Nach dem Linksrutsch von Zürich am 4. März fallen am kommenden Sonntag auch in den drei nächstgrössten Städten des Kantons wegweisende Wahlentscheide: In Winterthur findet die Stichwahl ums Stadtpräsidium zwischen Yvonne Beutler (SP) und dem Bisherigen Michael Künzle (CVP) statt. In Uster kämpfen bei den Gesamterneuerungswahlen Barbara Thalmann (SP) und Cla Famos (FDP) ums Stadtpräsidium. In Dübendorf ist nach dem Abgang des langjährigen Stadtpräsidenten und Alt Nationalrats Lothar Zjörjen (BDP) ebenfalls das Stadtpräsidium neu zu besetzen.

Gut möglich, dass nach diesem Wahlsonntag die drei grössten Zürcher Städte eine Frau im Stadtpräsidium haben: In Zürich distanzierte Corine Mauch (SP) am 4. März ihren Herausforderer Filippo Leutenegger bereits zum zweiten Mal innert vier Jahren souverän. In Winterthur könnte es ihrer Parteigenossin Beutler nun gelingen, den bisherigen Stadtpräsidenten Künzle zu stürzen.

Beutlers Chance

Im ersten Wahlgang am 4. März, damals noch nicht als Stadtpräsidiumskandidatin, erzielte Beutler bei den Winterthurer Stadtratswahlen jedenfalls das beste Resultat. Sie lag knapp 4000 Stimmen vor Künzle. Die SP wechselte in der Folge Beutler als Stadtpräsidiumskandidatin ein, obwohl diese vor den Wahlen noch erklärt hatte, sie stehe fürs Präsidium nicht zur Verfügung.

Dieser Kurswechsel sowie der Bisherigen-Bonus von Künzle könnten gegen sie sprechen. Doch die Argumente für Beutler sind ebenfalls nicht zu unterschätzen: Als Finanzvorsteherin gelang es ihr, das chronisch arme Winterthur in die Gewinnzone zu lenken. Dabei hatte sie die Politik des zuletzt mehrheitlich bürgerlichen Stadtrats mit umzusetzen. Dennoch: Die Rechnung 2017 mit dem 56-Millionen-Plus konnte sie präsentieren.

Und: Ähnlich wie in Zürich baute die SP auch in Winterthur am 4. März ihre Position als wählerstärkste Partei der Stadt kräftig aus. Die Linke verspürt Rückenwind. Und Beutler ist als erklärte Linksliberale auch für bürgerliche Winterthurer durchaus wählbar. Hinzukommt womöglich ein Frauenbonus: Beutler wäre die erste Frau an der Spitze der Winterthurer Stadtregierung. Das dürfte Wählerinnen mobilisieren.

Handkehrum wäre Künzle der erste Winterthurer Stadtpräsident, der aus seinem Amt abgewählt würde – ein Szenario mit Seltenheitswert. Zumal es bislang nur in 6 der 50 grössten Schweizer Städte Frauen im Stadtpräsidium gibt, wie die «NZZ» kürzlich schrieb.

Thalmanns breite Unterstützung

Seltenheitswert hätte auch die Wahl von Barbara Thalmann zur Stadtpräsidentin von Uster. Nicht nur, weil sie eine Frau ist: Die Architektin und langjährige Stadträtin wäre nach dem 2014 abgetretenen Martin Bornhauser erst das zweite SP-Mitglied im Ustermer Stadtpräsidium. Ihr Vater Hans Thalmann lenkte die Geschicke der Stadt von 1986 bis 1998 als Parteiloser.

Auf Bornhauser folgte SVP-Mann Werner Egli, der nach vier Jahren überraschend abtrat. Im Kampf um Eglis Nachfolge ist der Freisinnige Cla Famos nun Thalmanns Gegner. Beide politisieren seit vier Jahren gemeinsam im Ustermer Stadtrat. Für Unmut im bürgerlichen Lager sorgte die Tatsache, dass sowohl die BDP als auch GLP und CVP nebst den Grünen sich für Thalmanns Wahl ins Stadtpräsidium aussprachen. Damit kommt Thalmann die Favoritenrolle zu, zumal die SP in Uster deutlich stärker ist als die FDP. Und: Mit ihrer erklärten «Vision» einer urbanen Entwicklung Usters, in der auch Verkehrsberuhigung eine zentrale Rolle spielt, hat sie das deutlichere Wahlprogramm als Famos, der sich als Pragmatiker gibt.

Allerdings bleibt abzuwarten, ob die Ustermer Mitte-Wählerschaft der Empfehlung von BDP, GLP und CVP folgt. Der Politologe Lukas Golder vom Forschungsinstitut GFS hat jedenfalls eine Linkstendenz für urbanisierte ländliche Räume ausgemacht: «Sobald an einem Ort neues städtisches Leben entsteht, eine Stadtkultur mit eigener Identität, ist das Potenzial für linke Wahlerfolge da», sagte er dem «Zürcher Oberländer».

Auf diesen Effekt hofft auch die SP in Dübendorf: Nachdem sie 20 Jahre lang nicht im Stadtrat vertreten war, greift sie nun mit Theo Zobrist gleich nach dem Stadtpräsidium. Sein Konkurrent ist SVP-Stadtrat André Ingold. Anders als in Zürich, Winterthur und Uster wird der Kampf ums Stadtpräsidium in der viertgrössten Zürcher Stadt noch unter Männern ausgemacht.