Geroldswil

Auswanderin Desirée Mancia: «Die schneiden den Raclette-Käse in dreieckige Stücke»

Desirée Mancia aus Geroldswil zog vor zwei Jahren aus dem Limmattal nach Atlanta. Im Interview räumt die 31-jährige Auswanderin auf mit Klischees über die USA.

Frau Mancia, vor zwei Jahren haben Sie das Limmattal verlassen und sind nach Atlanta übergesiedelt. Was war der grösste Kulturschock für Sie?

Desirée Mancia: Stromausfälle. Wie kann so oft der Strom ausfallen? Es hat mich am Anfang fertiggemacht. In der Schweiz habe ich ein einziges Mal einen Stromausfall erlebt. In Atlanta passiert das einmal im Monat. Und dann nicht für ein paar Minuten oder eine halbe Stunde, sondern stundenlang. Meine Familie hat mir deswegen zu Weihnachten ein Notfallset mit Kerzen, Zündhölzern und einer Taschenlampe geschenkt.

Die beliebtesten Regionen für Auswanderer in den USA sind Florida, Kalifornien und New York. Warum zog es Sie gerade nach Atlanta in Georgia?

Der Liebe wegen. Mein Mann ist Amerikaner und lebt schon seit einiger Zeit dort. Er ist Tätowierer und besitzt ein eigenes Studio in Atlanta.

Lernten Sie sich in den USA kennen?

Nein, in Winterthur. Ich studierte damals International Management an der Fachhochschule und wollte mir in einem Tattoo-Studio in der Stadt mein erstes Tattoo stechen lassen. Dort traf ich auf Tony. Er war beim Studio-Besitzer zu Besuch. Das ist jetzt fast zehn Jahre her.

War Ihnen sofort klar, dass Sie zu ihm nach Atlanta ziehen würden?

Nein, überhaupt nicht. Wir führten eine Fernbeziehung. 2014 heirateten wir in Zürich. Es war geplant, dass mein Mann in die Schweiz kommt. Wir hatten bereits alle Formulare ausgefüllt. Doch dann entschied er sich um.

Warum?

Er hätte sein Studio und alles, was er sich aufgebaut hatte, aufgeben und in der Schweiz neu anfangen müssen. Mit Deutschlernen tat er sich ebenso schwer.

Sie konnten sich eher vorstellen, Ihr altes Leben hinter sich zu lassen?

Es war schon etwas mühsam für mich, dass er unsere Pläne so über den Haufen warf. Andererseits hielt mich ausser meiner Familie und meinen Freunden nicht so viel hier. Ich hatte einen Bürojob, an dem ich nicht besonders hing. Wir mussten es zumindest versuchen. Auf das ewige Hin und Her hatte ich keine Lust mehr.

Was sagte Ihre Familie?

Meine Eltern und meine Schwester waren traurig, dass ich auf der anderen Seite der Welt leben würde und sie mich nicht mehr so oft sehen können. Sie unterstützten uns aber und ermutigten uns, es zu probieren.

Mindestens zwei Mal im Jahr besuchen Sie Ihre Familie. Was tun Sie als Erstes, wenn Sie zurück sind?

Am ersten Abend essen wir Raclette und trinken eine Flasche Amarone-Wein vor dem Cheminée. Ich liebe es, vor dem Feuer zu sitzen. In den USA zahlt man 80 Dollar für eine Flasche Amarone und 100 Gramm Raclette-Käse kosten 16 Dollar. Und stellen Sie sich vor, die schneiden den Käse in dreieckige Stücke. Wie sollen die ins Raclette-Öfeli passen?

Am liebsten kommen Sie im Winter in die Schweiz.

Ja, genau. Über Weihnachten muss ich hier sein. Es ist dann viel zu warm in Atlanta. Mit T-Shirt kommt keine Winterstimmung auf. Zudem ist alles so kitschig dekoriert. Das Schlimmste ist aber, dass es dort keinen Glühwein gibt.

Das klingt so, als wären Sie nicht sehr angetan von Atlanta.

Das stimmt nicht. Atlanta ist eine coole Stadt, erstaunlich grün. Es gibt viele grosse Pärke. Man hat nicht das Gefühl, dass man zwischen Betonklötzen lebt. Und trotzdem hat man alle Vorzüge einer Grossstadt. Es gibt viele Restaurants, in denen man hervorragend essen kann. Ich habe sogar angefangen, die lokale Küche zu probieren. Eine Spezialität in den Südstaaten sind frittierte Essiggurken. Klingt abscheulich, ist aber ganz lecker.

Wie wurden Sie in den USA aufgenommen?

Sehr gut. Die Amerikaner sind herzlich, offen und hilfsbereit. Das Klischee, dass sie oberflächlich sind, stimmt nicht. Ich hatte keine Probleme, Freunde zu finden. Vermutlich beruht das Klischee auf einem kulturellen Missverständnis. In Amerika ist es üblich «Hello, how are you?» zu sagen, wenn man sich begrüsst. Das ist eine Redensart, wie wenn wir Grüezi sagen. Die Leute erwarten dann aber nicht, dass man sich hinsetzt und ihnen seine Lebensgeschichte erzählt. Die Amerikaner sind grundsätzlich viel lockerer als die Schweizer. Niemand würde da am Morgen schnauben, wenn man auf der Rolltreppe auf der falschen Seite steht wie am Hauptbahnhof in Zürich.

Was ist sonst noch anders im Vergleich zur Schweiz?

Alltägliche Dinge, die in der Schweiz eine Viertelstunde benötigen, dauern hier ewig. Ich habe mal einen ganzen Tag damit verbracht, einen Handyanbieter zu wechseln. Erschrocken bin ich auch, dass man hier das Auto für alles benutzt. So fährt meine Nachbarin zum Abfallcontainer, um ihren Müll wegzuschmeissen. Das sind 50 Meter. Alles ist aufs Auto ausgerichtet. Es gibt sogar Drive-in-Geldautomaten. Und auch der Umgang mit Waffen ist gewöhnungsbedürftig.

Stimmt dieses Klischee also?

Ja. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass jede Hausfrau eine Pistole in ihrem Handtäschchen mit sich trägt. Eine Kollegin von mir hat in jedem Zimmer ihres Hauses eine Waffe. Einer unserer Kunden im Tattoo-Studio ist ein Polizist. Er will mich und meinen Mann schon lange dazu überreden, dass wir uns eine Waffe anschaffen. Und zum Schiessplatz schleppen will er uns auch. Vielleicht gehe ich einmal. Man muss sich ja schliesslich integrieren.

Ihr Mann hat Sie zur Tätowiererin ausgebildet. Seit einem Jahr arbeiten Sie im neuen Studio, das Sie vor zwei Jahren gemeinsam eröffnet haben.

Ja. Wenn man mich vor zehn Jahren gefragt hätte, ob ich mal Tätowiererin sein werde, hätte ich den Kopf geschüttelt. Die Idee war eigentlich eine praktische. Als Angestellte in einem Büro hätte ich sehr wenig verdient. Bezahlte Ferien, Lohnzahlung bei Krankheit und Kündigungsschutz sind in den USA Fremdwörter. Es ist besser, selbstständig zu sein. Dann ist man flexibler. Zudem macht mir das Tätowieren sehr viel Spass.

Ist Ihnen die Auswanderung geglückt?

Ja. Ich bin zufrieden. Das Geschäft läuft. Uns geht es gut. Ich muss aber auch sagen, dass wir das Ganze besser organisiert haben als so manche TV-Auswanderer, die mit ihren letzten 2000 Euro nach Mallorca gegangen sind.

Was würden Sie künftigen Auswanderern raten?

Es ist gut, einen Plan B zu haben. Man sollte zudem nicht davon ausgehen, dass die Leute auf einen gewartet haben. Genügend Geld mitnehmen sollte man auch. Es fallen so viele Kosten an, die man gar nicht bedenkt.

Sehen Sie sich in zehn Jahren immer noch in Atlanta?

Das weiss ich nicht. Momentan gefällt es mir. Mein Mann und ich haben uns gerade ein Häuschen am Stadtrand gekauft. Es hat sogar ein Cheminée wie zu Hause. Ich freue mich darauf, das Haus einzurichten. Wir haben zwei Jahre sehr hart gearbeitet. Nun wollen wir unseren Erfolg auch etwas geniessen. Und wer weiss, wenn wir pensioniert sind, kommen wir vielleicht in die Schweiz zurück.

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