haben wir in den letzten zwölf Jahren sechs realisiert. Das ist etwas weniger, als ich wollte. Im Gebiet Silbern haben wir mit dem Bau von zwei Kreiseln, der Fahrstrasse, der Neugestaltung der Riedstrasse und der Lancierung der S-Bahn-Station Silbern einiges, aber nicht alles erreicht.

Nun ziehen Sie sich nach 24 Jahren aus der Lokalpolitik zurück. Wenn Sie jetzt zurückblicken: Wie hat sich Dietikon in dieser Zeit verändert?

Als ich in die Politik eingestiegen bin, war Dietikon noch dörflich, heute ist es eine Stadt. Sie ist urban und hat deutlich mehr Einwohner, Firmen und Arbeitsplätze.

Neuste Zahlen zeigen, dass das Wachstum nach vielen starken Jahren nun abflacht. Ist der Boom vorbei?

Im Moment sieht es gerade so aus. Aber diese Entwicklung ist stark abhängig vom Wohnraum, der auf den Markt kommt. Die Zahl wird in Dietikon sicher weiter ansteigen, auch wenn wohl weniger stark.

Nun hat sich nicht nur Dietikon entwickelt. Auch Sie haben sich verändert. Mein persönlicher Eindruck ist: Sie sind entspannter geworden.

Auf jeden Fall bin ich immer noch gleich engagiert und habe ein inneres Feuer – auch wenn man das vielleicht nicht immer merkt, weil ich eher als ruhig wahrgenommen werde. Aber in meinem Innern brodelt es. Doch die Erfahrung, die mir mehr Gelassenheit gebracht hat, lässt mich vielleicht entspannter wirken.

Sie treten im Alter von 64 Jahren als Stadtpräsident zurück. Wollten Sie nicht bis zur Pensionierung warten?

Ich wollte nicht nochmals eine Amtsperiode anfangen und dann nach ein oder zwei Jahren aufhören. Aber ich habe mir lange überlegt, ob ich nochmals vier Jahre anhängen soll. Ich kam jedoch zum Schluss, dass es auch ein Leben nach der Politik gibt. Zudem wollte ich zu einem Zeitpunkt gehen, an dem mein Abgang noch eine gewisse Überraschung auslöst.

Mit 64 Jahren noch etwas Neues anzufangen, ist mutig. Was kommt nun?

Sicher ist, dass ich mich weiterhin in irgendeiner Form für Dietikon einsetzen werde. Auch beruflich gibt es diverse Optionen. Ich habe mir ein halbes Jahr gegeben, um mich neu zu orientieren.

Gibt es schon spruchreife Pläne?

Es ist noch etwas zu früh, um darüber zu sprechen. Schliesslich ist es kaum möglich, sich neben dem intensiven Job als Stadtpräsident bereits etwas Neues aufzubauen. Zuerst muss ich das eine abschliessen, bevor ich mich um neue Aufgaben kümmern kann.

Hat eine davon mit Politik zu tun?

Nein, dieses Kapitel ist abgeschlossen.

Nun gilt es, sich von ganz vielem zu verabschieden. Wie gut können Sie loslassen?

Das ist eine Erfahrung, die ich in diesem Ausmass gar noch nie gemacht habe. Sie löst sehr gemischte Gefühle aus. So habe ich beispielsweise ganz viele tolle Mitarbeitende, von denen ich mich mit grossem Bedauern verabschieden werde. Zudem bin ich in sehr viele Projekte involviert, die ich nun aus den Händen geben muss. Das ist nicht einfach. Ich bin aber auch zum Schluss gekommen, dass es nie fertig ist. Und dass jede Person ersetzbar ist. Trotzdem ist das Loslassen für mich wirklich eine neue Lebenserfahrung.

Sicher werden Sie aber schon ein Auge darauf haben, was der neue Stadtpräsident machen wird?

Ich werde meinem Nachfolger sicher nicht dreinreden. Denn wenn ich einen Schlussstrich ziehe, ziehe ich einen Schlussstrich.

Ihr Job ist sehr beliebt. Gleich vier Kandidaten reissen sich darum. Haben Sie einen Wunschkandidaten?

Das habe ich, aber ich werde mich nicht dazu äussern. Weil ich mich nicht einmischen will, bin ich auch in keinem Unterstützungskomitee.

Es ist gut möglich, dass Ihr Sohn Sie zwar nicht als Präsident, aber im Stadtrat ersetzen wird. Welche Tipps geben Sie ihm mit auf den Weg?

Mein Sohn ist sehr selbstständig und weiss genau, was er will. Ich weiss nicht, ob er Tipps vom Vater will. Raten würde ich ihm aber, die Nähe zur Bevölkerung zu suchen und kreativ zu sein.

Blicken wir noch ein wenig zurück. Was war Ihr grösster Erfolg?

Einerseits sind es kleine Begegnungen, bei denen ich jemandem helfen oder Zuversicht vermitteln konnte. Andererseits sind es die ganz grossen Projekte: beispielsweise, dass es gelungen ist, das Niderfeld einzuzonen und ein tolles städtebauliches Konzept dafür zu entwickeln. Meine Vision ist, dass dort unter dem Namen «Smart City Dietikon» dereinst energieautark gelebt wird. Das Potenzial ist enorm.

Was haben Sie in Ihrer Zeit in der Dietiker Politik gelernt?

Natürlich sehr viel Fachliches. Aber auch, dass man Geduld haben muss. Dass zwar eine Demokratie viele Vorteile hat, dass aber auch alles breit abgestützt sein muss und vieles länger dauert, als man meint.

Was war Ihre grösste Niederlage?

Eine Niederlage war sicher das gescheiterte Mietschulhaus Limmatfeld, bei dem es uns nicht gelungen ist, richtig zu kommunizieren, was wir planen.

Bedauern Sie es auch, dass es dem Stadtrat nicht gelungen ist, der Bevölkerung die Vorteile der Limmattalbahn schmackhaft zu machen?

Ja, dass das noch nicht gelungen ist, war für mich eine Überraschung, aber auch eine Enttäuschung. Dabei haben wir die Vorteile der Stadterneuerung und die Lösung der Verkehrsproblematik immer wieder aufgezeigt. Aber letztlich hat wohl vor allem die Angst vor der Veränderung zu diesem Dietiker Nein geführt. Im Hinblick auf die erneute Volksabstimmung werde ich mich hier weiter einsetzen. Das Thema liegt mir persönlich sehr am Herzen.

Als Stadtpräsident kann man es nie allen recht machen. Welche Kritik hat Sie besonders geschmerzt?

Ich kann generell gut mit Kritik umgehen – die sich auch in Grenzen gehalten hat. In der Regel habe ich mich gefragt, was die Motivation hinter der Kritik ist. So kann man vieles erklären.

Dem Stadtrat wurde gern vorgeworfen, er verwalte mehr, als er gestalte.

Wie stark die Stadt sich in den letzten zwölf Jahren verändert hat, zeigt, dass dem nicht so ist. Noch nie war die Stadtentwicklung so dynamisch.

Als Stadtpräsident steht man immer in der Öffentlichkeit. Freuen Sie sich auf mehr Privatsphäre?

Ich mochte den Kontakt mit der Bevölkerung immer sehr. Aber es stimmt: Wenn ich in der Migros einen Salatkopf kaufen will, dauert das sehr lange, weil ich an jeder Ecke für einen Schwatz stehenbleiben muss.

Wenn nun diese definierende Rolle des Stadtpräsidenten wegfällt, kommt dann die grosse Leere?

Das Interesse an mir hängt sehr stark mit meiner Funktion als Stadtpräsident zusammen. Wenn diese wegfällt, ist man danach plötzlich niemand mehr? Ich werde lernen müssen, damit umzugehen – und die Leere auszufüllen.

Dafür werden Sie auch mehr Freizeit haben. Was fangen Sie damit an?

Ich will Freundschaften mehr pflegen – und mehr Zeit mit meiner Frau verbringen: mit wandern, Natur, reisen. Dazu freue ich mich, wenn ich endlich Zeit habe, meine Fotos zu sortieren.

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