Berufsbildung

Jeder fünfte Lehrvertrag wird aufgelöst: «Den Jungen fehlt heute der Biss»

Unter anderem im Friseurgewerbe ist die Quote der Lehrabbrüche überdurchschnittlich hoch. (Symbolbild)

Unter anderem im Friseurgewerbe ist die Quote der Lehrabbrüche überdurchschnittlich hoch. (Symbolbild)

Im Kanton Zürich wird jeder fünfte Lehrvertrag aufgelöst. Ein Gewerbe- und ein Berufsbildungsexperte sagen, woran das liegt— und was zu tun ist.

Jeder fünfte Lehrling im Kanton Zürich wirft den Bettel hin. Diese Tatsache ging beinahe unter, als Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) vor einer Woche die Entwicklung der Berufsbildung von 2008 bis 2017 aufzeigte.

Zwar steigen 60 bis 80 Prozent nach einem Lehrabbruch wieder in eine neue Ausbildung ein. Die hohe Auflösungsquote erstaunt jedoch. Niklaus Schatzmann, Chef des Mittelschul- und Berufsbildungsamtes: «Uns fehlen noch die statistischen Grundlagen, um exakte Schlüsse zu ziehen. Wir wissen lediglich, dass 9,2 Prozent der 25-Jährigen keinen Abschluss auf Sekundarstufe II haben.» Das können nebst Lehrabbrechern auch Jugendliche sein, die vor der Matura das Gymnasium verlassen und oder ohne Berufsabschluss einen Job finden.

Friseure geben häufiger auf

Laut dem Bericht über die Berufsbildung 2008 bis 2017 erfolgen 55 Prozent der Auflösungen im ersten Ausbildungsjahr. Schatzmann nennt zwei naheliegende Gründe: «Entweder stimmt die Chemie zwischen Lernenden und Lehrmeister nicht — oder die Berufswahl hat sich als die falsche erwiesen.» Doch es gibt noch weitere Komponenten.

Auffällig ist, dass im Friseurgewerbe und in der Schönheitspflege sowie im Gastgewerbe und Catering die Quote überdurchschnittlich hoch ist. Zudem geben Männer häufiger auf als Frauen – und Ausländer häufiger als Schweizer.

Auch beim Wiedereinstieg zeigen sich je nach Herkunft Unterschiede. Demnach beginnen Schweizer Jugendliche nach einer Auflösung eher wieder eine berufliche Grundbildung als ausländische.

Viele Lehrstellen vorhanden

Niklaus Schatzmann geht davon aus, dass viele Ausländer das Lehrstellen-System in der Schweiz zu wenig gut kennen. «Das könnte ein Grund dafür sein, dass ausländische Jugendliche ihre Fähigkeiten tendenziell zu hoch einstufen und dann den schulischen oder betrieblichen Anforderungen nicht genügen.» Tief ist die Hürde zum Lehrabbruch auch deshalb, weil das Angebot an Lehrstellen derzeit recht hoch ist. Eine Vertragsauflösung sei aber nicht zwangsläufig schlecht, sagt Schatzmann. «Es ist wie in allen Beziehungen. Manchmal ist es besser, getrennte Wege zu gehen und sich neu zu orientieren.»

Grundsätzlich ist auch Werner Scherrer dieser Ansicht. Scherrer präsidiert den Zürcher KMU- und Gewerbeverband sowie den Zürcher Lehrbetriebsverband. «Das Problem ist nur, dass Vertragsauflösungen für Lehrmeister und Betrieb sehr aufwendig sind», sagt der Bülacher Messerschmied und langjährige FDP-Kantonsrat.

Weniger stressresistent

Gerade in Branchen mit einem grossen Lehrstellenangebot sei es schwierig, gut qualifizierte Lernende zu finden. Wenn dann jeder fünfte Lernende aufgibt, sinken die Freude und Bereitschaft fürs Ausbilden.

Scherrer wünscht sich, dass mehr Jugendliche bis zum Lehrabschluss durchhalten, bevor sie sich neu orientieren. «Früher war bestimmt nicht alles besser», sagt Scherrer, «aber die Lernenden hatten mehr Biss.» Heute seien sie weniger stressresistent. «Dabei ist Durchhaltevermögen wichtig – auch bei der späteren Stellensuche.»

Früh schnuppern gehen

Scherrer sieht noch einen weiteren Grund für die hohe Auflösungsquote: «Oft befassen sich die Schülerinnen und Schüler zu wenig mit ihren Talenten und Interessen. Und wenn sich dann der Coolste der Klasse für eine Kochlehre bewirbt, wollen andere Schüler plötzlich auch Koch werden.» Unabhängig davon, ob sie die Begabung mitbringen oder die unregelmässigen Arbeitszeiten und den unzimperlichen Umgang am Herd verkraften würden.

Scherrer empfiehlt allen Jungen, sich möglichst früh mit der Berufswahl auseinander zu setzen und Schnupperlehren zu absolvieren. Dass im neuen Lehrplan das Fach Berufliche Orientierung in der Sekundarschule immer mehr an Bedeutung gewinnt, freut ihn. «Es ist eine Verbesserung, auch wenn wir vom Gewerbeverband uns noch mehr Lektionen gewünscht hätten.»

Eltern besser informieren

Die Jugendlichen über die Vielzahl der Berufe, deren Anforderungen und Aussichten zu orientieren, ist auch für Niklaus Schatzmann vom Mittelschul- und Berufsbildungsamt zentral. Damit könne man die Zahl der Lehrabbrüche reduzieren, ist er überzeugt.

Das Thema wurde auch an der Tagung «Berufsbildung 2030» diskutiert. Dort einigten sich am Freitag Vertreter aus Bildung, Politik und Wirtschaft darauf, dieses Jahr im Bereich der Berufswahl einen Schwerpunkt zu setzen.

Es zeigt sich: Mit Schulen und Vertretern aus der Wirtschaft sollen Massnahmen erarbeitet werden, um Jugendliche, Eltern, Lehrpersonen und Berufsberater noch besser über Lehrberufe zu informieren.

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