Interview

«Lesen holt uns aus dem Alltag»: Regine Aeppli ist neue Präsidentin der Johanna-Spyri-Stiftung

Regine Aeppli konnte es als Kind kaum erwarten, lesen zu lernen. Lesen relativiere die eigenen Sorgen, findet die Zürcher Alt-Regierungsrätin.

Regine Aeppli konnte es als Kind kaum erwarten, lesen zu lernen. Lesen relativiere die eigenen Sorgen, findet die Zürcher Alt-Regierungsrätin.

Im Gespräch: Alt Regierungsrätin Regine Aeppli (SP). Sie ist neu Präsidentin der Johanna-Spyri-Stiftung.

Was für ein Buch lesen Sie gerade?

Regine Aeppli: Ich lese «Die Ausgewanderten» von W. G. Sebald, einem deutschen Nachkriegsschriftsteller.

Warum gerade dieses Buch?

Ich gehöre einem Leseclub an, in dem die Mitglieder jeweils reihum ein Buch vorschlagen. Aufs nächste Treffen lesen wir dieses Buch von Sebald, worüber ich mich gefreut habe, denn ich hatte schon lange nichts mehr von ihm gelesen.

Worum geht es in dem Buch?

Es ist eine schöne, ausführliche, präzis erarbeitete Beschreibung von Auswandererschicksalen. Mir gefällt auch, dass das Buch so einen langsamen Flow hat.

Haben Sie einen Lieblingsautor oder ein absolutes Lieblingsbuch?

Ich bin nicht der Typ, der überall sofort seine Favoriten benennen kann. Dafür ist die Vielfalt des Lebens doch viel zu gross. Ich lese sehr gerne Werke des südafrikanischen Nobelpreisträgers John Maxwell Coetzee oder des Engländers Julian Barnes. Auch Michael Ondaatjes Bücher mag ich sehr gerne. Und ich bin ein Fan von Ilija Trojanow.

Erinnern Sie sich an das allererste Buch, das Sie gelesen haben?

Ein wichtiges Buch in meiner Kindheit war «Der Schmied von Göschenen». Die Geschichte vom Bau des Weges durch die Schöllenenschlucht mit der Teufelsbrücke und vom Buben Heini, der als Leibeigener aufwuchs, eröffnete mir eine mir zuvor unbekannte Welt in unserem Land.

Haben Sie schon als Kind gerne gelesen?

Meine Mutter sagte, ich hätte kaum aufs Lesenlernen warten können. Lesen war für mich etwas vom Liebsten.

Kann ein Buch das Leben verändern?

Ja, davon bin ich überzeugt. Ein Buch kann auch dazu führen, sein eigenes Leben ganz neu zu sehen und zu verstehen. Etwas, das ich erlebe oder fühle, wird mir plötzlich klarer, weil es aus einem anderen Blickwinkel betrachtet wird oder weil ein Buch Worte für etwas findet, für das ich bloss vage Gefühle hatte.

Lesen Sie gedruckte Bücher oder E-Books?

Beides. Ein E-Book ist praktisch, wenn man unterwegs ist und Zeit zum Lesen hat. Es passt in jede Handtasche, und man hat eine ganze Bibliothek bei sich.

Und was ist für Sie der Vorteil eines gedruckten Buches?

Es ist vielleicht nachhaltiger, weil es im Büchergestell steht und mich dadurch immer wieder an seinen Inhalt erinnert. Mit Büchern leben heisst ja, sie um sich zu haben und anschauen zu können.

Seit Kurzem sind Sie Präsidentin der Johanna-Spyri-Stiftung und als solche auch des Schweizerischen Instituts für Kinder- und Jugendmedien (SIKJM). Warum sollen Kinder und Jugendliche heute noch Bücher lesen?

Weil Lesen das eigene Leben so viel interessanter macht und einen aus dem Alltag herausholt. Lesen kann auch helfen, über eine schwierige Situation hinwegzukommen. Es relativiert die eigenen Sorgen, wenn man liest, was andere Menschen für Schwierigkeiten überwinden müssen – vielleicht grössere, als man selber hat.

Bücher sind aber auch eine Art kulturelle DNA, die uns miteinander verbindet.

Auf welche Art?

Indem sie das Verständnis für die Welt, in der wir leben, erweitern und weitergeben. Es gibt auch Schweizer Bücher, die so etwas wie Kulturkitt sind. Eine literarische Figur, welche das Bild der Schweiz massgeblich geprägt hat, ist zum Beispiel Heidi von Johanna Spyri. Was fällt Menschen ein, wenn man sie auf die Schweiz anspricht? Alpen, einfaches Leben, Tiere, Milch, die ja angeblich sogar gegen Krankheiten wie Lähmungen hilft. Und umgekehrt: Wenn man diese Welt verlassen und in der Stadt leben muss, ist es kein Wunder, wenn man krank wird. Die «Schwarzen Brüder» von Lisa Tetzner zeichnen ein etwas anderes Bild vom Leben in den Bergen: das der Armut, die schon Kinder zur Auswanderung zwingt.

Können Sie sich mit Johanna Spyris Heidi identifizieren?

Ich bin eher ein Stadtmensch; die Heidi-Geschichte löste in mir nie die Sehnsucht nach dem Älplerdasein aus. Mich als Juristin interessierte mehr die Nichte von Johanna Spyri: Emilie Kempin-Spyri, die 1883 als erste Schweizerin an der Universität Zürich ein Jurastudium begann und 1887 promovierte. Als Frau durfte sie in Zürich allerdings weder als Anwältin noch als Dozentin arbeiten und so wanderte sie mit ihrer Familie nach New York aus. Auch nach ihrer Rückkehr legte man ihr nichts als Steine in den Weg. Ihr tragisches Leben endete in einer Anstalt. Ihre Tante Johanna Spyri hat sich leider nie öffentlich für sie eingesetzt.

Das SIKJM engagiert sich nach eigenen Angaben für eine vielfältige Kinder- und Jugendliteratur. Wie macht das Institut das?

Zunächst ganz praktisch über eine auf Kinder- und Jugendliteratur spezialisierte Bibliothek, wo man Bücher ausleihen kann. Das wichtigste Projekt zur Leseförderung ist der einmal jährlich stattfindende Vorlesetag. Das Institut kann dabei auf ein grosses Feld von Unterstützerinnen und Vorlesern im ganzen Land zählen. Auf den Aufruf melden sich jeweils zwischen 5000 und 7000 Personen, darunter auch viele Prominente sowie Politikerinnen und Politiker. Diese lesen selber ausgewählte Texte vor, sei es in Schulen, an öffentlichen Orten oder in Cafés. Daneben gibt es viele weitere Vorlese-Events in Bibliotheken in den Regionen.

An Schweizer Gymnasien werden immer noch Klassiker wie Goethes «Faust» gelesen. Was kann so ein Werk jungen Menschen in der heutigen Zeit noch vermitteln?

«Faust» ist sozusagen ein Urdrama, das von der Dualität von Gut und Böse und der Faszination des Bösen sowie dessen Verlockungen erzählt. Das ist ein menschenspezifisches Thema, mit dem wir bewusst umgehen müssen. Es ist vor allem die Aufgabe von Lehrpersonen, die Bedeutung solcher Texte in jeder Schülergeneration neu herauszuarbeiten.

Was für einen Klassiker würden Sie heutigen 18-Jährigen empfehlen?

Wenn Bücher, die vor hundert Jahren geschrieben wurden, heute zur Klassik gehören, dann «Radetzkymarsch» von Joseph Roth oder «Doktor Schiwago» von Boris Pasternak. Beide Werke beschreiben Zeiten des Umbruchs.

Und was für ein modernes Buch?

«Die Tagesordnung» von Eric Vuillard. Der Franzose, der für das Buch mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, hat jahrelang minutiös Quellen ausgewertet und erzählt die Geschichte von der Machtergreifung der Nazis und vom Anschluss Österreichs auf eine Art und Weise, wie wir sie bisher noch nicht gelesen haben. Die 160 Seiten sind ein Lehrstück über das Zusammenwirken von Geschäftsinteressen und politischem Opportunismus. Und es macht erst noch Spass beim Lesen.

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