Dietikon

Dietiker Stadtschreiberin: «Ich wünschte mir mehr Durchmischung»

Sie gab Vollgas für den Bezirkshauptort: Karin Hauser in ihrem Büro B 131 im Stadthaus vor einem Werk des Dietiker Künstlers René Gubelmann.

Sie gab Vollgas für den Bezirkshauptort: Karin Hauser in ihrem Büro B 131 im Stadthaus vor einem Werk des Dietiker Künstlers René Gubelmann.

Zwölf Jahre lang liefen bei Stadtschreiberin Karin Hauser die Fäden zusammen. Heute nimmt sie Abschied.

Als Stadtschreiberin ist Karin Hauser seit Juni 2007 das rechtliche Gewissen der Stadt Dietikon. Heute hat sie ihren letzten Arbeitstag, gibt ihr Amt im Beisein des Bezirksrats offiziell ab.

Denn sie ist für Höheres berufen. Ab Montag ist sie stellvertretende Generalsekretärin der Zürcher Volkswirtschaftsdirektion. Und damit eine der engsten Mitarbeiterinnen von Regierungsrätin Carmen Walker Späh (FDP).

Das weckt in Dietikon Hoffnungen. Hauser lacht. «Was ich dort für Dietikon und das Limmattal anstellen kann, werden wir sehen. Ich kann nichts versichern», sagt sie.

Klar ist: Hauser bringt einen Fokus auf die Gemeinden mit in die Volkswirtschaftsdirektion. Denn den hat sie zweifelsohne. In den vergangenen zwölf Jahren ging praktisch jedes wichtige Geschäft der Stadt Dietikon über ihren Tisch. Ihre Unterschrift: so etwas wie das grösste Dietiker Ehrenwort. Und unterschrieben hat sie viel.

An so vielen Geschäften hat Hauser mitgearbeitet, dass sie keines besonders hervorheben kann. Limmatfeld? Kronen-Areal? Limmattalbahn? Oder, etwas festlicher, die grosse Kantonsratspräsidiumsfeier des Dietikers Rolf Steiner (SP) im Jahr 2016?

Karin Hauser hat viele Fäden gezogen. Oder dafür gesorgt, dass sie juristisch richtig gezogen werden. Es gab so manchen Freudenmoment, wenn sie nach harten, zähen Verhandlungen einen guten Vertrag für die Stadt abschliessen konnte. Oder vor Gericht gewann, so wie bei der verwaltungsrechtlichen Klage der Firma Halter gegen die Stadt, als die Stadt gewann und das Gericht das öffentliche Interesse am Rapidplatz höher gewichtete als das private. Aber Hauser, die Juristin mit Doktortitel, ist viel mehr als eine Frau des Gesetzes, der Geschäftsordnungen und Verträge.

Kraft ihrer Funktion führte die Mutter eines Elfjährigen auch die Präsidialabteilung der Stadt, die über 60 Angestellte umfasst. Und zu dieser Abteilung gehört neben der Stadtkanzlei, der Informatik und dem Zivilstandsamt auch der Bereich Jugend und Freizeit. Beispielsweise die Freizeitanlage Chrüzacher. «Es war sehr schön, wie sich der Chrüzi in dieser Zeit entwickelt hat. Seien es die neuen Spielplätze oder das 2017 eröffnete Chrüzi-Kafi, das zum totalen Erfolg wurde», blickt Hauser zurück.

Manches lag ihr auch auf dem Magen. Zum Beispiel der Rechtsstreit im Gebiet Silbern, wo nach der erledigten Moorschutzfrage nun die Auenschutzfrage weiter für Stillstand sorgt. «Man erhält schon das Gefühl, es sei eine Never-ending-Story», sagt Hauser. Auch mit Wutbürgern hatte sie zu tun, es gab im Dietiker Stadthaus auch schon Gespräche unter Polizeischutz. «Aber Angst hatte ich nie», sagt sie.

Über 5000 Einwohner mehr

Insgesamt überwiegt die Dynamik, wenn man die Zahlen zurate zieht. Als Hauser in Dietikon begann, hatte die Stadt noch 22 000 Einwohner, jetzt sind es über 5000 mehr. «In unserer Stadt ist gewissermassen eine neue Gemeinde entstanden. Viele Gemeinden haben weniger als 5000 Einwohner», sagt Hauser. Auch die Verwaltung ist gewachsen. 2007 hatte die Stadt noch 469 Mitarbeiter, heute sind es rund 100 mehr.

Es sind die Menschen, die Hauser am meisten Freude und Eindruck machten. Sie lernte, wie sie ticken, was ihre Stärken sind und wo sie an die Grenze kommen. Hatte sie früher, als sie noch Gerichtsschreiberin am Zürcher Verwaltungsgericht war, fast nur mit Juristen zu tun, lernte sie in Dietikon Arbeitskollegen aus ganz verschiedenen Bereichen kennen. «Das fing schon auf dem Weg vom Bahnhof zum Stadthaus an, wenn ich die Mitarbeiter des Werkhofs sah, wie sie Strassen putzen. Alle Stadtangestellten machen ihren Job mit Leidenschaft und identifizieren sich sehr stark mit Dietikon, ob sie hier wohnen oder nicht», sagt Hauser.

Selbst ist sie in der Weininger Fahrweid aufgewachsen und wohnt heute im Aargauer Limmattal, was ihr auch schon den einen oder anderen Spruch einbrachte. Aber für sie ist klar: «Die Kantonsgrenze ist eine rechtliche Linie, mehr nicht. Ich bin im Limmattal aufgewachsen und lebe hier. Hier fühle ich mich daheim.»

Hauser und der Homo politicus

Ein besonderer Menschentyp, den Hauser kennenlernte, war der mehrheitlich männliche Homo politicus im Stadtrat und im Parlament. Ohne Hauser, als Stadtschreiberin wird sie hin und wieder auch mal als achte Stadträtin bezeichnet, ist der Stadtrat nun ganz männlich. «Persönlich wünschte ich mir mehr Durchmischung. Ein bisschen mehr Weiblichkeit in der Politik wäre gut», sagt sie. Auch selber sei sie bei Anstellungen stets auf eine Durchmischung in Sachen Geschlecht und Alter bedacht gewesen. «Ich bin überzeugt, das bringt jedes Team weiter.»

Nur selber in die Politik, das will Hauser nicht. Obwohl sie mit all ihren Erfahrungen das Rüstzeug dafür hätte – das haben ihr andere schon mehrfach attestiert. «Dich würde ich sofort wählen», habe ihr unlängst eine Mitarbeiterin gesagt. Und in ihrer Wohngemeinde wurde sie schon mehrfach angefragt, ob sie nicht in den Gemeinderat wolle. «Aber ich bin keine Politikerin. Mir gefällt die Rolle der sachlich-fachlichen Unterstützung an der Schnittstelle von Recht und Politik», so Hauser. Besonders spannend waren für sie auch die vielen Sitzungen mit der Geschäftsprüfungskommission, als deren Sekretärin sie von 2007 bis 2011 fungierte.

Den Homo politicus hat sie aber auch von einer privateren Seite kennengelernt. So erinnert sie sich zum Beispiel an einen Stadtratsausflug nach
Braggio im Bündner Calancatal, der 64-Seelen-Patengemeinde von Dietikon. «In solchen Momenten lernt man Politiker von einer geselligen Seite kennen. Dann versteht man, wieso er so ist, wie er ist, und so entscheidet, wie er entscheidet.»

Hausers zwölf Jahre in Dietikon sind eine in sich geschlossene Ära. Als sie anfing, war es die neue Kantonsverfassung, wegen der eine neue Gemeindeordnung und eine neue Geschäftsordnung für den Stadtrat her mussten. Dann wurden Zweckverband-Statuten geändert und das Personalrecht angepasst – und heute steht mit dem neuen Gemeindegesetz schon wieder die Revision der Dietiker Gemeindeordnung an. Diesmal ohne Hauser. «Alles ist im Fluss», sagt Hauser. Auch im Personalrecht: Erhöhung der Mitarbeiterzufriedenheit, Homeoffice, flexible Arbeitszeiten, Digitalisierung et cetera füllen auch jetzt wieder die Pendenzenliste, so schnelllebig ist die Zeit geworden.

Unter Hauser wurde so mancher Schritt in der Digitalisierung vorwärts gemacht. Das beste Beispiel ist das alte Postbuch: «Als ich begann, hatte die Stadtkanzlei noch ein schönes, riesiges Buch, auf der jede eingegangene Post vermerkt wurde. Inzwischen haben wir längst die elektronische Geschäftsverwaltung eingeführt.» Auch fanden unter Hauser zwei Neulancierungen der Website www.dietikon.ch statt. In ihre Zeit fiel auch die Einführung der Abteilungsleiterkonferenz oder der elektronischen Sitzungsführung für Parlament und Stadtrat. Auch das sind nur ein paar Beispiele.

Auch in den kommenden Jahren ist es Hauser nicht egal, was mit ihrer Stadt passiert. «Dietikon werde ich weiterverfolgen. Ich habe hier sehr viel Herzblut investiert», sagt Hauser. Auch fürs ganze Limmattal hat sie sich eingesetzt. So vertrat sie die Limmattaler Gemeindeschreiber auf kantonaler Ebene, war – als ehemalige Querflötenspielerin in der Stadtjugendmusik Dietikon – Vorstandsmitglied der Dietiker Musikschule und fungierte auch im Spitalverband als rechtliches Gewissen. Ob Karin Hauser noch etwas hinzufügen wolle, wurde auch an den Spital-Sitzungen oft gefragt, um sich zu vergewissern, dass rechtlich alles rund ist. «Ich hatte immer das Vertrauen, das war mir auch sehr wichtig», sagt Hauser. Das Vertrauen hat sie sich erarbeitet. Auch mit ihrer ruhigen, sachlichen Art, die auf manche unnahbar wirken konnte. «Jeder hat nun mal seine Rolle. Beruflich bin ich eher der reservierte Typ. Privat bin ich anders.» Eine gute Stadtschreiberin müsse denn auch «exakt, verlässlich, loyal und verschwiegen» sein, führt Hauser aus. Ihre Nachfolgerin oder ihr Nachfolger steht noch nicht fest. Bis es so weit ist, hält Stellvertreter Arno Graf die Stellung.

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