Es ist eine regelrechte Kehrtwende, die der Zürcher Stadtrat vollzogen hat. 2016 hatte der damalige Sicherheitsvorsteher Richard Wolff (AL) für einen Abschnitt der Brandschenkestrasse im Zürcher Kreis 2 eine Reduktion von 50 auf 30 km/h angeordnet. Bei den Strassen hingegen, die von den Buslinien 66 und 72 befahren werden, verzichtete er auf eine Temporeduktion. Die Nachteile für den öffentlichen Verkehr schienen ihm zu gross.

200 Anwohnerinnen und Anwohner ergriffen daraufhin zusammen mit dem VCS Zürich Einsprache gegen die mangelhafte Lärmsanierung in Wollishofen entlang der Mutschellen-, Rieter-, und Waffenplatzstrasse. Das geschah im Oktober des Jahres 2016.

Mit der neuen Sicherheitsvorsteherin Karin Rykart (Grüne) hat der Gesamtstadtrat nun eine Neubeurteilung der Situation vorgenommen. Beim Abwägen zwischen den Nachteilen für den öffentlichen Verkehr und den Vorteilen der Lärmentlastung und der höheren Verkehrssicherheit habe er die Vorteile stärker gewichtet als im Jahr 2016, schreibt der Stadtrat in einer Mitteilung.

Rund 3000 Anwohnerinnen und Anwohner betroffen

Im Brunaugebiet seien ausgesprochen viele Leute vom Strassenlärm betroffen. Rund 3000 Anwohnerinnen und Anwohner seien es an der Zahl. Wie die jüngsten Erhebungen ergeben, würden in dem Gebiet dank der Temporeduktion auf nur noch 30 km/h tagsüber ein Viertel und nachts ein Drittel der Bevölkerung vor übermässigem Lärm geschützt.

Die Temporeduktion werde ausserdem die hohen Unfallzahlen senken. Der VCS spricht von 138 Verkehrsunfällen mit 59 Verletzten und 8 Schwerverletzten auf den betroffenen Strassenabschnitten in den letzten fünf Jahren. Der Stadtrat schreibt, dass er sich auch an der bundesgerichtlichen Rechtsprechung orientiere.

Für Markus Knauss, Co-Geschäftsleiter des VCS Zürich, ist der Stadtratsentscheid «nur logisch». Er vollziehe damit Entscheide des Bundesgerichts. Denn dieses habe im Februar 2016 deutlich gesagt, Tempo 30 dürfe, wenn es um die Reduktion des Strassenlärms gehe, nur ausnahmsweise verweigert werden.

So gesehen sei der VCS Zürich erfreut über den Entscheid des Stadtrats, sagt Knauss. Ihn befremde aber, dass er nach dem Entscheid des Bundesgerichts zwei Jahre und neun Monate dafür benötigt habe.

«Bis anhin war die Stadt nicht willens, Tempo 30 einzuführen», sagt Knauss. Sie habe immer mit der Verhältnismässigkeit argumentiert, sobald der öffentliche Verkehr betroffen sein könnte. Aufgrund von Tempo 30 komme es zu Verspätungen und damit zu Mehrkosten, lautete das Credo. Knauss fordert vom Stadtrat, dass dieser jetzt umdenkt. Er müsse sich vom Fokus auf den öffentlichen Verkehr lösen und überlegen, an welchen Strassenstücken er mit Tempo 30 möglichst viele Anwohnerinnen und Anwohner vor Lärm schützen könne. In der Stadt Zürich würden 140'000 Lärmbetroffene leben. Lediglich 25'000 von ihnen würden derzeit von solchen Massnahmen profitieren.

Gehe es nach dem VCS, würde Tempo 30 in der Stadt Zürich vor allem dort eingeführt, wo viele Personen wohnen. Tempo 30 müsse für die Autofahrer nachvollziehbar und plausibel sein. «Vielleicht wäre es sinnvoll, das in den Stadtkreisen 1, 4 und 5 flächendeckend einzuführen», sagt Knauss. An wenig bewohnten Ausfallstrassen sei Tempo 30 hingegen nicht prioritär.

Laut Auskunft des Sicherheitsdepartements hat sich der Stadtrat für Tempo 30 auf den genannten Strassenabschnitten entschieden. Stadträtin Karin Rykart habe das verfügt und nun werde das mit einer 30-tägigen Rekursfrist ausgeschrieben.