Es ist 17 Uhr und Sandra Haslebacher sitzt in der Christoph Sauter Kaminfeger AG in Weiningen. Die schwarze Uniform mit dem roten Halstuch hat die 38-Jährige bereits gegen Jeans und Pullover ausgetauscht. Der Kaffee dampft auf dem hölzernen Tisch. Da unterbricht die Meldung der Sekretärin den Feierabend. Ein Notruf einer Kundin erreicht die Zentrale.

In einem Haus in Dietikon scheint die Heizung nicht zu funktionieren. Sandra Haslebacher wechselt wieder in den Arbeitsmodus. «Ich werde nachsehen, was genau los ist», sagt sie und mit einem Blick zur Sekretärin: «Sag der Frau am Telefon, ich sei in einer Viertelstunde da.»

Sie dreht auf dem Absatz und fährt mit dem grossen blauen Fahrzeug ab.
Der Alltag der Kaminfeger besteht zu einem grossen Teil aus Reinigung und Kontrolle der Heizanlagen. Haslebachers Lieblingsinstrument ist ein rotes Reinigungsset mit Akkubohrmaschine. Das sogenannte «snap lock», ist ein rotierendes Kamin-Bürstensystem, mit dem die Kaminfeger Kamine und Lüftungen reinigen können. «Damit sieht man ein wenig aus wie ein Jedi», sagt sie mit einer Anspielung auf die StarWars-Filme und schwingt lachend das Gerät über die Schulter.

Der Beruf erfüllt für Haslebacher verschiedene Wünsche: Sie arbeitet selbstständig, kann sich bewegen und hat Kontakt zu diversen Leuten. Doch hätte man ihr vor ein paar Jahren gesagt, dass sie heute schwarz gekleidet mit einem blauen Auto durch den Bezirk fährt und die Kamine säubert, dann hätte sie dem Betreffenden den Vogel gezeigt.

Vom Haarsalon zum Kaminfeger

Elf Jahre war Haslebacher als Coiffeuse tätig. «Danach wusste ich, nun kommt etwas komplett anderes», sagt sie. Einige Monate arbeitete sie als Gärtnerin, doch während dieser Zeit habe sie durchbeissen müssen. Die Kälte draussen in der Natur und die Härte der Arbeit machten ihr zu schaffen. So bewarb sie sich als Kaminfegerin und startete als 33-Jährige die dreijährige Lehre im Betrieb von Christoph Sauter in Weiningen.

In ihrer Klasse waren sechs Lehrlinge. Die Hälfte davon waren Frauen. In ihrem Betrieb ist sie aber in der Unterzahl. Dort ist sie neben vier Kollegen die einzige Kaminfegerin. Früher war der Kaminfegerberuf eine reine Männerdomäne. Das hat sich geändert. Haslebacher sieht es heute jedoch nicht als Nachteil, als Frau in diesem Beruf zu arbeiten. Manche Kunden seien sogar froh, wenn eine Kaminfegerin komme. «Ich habe es jedenfalls noch nie erlebt, dass jemand dachte, ich könne meinen Job nicht gleich gut ausführen wie ein Mann.»

Das Vertrauen, das die Hausbesitzer den Kaminfegern entgegenbringen, ist gross. «Sie geben uns den Schlüssel, danach arbeiten wir oft alleine», sagt Haslebacher. Müsste sie sich nochmals entscheiden, würde ihre Wahl noch immer auf den Kaminfeger-Beruf fallen. «Doch ich würde vielleicht ein wenig früher damit anfangen», sagt Haslebacher. Ihr Alltag ist voll mit Bewegung und körperlicher Tätigkeit. Das ändert sich jedoch auch nach dem Feierabend nicht.

Dann trainiert Haslebacher indonesische Kampfkunst oder ist draussen in der Natur aktiv. «Ich tobe mich gerne ein wenig aus, egal ob beim Bouldern oder beim Festen mit Freunden.»
Pro Jahr werden rund 80 Kaminfeger in der Schweiz ausgebildet. «Das sind genug, vorausgesetzt wir schaffen es, dass sie dem Beruf treu bleiben», sagt Paul Grässli vom Kaminfegerverband Schweiz.

Im Durchschnitt sind 50 Prozent der Kaminfeger Frauen. Damit diese trotz Schwangerschaft auf dem Beruf bleiben, hat der Verband extra einen Fond für das Krankentaggeld eröffnet. «Mit diesem zahlen wir ähnlich wie beim Militär 80 Prozent des Lohns während des Ausfalls», so Grässli.

Der vergessene Beruf

Obwohl Kaminfeger als Glückssymbol gelten, gerät der Beruf zunehmend in Vergessenheit. «Manche dachten, ich sei Polizistin oder von der Security, weil ich eine Taschenlampe am Gürtel trage», sagt Haslebacher. Andere hätten unumwunden gefragt, ob es den Beruf der Kaminfeger noch gebe. Auch wenn der Beruf aufgrund der Digitalisierung zunehmend weniger mit verrussten Kaminen zu tun hat, sind die schwarzen Handwerker weiterhin nötig, um die Luft sauber oder ganz einfach die Räume warm zu halten. Denn ist der Ofen nicht geputzt, bringt er auch eine schlechte Heizleistung.

Fällt dies den Kunden spontan auf, klingelt das Telefon bei den Kaminfegern in Weiningen. Manchmal braucht es nicht viel, um die Kunden zu beglücken. Beim Notfall für den Haslebacher nach Dietikon ausrücken musste, war es bloss ein Knopf, der gedrückt werden musste. Bis Haslebacher bei der Kundin war, lief die Heizung wieder einwandfrei. «Wir sagen den Kunden jeweils, dass es besser ist, wenn sie uns einmal zu viel rufen.»