Leserbeitrag
Vom Wunderkind zum reifen Künstler

Fabienne Schmid
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Klavierrezital Teo Gheorghiu

Als Zwölfjähriger stand er in Fredi Murers Film „Vitus“ vor der Kamera und erntete uneingeschränktes Lob, ein Wunderkind am Klavier. Wunderkinder verschwinden nicht selten von der Bildfläche, werden verheizt oder geraten in falsche Hände. Nicht so der in Männedorf bei Zürich geborene Teo Gheorghiu. Der mittlerweile 22jährige ist zu einem reifen Künstler geworden. Genau das bewies er in seinem Rezital in Aarau, zu welchem ihn die Hans Huber-Stiftung eingeladen hatte.

Erfreulich war, dass der grosse Saal im Aarauer Kultur- und Kongresszentrum fast ausverkauft war und dass im Publikum erstaunlich viele junge Leute sassen. Nach dem Konzert sagte in rund 14jähriges Mädchen, so weit wolle es auch einmal kommen.

Bekanntes und Unbekanntes

Gheorghiu hatte sein Programm mit bekannten und zu entdeckenden Werken gestaltet. Im ersten Teil erklangen zwei Sonaten aus der Klassik und der Romantik. Mit Joseph Haydns zweisätziger G-Dur-Sonate aus dem Jahre 1784 eröffnete der Pianist sein Rezital. Bereits hier zeigte es sich, dass Gheorghiu Virtuosität mit Charme und feiner Gestaltung zu verbinden weiss. Diese Fähigkeit kam dann insbesondere in Franz Schuberts drittletzter Sonate, jener in c-Moll, zur Geltung, ein halbstündiges, tiefgründiges Werk, das der kranke Komponist in seinem Todesjahr in Wien komponiert hatte. Dieser Tiefe, der spürbaren Verzweiflung, aber auch der Hoffnung, die im Menuett durchschimmert, wurde der Pianist in hohem Masse gerecht, was in Anbetracht seines jugendlichen Alters alles Andere als selbstverständlich ist.

Nach der Pause widmete sich Gheorghiu einem wenig bekannten Klavierwerk von Sergej Rachmaninow. Das Opus 33 entstand 1911, also zwei Jahre nach dem legendären dritten Klavierkonzert, wurde zum Teil aber erst 1947 veröffentlicht. Es besteht aus acht Etüden, aus Bildern, denen Rachmaninow keine Titel zugeordnet hatte. Er wollte die inhaltliche Interpretation der Phantasie des Publikums überlassen. Wie bei Rachmaninow üblich, sind die Stücke technisch äusserst anspruchsvoll. Gheorghiu schienen diese Schwierigkeiten überhaupt nichts auszumachen. Souverän und akrobatisch meisterte er die Klippen, mal kräftig zupackend, mal mit den Tasten flirtend. Es machte ihm sichtlich Spass den Zuhörenden zu zeigen, dass es möglich ist, die „Tableaux“, wie Rachmaninow sie bezeichnete, flink und musikalisch fein differenziert zu interpretieren. Ein akustischer und optischer Genuss!

Das offizielle Programm endete mit Franz Liszts sechstem Walzer, einer humorvollen Referenz an den Wiener Charme und an Franz Schubert. Einmal mehr überzeugte und berührte Gheorghiu mit seiner Virtuosität und seiner reifen Musikalität. Das Publikum war so begeistert, dass es zwei Zugaben, wundersam gespielte Impromptus von Franz Schubert, erhielt. Dieses Rezital wird man nicht so schnell vergessen!

Jürg Nyffenegger