Die Nacht war kurz für Andreas Hauri. Nachdem seine Wahl in den Zürcher Stadtrat am Sonntagabend feststand, feierte der Grünliberale zunächst mit seinen Parteikollegen in der Weinlounge «Buonvini» im Zürcher Oberdorf. Dann gings weiter zu den Genossen der SP im Volkshaus, wie er gestern in der Kantonsrats-Kaffeepause verriet. Beziehungspflege mit der mächtigsten Stadtzürcher Partei? Hauri lächelt. Und fügt rasch an, auch die Grünen hätten die GLP am Wahlabend in der Buonvini-Lounge besucht. Es scheint ein wenig wie beim Sechseläuten zu sein, bei dem sich die Zürcher Zünfte gegenseitig in ihren Stammlokalen aufsuchen.

Zum Abschluss der Wahlnacht zog Hauri dann noch weiter in die «Olé Olé Bar» an der Langstrasse. «Und wenn man dorthin geht, kommt man nicht gleich nach zehn Minuten wieder raus», sagt der frischgewählte Stadtrat offenherzig. Es sei halb drei Uhr morgens geworden, bis er heimkam.

Tags darauf sitzt er pünktlich um 8.15 Uhr wieder auf seinem Platz im Kantonsrat. Hauri schüttelt unermüdlich Hände. Auch FDP-Regierungsrätin Carmen Walker Späh ist unter den Gratulanten.

Ein Nashorn in der Kaffeepause

Es ist ein guter Tag für die GLP. Nicht nur in Zürich hat die Partei 14 Jahre nach ihrer Gründung die Wahl in die Exekutive geschafft. Auch in Schlieren errang sie am Sonntag einen Stadtratssitz; in Kilchberg und Langnau am Albis verteidigte sie Exekutivposten.

Zur Feier des Tages hat GLP-Kantonsratsfraktionschef Benno Scherrer ein Schokoladen-Nashorn mitgebracht, das sich die Grünliberalen nun in der Kaffeepause teilen. «Das Horn soll ja Potenz verleihen», witzelt einer von ihnen. Die GLP ist an den Schalthebeln der Macht angekommen.

Parteigründerin Verena Diener hatte ihren Regierungsratssitz einst als noch Grüne errungen. Bei Zürcher Stadtratswahlen war die GLP vor fünf Jahren mit Daniel Hodel chancenlos, als dieser für die Nachfolge von Martin Vollenwyder (FDP) kandidierte. Damals gewann Richard Wolff (AL). Ein Jahr später versuchte sich der Zürcher GLP-Gemeinderat Samuel Dubno als Stadtratskandidat. Er landete auf dem 13. Platz – hinter den beiden seinerzeit ebenfalls gescheiterten SVP-Kandidaten.

Zwei Departemente im Visier

Jetzt hat es also Hauri in die Regierung der Kantonshauptstadt geschafft. Er erreichte bei der Wahl für den neunköpfigen Zürcher Stadtrat Platz acht. «Die Zeit war reif für die ökologische und progressive Mitte», sagt er am Wahlabend, «so wie die Zürcher mehrheitlich leben und denken.» Und weiter: «Ich bin ein liberaler, progressiver Mittepolitiker. Das hat gefehlt im Zürcher Stadtrat.» Minutenlang steht er im Blitzlichtgewitter der Fotografen.

Doch bald gilt es ernst: Mitte Mai werden im neugewählten Zürcher Stadtrat die Departemente verteilt. Hauri hatte schon im Wahlkampf Interesse am Gesundheitsdepartement bekundet, als Noch-Gesundheitsvorsteherin Claudia Nielsen (SP) kurz vor den Wahlen ihren Abgang ankündigte. Zudem empfahl sich Hauri, derzeit Geschäftsleiter der Bildungsgruppe des Kaufmännischen Verbands, im Wahlkampf als Digitalisierungsminister für die Stadt Zürich.

In seiner Gratulationsrede während der Kantonsrats-Kaffeepause nennt GLP-Fraktionschef Scherrer nun auch das Departement der Industriellen Betriebe als mögliche künftige Wirkungsstätte für den Neugewählten. Diese Option habe Hauri ebenfalls schon genannt. Darauf angesprochen, gibt sich der Betroffene am Tag nach der Wahl so bescheiden, wie es üblich ist: Er nehme es, wie es komme. «Bald heisst es Abschied nehmen von euch», sagt Hauri zu seinen Kantonsrats-Fraktionskollegen. «Aber es kommt gut.»