Bezirksgericht Winterthur

Heimliche Sexaufnahmen online gestellt: 29-Jähriger muss mindestens sechs Monate ins Gefängnis

Das Bezirksgericht Winterthur verurteilte den Mann zu einer Haftstrafe von 26 Monaten.

Das Bezirksgericht Winterthur verurteilte den Mann zu einer Haftstrafe von 26 Monaten.

Er lud ungefragt und mit vollem Namen intimste Aufnahmen von Frauen aufs Netz. Jetzt muss der 29-Jährige mindestens sechs Monate ins Gefängnis.

Stellen Sie sich vor, Sie geben Ihren Namen bei Google ein, und der erste Treffer ist ein Video, das Sie beim Sex zeigt, dazu obszöne Beschreibungen, die Sie als «Schlampe» oder «Hure» betiteln. Dies musste eine Frau aus der Region Winterthur erleben. Ihr Ex-Freund hatte sie viele Jahre zuvor heimlich mehrfach beim Liebesakt gefilmt und die Videos ab 2016 auf diverse Pornoplattformen hochgeladen, mit ihrem vollen Namen.

Gestern stand ihr Peiniger vor Bezirksgericht, ein 29-jähriger Schweizer. Die Liste der Delikte, die ihm angelastet wurden, war lang. In der Hauptsache ging es um mehrfache Verletzung der Privat- und Intimsphäre und um Verleumdung. Zudem um ein Betäubungsmitteldelikt: Bei der Durchsuchung hatte die Polizei eine Anlage zum Cannabis-Anbau gefunden. Eingeklagt war auch Schändung. 2015 soll der Mann einer schlafenden, alkoholisierten Bekannten durch die Kleidung an den Brüsten herumgespielt haben, was er filmte und ins Netz stellte. Von einer dritten Frau verbreitete er Fotos, über die er onaniert hatte, dazu Texte mit Sexfantasien in denen er die Geschädigte mit vollem Namen nannte.

«Ich kiffte damals viel»

Was hatte den Angeklagten zu diesen Taten bewegt? «Ich weiss es nicht», sagte der Mann, der in fast allen Punkten geständig war. «Ich kiffte damals viel, arbeitete kaum und war sehr unzufrieden mit meinem Leben. Und ich wollte auch wissen, wie die Leute reagieren.» Die Kommentare anderer Benutzer hätten ihm einen Kick gegeben. Rache sei kein Motiv gewesen. Aber warum genau diese Frauen? «Es war das einzige Material, das ich hatte.» Inzwischen habe er sich gefangen. Er habe aufgehört zu kiffen, arbeite und mache eine Psychotherapie.

Über seine Motive stritten auch die Juristen im Saal. Der Staatsanwalt sah in seinem Tun einen systematischen Versuch, den Ruf der betroffenen Frauen zu untergraben: «Eine niederträchtige Mischung aus Rachegelüsten und Selbstsucht». Der Verteidiger wollte dagegen nur eine «geringe kriminelle Energie» gelten lassen. Die Taten seien die Folge einer «unreifen Persönlichkeit» gewesen, gepaart mit Cannabiskonsum, depressiven Verstimmungen und Arbeitslosigkeit. Als sein Mandant die Folgen seiner Taten begriffen habe, habe er sich sehr betroffen gezeigt.

Das Gericht sah dies als Krokodilstränen, insbesondere da der Mann auch nach zwei Verhaftungen erneut Inhalte ins Netz gestellt hatte. «Es handelt sich um ein gravierendes Verschulden», sagte die Vorsitzende, die den Mann antragsgemäss zu 26 Monaten Haft verurteilte. Sechs davon muss er absitzen, zudem muss er der Privatklägerin 4200 Franken Schadenersatz und 8000 Franken Genugtuung zahlen. «Es ist kaum ein Szenario vorstellbar, in dem die Privat- und Intimsphäre der Geschädigten noch schwerer verletzt würden», sagte die Richterin. Sie erhoffe sich vom Urteil eine gewisse Signalwirkung. Rechtsgültig ist es noch nicht, ein Weiterzug ans Obergericht ist möglich.

Auch der Pornografie schuldig gemacht

Ein Nebenast des Prozesses war die Frage, ob sich der Angeklagte auch der Pornografie schuldig gemacht hat. Die Staatsanwaltschaft bejahte das, denn er habe «pornografische Aufnahmen einem unbestimmten Personenkreis im Alter von unter 16 Jahren zugänglich gemacht.» Dies, weil er Plattformen wie Pornhub benutzte, die keine effektiven Alterskontrollen durchführen. Das Gericht folgte dieser Begründung. Das ist auch über diesen Prozess hinaus interessant, denn solche Plattformen boomen.

Vergeblich hatte der Verteidiger gemahnt, man dürfe die Benutzer nicht für die Fehler der Anbieter haftbar machen. Pornhub und ähnliche Portale seien «populär und salonfähig», argumentierte er. In den vier grössten Zürcher Tageszeitungen sei Pornhub über 150 Mal erwähnt worden. Keine Treffer habe er hingegen in juristischen Datenbanken gefunden; das Delikt werde offenbar nicht verfolgt.

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