Leserbeitrag
Jazz in der Kirche

Marcel Siegrist
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Versprochen hatte das Programm eine „meditative Tonreise“, und das Tony Renold Quartett mit Trompeter Michael Gassmann, Gitarrist Michael Bucher, Bassist Patrick Sommer und Schlagzeuger Tony Renold löste das Versprechen mit Klangbildern von grösster Zartheit und Poesie ein. Von einer Reise nach Neuengland brachte der Bandleader musikalische Ideen mit, die in Stücke wie „Winnipesaukee“ – der Name einer Seenlandschaft - , „Walden Pond“ – ein See, der durch den Autor Henry David Thoreau Berühmtheit erlangte - , „Algonquin Land“ und „Trains“ mündeten. In einleitenden Worten lud Tony Renold ein, sich beim Zuhören eigene Bilder vorzustellen, etwa die Landschaft des Seetals. Die Musik begann leise, mit Geräuschen des Schlagzeugs, Tupfern von Gitarre und Bass, Melodiefragmenten der Trompete, es folgte ein Dialog, der zum Trio und schliesslich zum vollen groovigen Quartettklang wurde und in einem Diminuendo zurück in die Stille führte. Ans Ende des ersten Stücks knüpfte gleich das zweite an, und in einem grossen Spannungsbogen folgten das dritte und vierte – das erste Set wurde mit begeistertem Applaus verdankt. Das zweite Set bot mit „Malumba Yeo“ eine Komposition des Gitarristen Michael Bucher, die mit Kalimba-Klängen eine afrikanische Note setzte. Mit einer Folge von Gitarre-Akkorden, die im Kirchenraum an Choralklänge denken liessen, begann „Skagen“, eine Komposition des Bassisten Patrick Sommer. Das Konzert schloss mit „Engiadina“ und der Zugabe „Bye bye, Blackbird“ – man hätte weiter zuhören mögen.

Das Musizieren in der Stadtkirche erfordert von den Jazzern grosse Subtilität in Klanggebung und Zusammenspiel. Beim Tony Renold Quartett kam jedes Instrument zur Geltung, die einzelnen Motive, Einwürfe, Impulse waren zu verstehen und fügten sich dennoch zu einem Gesamtklang, der sich von Moment für Moment neu formte. Der grosse Nachhall erlaubte ein Solo wie jenes des Trompeters Michael Gassmann: mit ruhigen Phrasen und Pausen, wo es nur noch Stille und gespanntes Hören gab. Tony Renold erwies sich als Klangzauberer, der sein Instrument intensiv lauschend spielte, es mehr antippte als anschlug, an ihm kratzte, schabte, schüttelte, gelegentlich Akzente setzte und den Verlauf einer Komposition immer im Blick behielt. Michael Bucher war an der Gitarre ebenso energischer Solist wie einfühlsamer Begleiter, während Patrick Sommer mit dem Bass für Tempo und Bewegung sorgte und einfallsreich in Dialog zu Trompete oder Gitarre trat. Bei frühlingshaftem Wetter war eine ansehnliche Zuschauerschar in die reformierte Stadtkirche gekommen. Sie alle gingen reich beschenkt nach Hause.

Lenzburg, 23. Februar 2014 Helene Thürig.