Schlieren

Als 400 Arbeiter ihren Job bei Coca-Cola verloren: Diese Schlieremerin hat mit Betroffenen gesprochen – und einen Film gedreht

Szene aus dem Film «Ohne Grund» von Franziska Häny. Das Paar erzählt von seinem Leben in der Arbeitslosigkeit.

Szene aus dem Film «Ohne Grund» von Franziska Häny. Das Paar erzählt von seinem Leben in der Arbeitslosigkeit.

Die Schlieremer Autorin Franziska Häny traf in Thessaloniki auf Menschen, deren Existenz mangels Arbeit auf dem Spiel steht und drehte über sie einen Kurz-Dokumentarfilm.

Es ist der erste Film, den Franziska Häny kürzlich fertiggestellt hat. «Ohne Grund – Without any reason», nennt sich der rund zehnminütige Dokumentarstreifen, den die Schlieremer Autorin alleine finanzierte. Das Thema: Wie in Thessaloniki vor rund zehn Jahren über 400 Angestellte ihre Arbeit verloren, als eine Niederlassung der Coca-Cola HBC schloss.

Ein packender Stoff, aber anstelle dieses Kurzfilms hätte Häny ursprünglich einen weitaus längeren Film produzieren wollen, dessen Inhalt sich um Schicksale aus der Textilindustrie in Griechenland und Bulgarien dreht.

Crowdfunding gestartet

Auch dieses Vorhaben hatte seinen Ursprung in Thessaloniki: Viele Textilmanufakturen verliessen vor Jahren die Stadt und zogen ins nahe Bulgarien. Mit dem Resultat, dass tausende Personen in der zweitgrössten Stadt Griechenlands arbeitslos zurückblieben und in Bulgarien die tiefen Mindestlöhne der Fabriken für weiteres Elend sorgten.

Im September vergangenen Jahres startete Häny ein Crowdfunding für die Finanzierung, doch die ersehnte Summe von 27'000 Franken kam nicht zustande. Es war ein Rückschlag, der die ehemalige Deutschlehrerin jedoch nicht aufhalten konnte. Sie wisse, dass sie wegen der mangelnden Erfahrung wenig bis keine Vorschusslorbeeren kriegen werde, sagte Häny noch im Herbst. Also begann sie daraufhin mit der Planung eines Filmprojekts, das sie selbst stemmen konnte.

Bedrohte Existenzen

«In Thessaloniki traf ich auf viele Menschen, die mir von ihren Geschichten erzählten. Die Arbeitslosigkeit ist dort noch immer ein grosses Thema», sagt die 67-Jährige. Bei der Recherche über die Textilindustrie hörte sie auch von einem Betrieb der Coca-Cola HBC, der 2010 seine Tore schloss und damit Hunderte Menschen aus verschiedenen Bereichen arbeitslos machte. Der Betrieb produzierte und füllte Produkte in Lizenz der Coca-Cola-Company ab. Laut Aussagen im Film wurde die Produktion damals auch nach Bulgarien umgesiedelt.

Häny besuchte im Februar mit einer kleinen Film-Crew einige dieser ehemaligen Angestellten in der griechischen Hafenstadt. Viele haben noch immer keine Arbeit gefunden. «Sie haben mich zu sich nach Hause eingeladen, und wiederum andere wollten nicht, dass ich filme, wie sie heute leben.» Es sind kurze Interviewszenen, die bewusst machen, wie ein Leben ohne Arbeit die Existenz ganzer Familien bedroht.

Die Aussagen der Betroffenen treffen einen bestimmten Kernpunkt, der auch zum Titel des Kurzfilms leitet. «Ohne Grund hat man die Fabrik geschlossen», lautet der Tenor. Die Niederlassung in Thessaloniki sei erfolgreich gewesen und man hätte den Betrieb weiterführen können. Freilich vermuten die Protagonisten einen Grund: Es gab offensichtlich günstigere Produktionsorte für den Getränkehersteller. «Noch heute demonstrieren ehemalige Angestellte wegen der damaligen Schliessung auf den Strassen der Stadt», sagt Häny.

Keine direkte Anklage

Seit 2012 befindet sich der Hauptsitz der Coca-Cola HBC in der Schweiz, in Zug – und nicht mehr in Athen. Häny bat Coca-Cola HBC um ein kurzes Interview, damit auch der Standpunkt des Unternehmens im Film vertreten ist. Man sagte ihr, dass man auf ein Kamera-Interview verzichte. Stattdessen wurde die Regisseurin gebeten, ein schriftliches Statement der Firma in ihren Film zu integrieren – was sie auch tat. Man erfährt in diesem Schreiben, dass das Unternehmen noch immer rund 1900 Mitarbeitende in Griechenland beschäftige und es dort als einer der zehn besten Arbeitgeber des Landes gelte. Der Kurzfilm funktioniert ohne eine direkte Anklage. Es wird kein David-gegen-Goliath-Kampf dargestellt. Viel eher zeigt er Menschen, die ihre Empfindungen in Momentaufnahmen erzählen. Sei es über die Art der Kündigung oder über ihr Leben ohne Arbeit. Die Regisseurin fängt eine triste, verzweifelte Stimmung ein, die sie mit Bildern vom ruhigen Meer verstärkt, und sie lässt dabei leise Musik von Chopin erklingen.

Häny hat ihren Film nun bei über 40 Kurzfilmfestivals auf der ganzen Welt eingereicht. «Mein Ziel ist es, dass ich durch diesen Kurzfilm die Möglichkeit erhalte, den bereits geplanten Film über die griechische und bulgarische Textilindustrie zu verwirklichen.»

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Autor

Daniel Diriwaechter

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