Ruhestand sieht anders aus. Der Aescher Roland Wiederkehr wird im Januar seinen 75. Geburtstag feiern und ist so aktiv wie eh und je. Er sitzt in Vorständen, politisiert, organisiert, berät und macht sich Sorgen um die Zukunft unseres Planeten. Was treibt ihn an? «Ich konnte in meinem Leben so viele Kontakte knüpfen. Da wäre es falsch, wenn ich diese nicht nutzen würde, um Gutes zu tun» sagt er.

Gutes tut Roland Wiederkehr, der 20 Jahre den WWF Schweiz leitete und bis 2003 während 16 Jahren im Nationalrat politisierte, an vielen Fronten. Mit seiner Stiftung Care Cross für Gesundheit und Umwelt setzt er sich unter anderem international für mehr Sicherheit im Strassenverkehr ein.

Mit finanzieller Unterstützung der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) initiiert er in den ehemaligen Ostblockländern, insbesondere in Polen, entsprechende Kampagnen. In Indien unterstützt seine Stiftung das Hilfswerk Jaipur Foot. «Allein dort verlieren jährlich 12 000 meist junge Menschen bei einem Verkehrsunfall ein Bein. Diesen Menschen wollen wir mit unserem Projekt, das für Prothesen Geld sammelt, buchstäblich wieder auf die Beine helfen.»

Für dreissigjährigen Einsatz geehrt

Die negativen Seiten des Strassenverkehrs haben Roland Wiederkehr bereits vor Jahren beschäftigt. 1989 gründete er die Vereinigung der Familien von Strassenopfern und später die Stiftung Road Cross, die unter anderem für die Raserinitiative verantwortlich zeichnete. «Es ist doch nicht in Ordnung, dass einer rasen kann, wie er will und wenn er ein Kind überfährt, wird er lediglich gebüsst und auf Bewährung verurteilt», sagt er. Vor einem Jahr erhielt Wiederkehr in Dublin den President Award der Europäischen Verkehrspolizei (Tispol) für seinen dreissigjährigen Einsatz für weniger Tote und Verletzte im Verkehr und für mehr Hilfe für Opfer.

Im Leben von Roland Wiederkehr gibt es eine Konstante: «Ich wollte immer Themen, die mir wichtig waren, in die öffentliche Diskussion bringen.» Das war bei der Gründung des WWF Schweiz so, als Umweltschutz noch kein Thema war. Die Öffentlichkeit habe in den Sechzigerjahren noch nicht erkannt, dass der Mensch im Stande ist, seine Lebensgrundlagen zu vernichten.

Stiftung mit Gorbatschow

Themen zu setzen, war auch der Motor bei seinem Engagement für die Stiftung Green Cross, die er zusammen mit dem früheren sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow gründete. «Keine Organisation hatte sich bisher um die Schäden des Kalten Krieges gekümmert, um Chemiewaffen und die mit militärischen Giftstoffen verseuchten Böden», sagt Wiederkehr. «Green Cross hat die Schweiz dazu gebracht, den Lead in der Chemiewaffenvernichtung zu übernehmen.»

Für Roland Wiederkehr ist klar: «Ich bin der Pionier. Es interessiert mich, etwas aufzubauen. Wenn es einmal läuft, dann gibt es Leute, die das besser weiterführen können als ich.» Sein jüngstes Projekt hingegen ist völlig anderer Natur. «Wie viele Menschen in der Schweiz ärgere ich mich über die ständig steigenden Krankenkassenprämien und über Politiker, die zwar immer wieder erklären, so gehe es nicht weiter, dann aber doch nicht handeln», erzählt er. Da sei er auf die Hypnosetherapie gestossen, die ihm als Prämiensenker angepriesen wurde.

Hypnose soll Kosten senken

Weil er den Wert einer solchen Behandlung nicht beurteilen konnte, absolvierte er eine Ausbildung zum Hypnotiseur. Anfänglich zwar mit grosser Skepsis, wie er gesteht. «Aber heute weiss ich: Das ist eine sensationelle Sache». Seit über einem Jahr arbeitet der ehemalige Nationalrat als Hypnotiseur und damit das erste Mal in seinem Berufsleben direkt mit Menschen, statt mit Organisationen.

Wiederkehr als WWF-Geschäftsführer auf einer Reise in Afrika.

Wiederkehr als WWF-Geschäftsführer auf einer Reise in Afrika.  

«Wenn man bei allen Leiden, die einen psychischen Anteil haben – und das sind viele – bei Beginn der Behandlung neben der Schulmedizin einen Hypnotiseur beizöge, liessen sich unheimlich schnell Resultate erzielen und Kosten senken», ist Wiederkehr überzeugt. Eine Sitzung genüge und Höhenangst, Flugangst oder Nikotinsucht seien überwunden. Ganz vom Organisatorischen will Wiederkehr aber auch da nicht lassen. Im August gründete er den Schweizerischen Berufsverband für Hypnosetherapie. Als Vorstandsmitglied lobbyiert er in Bern für die Anerkennung dieser alternativen Heilmethode.

Orgelkonzert für sich allein

Der «Tages-Anzeiger» schrieb vor Jahren einmal von den Kreuzzügen des Roland Wiederkehr. Dieser weiss: «Man muss in der Tat hartnäckig sein, wenn man etwas erreichen will. Aber man darf den Leuten nicht auf die Nerven gehen.» Das sei zuweilen eine heikle Gratwanderung. Seine Erfolge belegen, dass ihm diese offenbar gelungen ist. Ideen für neue Projekte sind ihm nicht ausgegangen. «Ich habe so viele interessante Menschen kennen gelernt. Es wäre doch spannend, einen Roman zu schreiben, der diese Menschen verbindet.»

Manchmal verzweifelt Roland Wiederkehr auch ein wenig an der Menschheit: «Ich versuche zu tun, was möglich ist. Aber zuweilen kann ich mich nur noch in den Sarkasmus retten.» Dann holt er sich Inspiration und Trost bei deutschen Satiresendungen. Und zweimal im Jahr setzt sich der Aescher an die Orgel der Birmensdorfer Kirche und spielt – ganz für sich allein.