Pandemie

Kantonsweit entstanden Notspitäler: «Spanische Grippe» erreichte in Zürich ungeahnte Dimensionen

Postkartenansicht eines Lazaretts für Patienten der Spanischen Grippe von 1918. Militärdefilee vor General Ulrich Wille in Zürich im November 1918.

Postkartenansicht eines Lazaretts für Patienten der Spanischen Grippe von 1918. Militärdefilee vor General Ulrich Wille in Zürich im November 1918.

Über 50 Millionen Menschen starben 1918/19 weltweit an der sogenannten Spanischen Grippe. Nie zuvor hatte eine Krankheit in so kurzer Zeit so viele Menschen dahingerafft.

Auffällig oft traf es Männer zwischen 20 und 40 Jahren. Die Ursprünge der Krankheit sind trotz des irreführenden Namens unklar. Spanien war aufgrund seiner Neutralität im 1. Weltkrieg einfach das erste Land, in dem ohne Zensur offen darüber berichtet wurde. Doch bereits im März 1918 hatten Soldaten in den USA entsprechende Symptome. Der Krieg trug zur weltweiten Verbreitung dieser ungewöhnlich aggressiven Grippe bei.

Im Mai 1918 traten erste Fälle in der Schweiz auf. Von Westen her breitete sich die Krankheit aus. Zuvor starben in der Schweiz pro Jahr durchschnittlich 750 Menschen an einer Grippeerkrankung. Diesmal wurden es gegen 25000. Der Zürcher Regierungsrat fasste das Wüten der Grippe in einem Schreiben an den Bund vom 8. Juli 1919 mit nüchternen Worten zusammen: «Ende Juni und anfangs Juli brach sie auch bei uns explosionsartig fast überall zu gleicher Zeit aus. Im August und September schien sie wieder abflauen zu wollen, kam aber dann entgegen aller Erwartung im Oktober zu einem nochmaligen alle Begriffe übersteigenden Ausbruch. Erst in den beiden letzten Monaten des Jahres 1918 ging die Epidemie endlich in erheblichem Masse zurück und ist heute nahezu vollständig erloschen.»

Die Behörden warteten zunächst ab. Grippewellen kannte man. Auch diese würde vorbeigehen. Doch diese war anders. In Zürcher Fabriken fielen plötzlich grosse Teile der Belegschaften aus. Und im Kantonsspital Zürich wurden Mitte Juli die Platzverhältnisse «äusserst prekär», wie der Regierungsrat ein Jahr später in seiner Bilanz festhielt.

Am 18. Juli rang sich der Bund zu einem Versammlungsverbot durch. Schulen wurden geschlossen. Auch Theater und Kinos gingen zu. Doch die Krankheit kam im Herbst in einer zweiten Welle wieder. Erst daraufhin erliess der Bund im Oktober 1918 eine ärztliche Meldepflicht für Grippeerkrankungen; es folgten Bundeserlasse zur finanziellen Absicherung von Pflegepersonal im Falle von Krankheit und Tod sowie die Zusicherung von Finanzhilfe für Gemeinden und Kantone sowie für Menschen, die wegen des Versammlungsverbots ihre Arbeit verloren. Im Mai 1919, nach dem Abebben der dritten Grippewelle, hoben die Behörden die Massnahmen wieder auf.

Im Kanton Zürich entstanden 1918 landauf, landab Notspitäler. Zuerst liess der Kanton das Kantonsspital Zürich um eine Krankenbaracke für gut 30 Patienten erweitern. Beim Kantonsspital Winterthur diente ein benachbartes Kindergartengebäude als Notspital. Auch auf dem Land wurden Notspitäler eingerichtet, insbesondere in industriellen Gemeinden, wie der Regierungsrat schrieb. So bekamen auch Affoltern am Albis, Adliswil, Horgen, Langnau, Meilen, Uster und Oberwinterthur Notspitäler.

Kantonsweit erkrankten laut Regierungsrat 106825 Menschen an der Spanischen Grippe, wobei unklar ist, wie hoch die Dunkelziffer lag. Der Kanton Zürich hatte damals gut 500000 Einwohnerinnen und Einwohner; 2662 von ihnen erlagen der Pandemie.

Grosskundgebungen auf dem Höhepunkt der Pandemie

Die tödliche Grippewelle fiel in eine Zeit der Verunsicherung. Es herrschte Krieg. Die neutrale Schweiz blieb zwar von kriegerischer Zerstörung verschont. Doch die sozialen Spannungen nahmen zu. Während der Kriegsjahre von 1914 bis 1918 waren die Reallöhne um bis zu 30 Prozent gesunken. Lebensmittel wurden knapp. In Zürich spitzte sich die Lage im November 1918 weiter zu. Die Spanische Grippe erreichte in der Woche vom 13. bis 19. November ihren Höhepunkt mit 6162 gemeldeten Fällen allein in der Stadt Zürich, wie den «Zürcher Statistischen Nachrichten» von 1937 zu entnehmen ist. Genau in jener Zeit, vom 12. bis zum 14. November, kam es zum Landesstreik.

Grosskundgebungen und Streiks der Arbeiterschaft trafen auf Grossaufgebote der Armee, die zur Sicherung von Ruhe und Ordnung in Zürich einberufen wurde – und das auf dem Höhepunkt einer Pandemie! Arbeiterschaft und Bürgertum schoben sich im Nachhinein gegenseitig die Schuld zu am Tod von hunderten grippeerkrankten Soldaten. Die Pandemie-Leiden der Zivilbevölkerung hingegen wurden damals in der öffentlichen Debatte kaum thematisiert, wie die Historiker Christian Sonderegger und Andreas Tscherrig in ihrer Abhandlung «Die Grippepandemie 1918–1919 in der Schweiz» schreiben.

Vom Leid der Bevölkerung erzählt dafür eindringlich das Tagebuch des damals 16-jährigen Zürcher Gymnasiasten Eduard Seiler, das der «Tages-Anzeiger» 2008 auszugsweise publik machte. Seiler half als Pfadfinder, das im Schulhaus Schanzengraben eingerichtete Militärlazarett aufzubauen und zu betreiben.

Er schrieb: «Eines Morgens sassen auf zwei Stühlen ein altes Ehepaar aus dem Luzernischen. Der Mann weinte bitterlich, und die Frau weinte und schrie und tobte beinahe. Ach, diese armen Leute. Ihr Sohn war bei uns auf den Tod krank gewesen, man hatte sie benachrichtigt, und sie waren wegen des Eisenbahnstreikes zu spät eingetroffen. Eine Stunde vor ihrer Ankunft war er gestorben.»

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