Schlieren

Café Mortal: «Der Tod ist das letzte Tabu»

Susanne Schmid und Schwester Elisabeth Müggler wollen einen Ort schaffen, wo man im geschützten Rahmen über den Tod sprechen kann.

Susanne Schmid und Schwester Elisabeth Müggler wollen einen Ort schaffen, wo man im geschützten Rahmen über den Tod sprechen kann.

Im «Café Mortal» der Einrichtung für betreutes Wohnen in Schlieren plaudert man beim Kaffee über das Sterben. Im geschützten Rahmen können dabei Informationen ausgetauscht und Fragen gestellt werden.

Der Gemeinschaftsraum der Einrichtung für betreutes Wohnen an der Bachstrasse 1 in Schlieren wirkt am späten Donnerstagnachmittag ausgestorben. Leere Kaffeetassen und Teller stehen auf den Tischen. Keine Menschenseele weit und breit. Tatsächlich fand hier gerade erstmals ein Bistro der etwas anderen Art statt. Hier war es möglich, die intimsten Dinge in der scheinbaren Flüchtigkeit eines Kaffeehausschwatzes zu sagen. Hier kam eine lebendige Gemeinschaft zusammen, um einzig über etwas zu diskutieren, das jedem irgendwann passieren wird: den Tod. Und der Anlass nennt sich Café Mortal» (wörtlich übersetzt: «Café tödlich»).

«Die Veranstaltung soll eine offizielle Plattform der Zusammenkunft bieten, wo man spricht und zuhört und weit weg von Spezialisten und Therapeuten über den Tod plaudern kann», sagt Susanne Schmid, Leiterin Wohnen und Pflege. Sie lehnt sich zurück, jetzt, da alle Teilnehmer in ihre Wohnungen zurückgekehrt sind. «In diesem geschützten Rahmen sollen Informationen ausgetauscht und Fragen gestellt werden können.» Etwa: Was ist der Tod? Warum fürchten wir ihn? Oder: Wie soll man sich auf das Sterben vorbereiten?

Den Anfang macht ein Walliser

Schmid wurde von einem Bewohner auf die «Todes-Cafés» aufmerksam gemacht. Diese erlebten in den letzten Jahren einen Boom: Seit der Walliser Soziologe Bernard Crettaz 2004 zum ersten «Café mortel» in Neuenburg lud, hat sich die Idee in der Schweiz verbreitet. In Gesprächen mit weiteren Bewohnern stellte Schmid ein breites Interesse fest. Erst recht, nachdem bekannt wurde, dass Schwester Elisabeth Müggler die Runde moderieren würde. Die 78-Jährige ist in der Einrichtung eine Institution. Die meisten der heutigen Bewohner hatte sie vor fünf Jahren einlogiert. Einem Ehepaar stand sie gar vor dem Tod der Frau als Sterbebegleiterin bei.

Der Tod gehört dazu

«Der Tod ist das letzte Tabu in der Gesellschaft. Obwohl wir heutzutage generell offener sind, bereitet es uns immer noch Unbehagen, über den Tod zu sprechen», sagt Schmid. Doch darüber reden, das müsse man unbedingt. Schwester Elisabeth Müggler fügt hinzu: «Je älter man wird, desto mehr wird einem die Endlichkeit des eigenen Lebens bewusst.» Das Thema Tod sei aktuell für die Leute an der Bachstrasse 1. Alle sind zwischen 70 und Mitte 90. Zwei Drittel, rund 20 Personen, nahmen am «Café Mortal» teil. «Der Tod gehört zu diesem Haus dazu», sagt Schmid. Denn viele Bewohner stellen sich darauf ein, unter diesem Dach zu sterben.

Während der Diskussion erkundigten sich einige Teilnehmer etwa zur Sterbehilfeorganisation Exit oder zur Praktik des Sterbefastens. Einige seien emotional geworden, als sie Erinnerungen vom Verlust Angehöriger austauschten. Es sei aber auch gelacht worden, ergänzt Schmid.
Steckt dahinter also auch ein therapeutischer Ansatz? Im Gegenteil. «Wir gestalteten die Diskussion als offenes Gespräch, ohne Ratschläge zu erteilen», sagt Müggler. Ziel dabei sei, zu zeigen, dass man nicht alleine sei. Hilfreich sei gewesen, dass sich die Bewohner bereits kannten. «Wäre jemand Fremdes anwesend, würden die Gespräche wohl harziger laufen», mutmasst Schmid.

Im Herbst geht es weiter

Für reichlich Diskussionsstoff sorgte die Regelung von Formalitäten. Müggler ist sich sicher: «Die letzte Lebensphase hat eine bessere Qualität, sofern man sich gut auf den Tod vorbereitet hat, formell wie auch persönlich.» Nur der Zeitpunkt, der werde «von oben» bestimmt. Auf die Frage, wie sie den Glauben in die Runde einband, sagt sie: «Als christlich-gläubiger Mensch ist für mich klar, das Leben kommt von Gott und kehrt zurück zu Gott – doch ich möchte niemandem meine Haltung aufzwingen.» Sie sei hellhörig und respektvoll, ungeachtet dessen, ob das Gegenüber an Gott glaube oder nicht.

«Dass Sterben etwas sehr Individuelles ist, hat sich heute gezeigt», sagt Schmid. Sie habe zu vermitteln versucht, dass jeder Weg richtig sei. Die ersten Rückmeldungen seien positiv ausgefallen. Schwester Elisabeth Müggler ist zuversichtlich, dass die Veranstaltung eine «Initialzündung» gewesen sei: «Dieses Zusammentreffen stösst hoffentlich eigenständige Gespräche unter den Bewohnern an.» Im Herbst soll das nächste «Café Mortal» stattfinden.

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