40 Jahre Jugendtreff Geroldswil

Ein Ort, um das Erwachsensein zu üben – Jugendarbeiter Richard Mauersberger blickt zurück

Vor dem Pfarrhaus in Niederglatt steht ein Olivenbäumchen, das Pfarrer Richard Mauersberger stets an die Jugendarbeit im Limmattal erinnert.

Vor dem Pfarrhaus in Niederglatt steht ein Olivenbäumchen, das Pfarrer Richard Mauersberger stets an die Jugendarbeit im Limmattal erinnert.

Der Jugendtreff Geroldswil feiert sein 40-jähriges Bestehen. Richard Mauersberger kümmerte sich 21 Jahre lang als Jugendarbeiter um das Angebot der reformierten Kirche Weiningen. Zum Jubiläum erinnert sich der Pfarrer aus Niederglatt zurück.

Ein kräftiges Olivenbäumchen schmückt den Steingarten vor dem Pfarrhaus in Niederglatt. Seit 2012 kümmert sich Richard Mauersberger dort als Seelsorger um die reformierte Kirchgemeinde. «Das Bäumchen habe ich zum Abschied von den Eltern meiner letzten Unterrichtsklasse im rechten Limmattal bekommen, als ich die reformierte Kirche Weiningen verliess und hierher wechselte», sagt der 58-jährige Pfarrer. Der Olivenbaum sei ein wunderschönes Zeichen für Beständigkeit und werde in der Bibel als symbolträchtiges Bild genutzt.

Von 1990 bis 2011 begleiteten Sie als Jugendarbeiter, Sozialdiakon und Katechet Tausende von Jugendliche im rechten Limmattal. Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Richard Mauersberger: An die vielen Begegnungen mit Jugendlichen im Jugendtreff Geroldswil, an Anlässen, Skilagern und im Religionsunterricht denke ich gerne zurück. Schön ist, dass ich mit einigen Jugendlichen, Hilfs- und Assistenzleitern von damals immer noch in Kontakt stehe. Ein paar begleiteten mich zum Beispiel nach Neu-Delhi, wo ich Pfarrer einer Slum-Kirche bin. In einigen Fällen trug die Jugendarbeit auch dazu bei, dass sich die Jugendlichen selbst für Erzieher- und Kinderbetreuungs-Berufe zu interessieren begannen. Es freut mich sehr, dass heute viele von ihnen in diesem Berufsfeld tätig sind. Man kann die Jugendarbeit mit der Arbeit eines traditionellen Landwirts vergleichen. Man sät und sät, wartet und weiss nicht, ob die Saat aufgeht. Als Jugendarbeiter investiert man in die Jugendlichen und braucht Geduld, um zu sehen, ob die Arbeit Früchte trägt. Doch das Warten lohnt sich meist.

Wie kam es damals dazu, dass Sie die Leitung des Jugendtreffs übernahmen?

Ich bin in Unterengstringen aufgewachsen und lernte den Jugendtreff als Jugendlicher 1981 kennen. Der damalige Jugendarbeiter wollte, dass ich in die Jugendarbeit einsteige. Doch hatte ich meine Weichen schon gestellt. Ich konzentrierte mich auf andere Projekte, schmuggelte etwa während der Zeit des eisernen Vorhangs Bibeln von Wien aus nach Osteuropa. Später zog ich in die USA und studierte am Bethany College of Missions in Minnesota Theologie. Wieder kontaktierte mich die reformierte Kirche Weiningen und fragte, ob ich die Jugendarbeit übernehmen möchte. Für mich war es eine schreckliche Vorstellung, an einem Ort zu arbeiten, wo alle wissen, wer ich bin. Wieder wich ich aus und stürzte mich für ein weiteres Jahr in den USA ins Studium. Nach Jahren des Widerstands trat ich 1990 die Stelle dann trotzdem an. Ich setzte mir eine Zeitlimite von zwei Jahren, wollte anschliessend weiterziehen. Doch daraus wurde nichts, ich blieb 21 Jahre.

Die Arbeit war also gar nicht so übel, wie Sie sich vorstellten?

Genau. Es war tatsächlich das komplette Gegenteil. Ich genoss grosses Vertrauen der Kirchenpflege und konnte arbeiten und Projekte umsetzten, so wie ich es für richtig hielt. Diese Freiheit und die abwechslungsreichen Tätigkeiten im Jugendtreff, im Religionsunterricht, bei der Konfirmationsvorbereitung und bei der Planung und Durchführung von Lagern war sehr erfüllend. Ich konnte dank dieser vielfältigen Aufgaben auch viele Synergien nutzen. So bildete ich beispielsweise verschiedene Jugendgruppen, die nach dem kirchlichen Unterricht, die gemeinsame Zeit im Jugendtreff ausklingen lassen konnten.

Was ist Ihrer Meinung nach die Aufgabe eines Jugendtreffs?

Ein Jugendtreff ist ein Ort, an dem Jugendliche in einem geschützten Rahmen lernen, wie man sich als junger Erwachsener verhält. Sie können sich mit Freunden treffen, spielen, konsumieren und streiten – dies immer im Beisein einer erwachsenen Ansprechperson, der sie vertrauen, die sie berät und zuhört, die im Notfall vermittelt und Grenzen aufzeigen kann. Der Jugendtreff ist ein Ort, an dem Jugendliche durchatmen und ihre Rolle für sich selbst und in der Gemeinschaft einüben können.

Mit welchen Herausforderungen waren Sie als Begleiter während dieses Prozesses konfrontiert?

Zu Beginn meiner Arbeit war ich nur etwa zwölf Jahre älter als die Jugendlichen, ich stellte also weder eine Vaterfigur dar, noch war ich ein gleichaltriger Kollege. Ihr Vertrauen zu gewinnen, war deshalb anfangs etwas schwierig. Doch mit der Zeit legte sich das. Der Altersunterschied wuchs, weil ich im Vergleich zur angesprochenen Altersgruppe von 11 bis 18 älter wurde. Schwierigkeiten bereiteten zudem dominante Jugendgruppen, die sich im Jugendtreff aufhielten und andere Jugendliche nur schon durch ihre Präsenz einschüchterten. Ein Problem stellte eine Zeit lang auch der Eingang des Jugendtreffs in der Tiefgarage des Zentrums Geroldswil dar. Die Polizei kam öfters vorbei, weil Jugendliche sich vor dem Eingang versammelten, rauchten, kifften und Alkohol tranken. Teilweise handelte es sich aber nicht einmal um Jugendliche des Jugendtreffs aus den Kreisgemeinden Oetwil, Geroldswil, Weiningen und Unterengstringen. Die Frage, was im Jugendtreff und was ausserhalb passiert, beschäftigte mich eine Weile. Der Konsum von Alkohol und Drogen war im Jugendtreff natürlich stets verboten. Mit dem Aufkommen der Raver-Szene in den 1990er-Jahren und dem damit verbundenen Konsum von synthetischen Drogen verwandelte sich meine Jugendarbeit in eine Präventionsarbeit.

«Man kann die Jugendarbeit mit der Arbeit eines traditionellen Landwirts vergleichen. Man säht und säht, wartet und weiss nicht, ob die Saat aufgeht. Als Jugendarbeiter investiert man in die Jugendlichen und braucht Geduld, um zu sehen, ob die Arbeit Früchte trägt. Doch das Warten lohnt sich meist.»

Richard Mauersberger

«Man kann die Jugendarbeit mit der Arbeit eines traditionellen Landwirts vergleichen. Man säht und säht, wartet und weiss nicht, ob die Saat aufgeht. Als Jugendarbeiter investiert man in die Jugendlichen und braucht Geduld, um zu sehen, ob die Arbeit Früchte trägt. Doch das Warten lohnt sich meist.»

Sie arbeiteten in Geroldswil während über 20 Jahren mit jungen Menschen zusammen und auch heute kümmern Sie sich im Konfirmationsunterricht um Jugendliche. Hat sich deren Verhalten über die Jahre verändert?

Ja, ich stelle durchaus einen Wandel fest, der wohl ab der Jahrtausendwende mit der Benutzung des Mobiltelefons begann. Die Jugendlichen individualisierten sich dadurch immer mehr. Während sie davor miteinander spielten, diskutierten und sich stritten, haben sie sich mittlerweile viel stärker in ihre eigene Welt zurückgezogen. Ich merke auch, dass sich Jugendliche generell viel weniger äussern und verschlossener sind, als früher. Sie haben Hemmungen zu äussern, was sie wirklich denken, weil sie Angst vor den Reaktionen anderer haben. Mobbing könnte da sicher eine Rolle spielen. In den 1990er-Jahren hat sich niemand geschämt, anderen die Meinung zu sagen. Ich merke das auch im Religionsunterricht. Die Schülerinnen und Schüler fallen heute nicht besonders auf und diskutieren nicht so angeregt wie früher. Die neue Technik und die Smartphones schulen die Individualität. Man kann mit dem Handy in der Hand Teil einer Gruppe sein, ohne dass die anderen das merken. Die Schwierigkeit für Erwachsene und Lehrpersonen ist es, herauszufinden, ob die Jugendlichen nur physisch oder auch psychisch anwesend sind. Als Jugendarbeiter ist es natürlich so viel schwieriger, den Zugang zu den Jugendlichen zu finden. Ich denke, für die jungen Menschen selbst wäre es auch besser, wenn sie zwischendurch das Handy weglegen und sich mit Gleichaltrigen unterhalten und streiten würden. Durch Auseinandersetzungen lernen sie, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Für gute Diskussionen fehlt ihnen heute aber auch das Wissen. Jugendliche fokussieren sich auf Schlagzeilen. Sobald Themen in die Tiefe gehen, ist Schluss. Von der engagierten Klimajugend erlebe ich wenig in meinem Unterricht. Die Mehrheit der jungen Menschen geht nicht demonstrieren, sondern versucht, mit dem geringsten Widerstand über die Runden zu kommen.

Das von Ihnen beschriebene Phänomen wird die Jugendarbeit künftig wohl stark beschäftigen. Was wünschen Sie dem Jugendtreff Geroldswil für die nächsten 40 Jahre?

Ich hoffe, dass sich Jugendliche weiterhin in diesem geschützten Rahmen auf das Erwachsenenleben vorbereiten können. Den Jugendarbeitern wünsche ich viel Geduld und Empathie im Umgang mit den Jugendlichen.

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