Zwischennutzung

Immer auf Haussuche: Die Zitrone schafft Freiraum in Abrisshäusern

Eine Illustratorin arbeitet täglich in ihrem Atelier im Armit-Gebäude in Altstetten.

Eine Illustratorin arbeitet täglich in ihrem Atelier im Armit-Gebäude in Altstetten.

Den Grundstein für die Gründung des Vereins Zitrone legte eine leerstehende Garage. Dabei beginnt die Geschichte der Organisation eigentlich an der Langstrasse.

Über dem Eingang des gelben Gebäudes in Zürich Altstetten steht in blauen Lettern der Name «Armit». Er gehört der Vergangenheit an. Denn heute ist hier der Verein Zitrone zuhause. Er ist ein Zusammenschluss von Freiberuflerinnen und Freiberuflern, Kunst- und Kulturschaffenden aus allen Sparten, welche sich für Freiräume in der Stadt Zürich einsetzen. Martin «Mämä» Sykora gehört zum siebenköpfigen Vorstand des Vereins, der auf 200 bis 300 Quadratmetern Platz für Filmvorstellungen, Podien, Theateraufführungen, Ateliers, Tonstudios bietet. Hier arbeiten Journalisten, Illustratoren und Programmierer. Auch eine Möbelwerkstatt ist derzeit im Armit-Gebäude eingemietet.

Die Zitrone ist nicht einfach ein weiteres Atelierhaus in Zürich. «Bei uns sollen möglichst viele unterschiedliche Nutzer eine Plattform bekommen», sagt Sykora. Zudem wird nach dem Solidaritätsprinzip vermietet. «Jeder Arbeitsplatz kostet gleich viel, aber es steht jedem Mitglied so viel Raum zur Verfügung, wie es braucht», sagt Sykora. Bühnenbildner oder Kunstschaffende, die beispielsweise Skulpturen machen, würden nun mal mehr Platz als ein Illustrator oder Grafiker benötigen.

Geführt wird die Zitrone paritätisch und ehrenamtlich. Der Verein stellt seinen Raum im Erdgeschoss aber auch externen Veranstaltern zur Verfügung. «So beleben wir auf einfache Art und Weise auch das Quartier.». Aber immer nur für eine befristete Zeit. Denn der Verein nimmt zum Abriss vorgesehene Gebäude unterschiedlicher Grösse für eine befristete Zwischennutzung in Gebrauchsleihe.

Eine Garage als Namensgeber

«Freiräume sind in dieser Stadt ein rares und vor allem unerschwingliches Gut», sagt Sykora. Der ehemalige Teilzeit-Gastronom weiss wovon er spricht. Mit günstigem Freiraum befasst sich der 42-Jährige seit der Schliessung der Bombay-Bar, die im ehemaligen Tessinerkeller nahe der Langstrasse eingemietet war. Oberhalb des Lokals befanden sich Ateliers wie auch die Redaktionsräume des Fussballmagazins «Zwölf», für das Sykora als Journalist arbeitet. Als das Haus zum Abriss freigegeben wurde, machte er sich auf die Suche nach einem neuen Raum. Fündig wurde er auf dem Schlotterbeck-Areal an der Badenerstrasse.

In der ehemaligen Citröen-Garage entstand der heutige Verein. Daher stammt auch der Name «Zitrone». 2013 schafften Sykora und Gleichgesinnte eine Organisation, die selbstverwaltete Zwischennutzung von Gebäuden vereinfachen will. Noch im gleichen Jahr konnte der Verein die ehemalige AMAG-Garage beim Letzigrund beziehen. «Wir hatten über 350 Bewerber für die Räume – das belegt eindeutig den Bedarf nach bezahlbarem Raum», stellt Sykora fest. Seit Anfang Sommer 2016 nutzt die Zitrone die Musikschule Konservatorium im Zürcher Seefeld, Ende 2016 kam die Liegenschaft in Altstetten hinzu.

Haus-Besitzerin Implenia hat dem Verein Zitrone die Zwischennutzung angeboten.

Haus-Besitzerin Implenia hat dem Verein Zitrone die Zwischennutzung angeboten.

Möglicherweise muss der Verein den Kreis 9 jedoch Ende Mai verlassen: «Das ist nun mal die Eigenheit von Zwischennutzungen. Alles ist befristet. Deshalb sind wir immer auf der Suche nach Liegenschaften», sagt Sykora. Dafür verfügt die Zitrone über eine sogenannte «Haussuchgruppe». Bestimmte Mitglieder des Vereins sind laufend auf der Suche nach freiwerdenden Liegenschaften, stehen im Austausch mit den in der Stadt Zürich angesiedelten Firmen. «In gewissen Fällen kontaktieren uns auch Unternehmen, wenn sie wissen, dass ihre Liegenschaften in absehbarer Zeit frei werden», sagt Sykora. So sei auch die Zwischennutzung des Armit-Gebäudes zustande gekommen.

Der Verein verwaltet die Liegenschaft als Nutzer selber und ist die einzige Ansprechperson gegenüber den Eigentümern. Neben Instandhaltung und -setzung übernimmt die Zitrone zusammen mit ihren Mitgliedern auch die Hausarbeiten.

Konkurrenz macht sich breit

Für Firmen wie Implenia, die Besitzerin des Gebäudes in Altstetten, ist das Zwischennutzungskonzept der Zitrone auch eine Alternative, um sich vor Besetzungen zu schützen. «Nicht alle Gruppierungen in der Stadt sind der Zitrone wohlgesinnt – wir nehmen ihnen Räume weg», sagt Sykora. Aber auch die Zitrone hat im Zwischennutzungsmarkt Konkurrenz bekommen.

Was die Zitrone als Verein macht, betreibt das Projekt Interim in Zürich professionell. Das Start-up hat seit seiner Gründung im Jahr 2013 bereits knapp 90 Zwischennutzungen von ehemaligen Altersheimen, Bürogebäuden und Mehrfamilienhäusern in Zürich, Basel und Bern lanciert. Für die Verwaltung der Gebäude verlangt das Projekt Interim von den Liegenschaftsbesitzern Gebühren, zudem leisten die Nutzerinnen und Nutzer ebenfalls einen Beitrag. Genau wegen solch profitorientierten Organisationen, die leerstehende Liegenschaften vermieten, käme günstiger Raum abhanden, sagt Sykora.

Auffallend sei, dass es kaum mehr Liegenschaften im Zentrum von Zürich zur Zwischennutzung gäbe. Das sähe man auch am geografischen Weg, den die Zitrone seit ihrer Gründung vom Kreis 4 bis nun 20 Meter vor Zürichs Stadtrand zurückgelegt hat. «Da die Gentrifizierung von Quartier zu Quartier wandert, kann es schon sein, dass irgendwann wieder mehr Raum in den inneren Kreisen Zürichs frei wird», sagt Sykora. Das sei aber ein langsamer Prozess. Potenzial sieht Sykora allerdings in den noch vorhandenen Garagen im Zentrum: «Diese werden früher oder später in die Peripherie verlegt.»

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