Leserbeitrag
«Ich kann den Lobgesang auf das duale Bildungssystem nicht mehr hören!»

Louis Dreyer
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«Think global – act local! » unter dieses Motto stellte der Rektor der Berufsfachschule BBB, Rudolf Siegrist, sein Referat an einer Veranstaltung der VCU Vereinigung christlicher Unternehmer im Restaurant Mürset, Aarau. Im Zentrum stand der künftige Stellenwert der Berufsfachschulen in der Schweiz. Siegrist beurteilt das Berufsbildungsgesetz 2002 als «fatalen Fehler» und fordert eine schnellere Anpassung der Berufsbildung an die Entwicklung in Wirtschaft und Technologie.

Die Schweiz hat eine der niedrigsten Jugendarbeitslosenquote, und das duale/triale Berufsbildungssystem hat uns zu Wohlstand verholfen. Aber Siegrist relativiert: «Ich kann den immerwährenden Lobgesang auf das duale Bildungssystem nicht mehr hören!» Denn genau dieses Bildungssystem und die dafür zuständige Bildungsbürokratie reagiert auf den raschen Wandel in Technologie, Wirtschaft und Arbeitswelt nur sehr träge, wenn überhaupt. «Die Einführung des neuen Berufsbildungsgesetzes im Dezember 2002 entpuppt sich aus heutiger Sicht als fataler Fehler, der kaum noch korrigiert werden kann», so Siegrist. Dieses Gesetz hat die Berufsbildung kantonalisiert und die dazugehörige Bürokratie verdoppelt.

Berufsbildung nicht zu einem Verlierer machen

Rudolf Siegrist muss sich seit der Einführung des Berufsbildungsgesetzes von 2002 mit der einhergehenden Kantonalisierung befassen. Was der Bund vorgibt, muss von den Kantonen nicht zwingend unterstützt werden. So ist seither kein einziger Innovationsantrag der Berufsfachschule Baden vom Kanton erfolgreich unterstützt worden. Diese Tatsachen stimmen den BBB-Rektor nachdenklich: «Der Spardruck und eine für uns häufig nicht nachvollziehbare Prioritätensetzung der Kantone macht uns das Leben schwer.» Dabei unterliegt die Berufslehre wie keine andere Bildungsgattung einem enormen Anpassungsdruck durch die globale Wirtschaft.

Berufsfachschulen sind Zukunftsschulen

Trotz allem nehmen die Berufsfachschulen einen immer wichtigeren Stellenwert ein, wenn es darum geht ein attraktives Bildungsangebot in diversen Industriezweigen anzubieten. Dieses Ziel wird umgesetzt, indem den Berufslernenden Theorie wie auch Praxis parallel vermittelt wird. Berufslernende der BBB BerufsBildungBaden sind begehrt, da sie zusätzlich in Handlungs-, IT- und Sprachkompetenzen versiert sind. «Berufsfachschulen bleiben attraktiv, wenn die vielversprechenden Zukunftschancen für Jugendliche und Eltern sichtbar aufgezeigt werden.»

Berufslehre attraktiv halten, Bildungsbürokratie abbauen

Rudolf Siegrist warnt: «Die Berufsbildung befindet sich zur Zeit in einer gefährlichen Kurve.» Wenn es nicht gelingt, die Berufslehre für Jugendliche attraktiv zu halten, kann sie neben den gymnasialen Angeboten kaum bestehen. «Mir ist völlig schleierhaft, warum die Berufsmaturität nicht stärkere Unterstützung erhält, da sie den Weg für die Studiengänge der Fachhochschule ebnen können.»

«Berufsfachschulen können in einer neu gelebten Unternehmenskultur eine Plattform eröffnen für neue Berufsfelder.» Im Verbund mit der Wirtschaft sollte es zudem möglich sein, das Tempo für Innovationen bzw. die Einführung neuer Berufsbilder zu erhöhen. Es sei nicht nachvollziehbar, warum Bildungsverordnungen heute so kompliziert seien: langjährige Einführungszeit, bis zu 100'000 Franken Kosten pro Berufsbild. «Wenn die Bildungsverordnungen dann endlich in Kraft treten, sind sie schon wieder veraltet.»

Berufsfachschulen mit modernen Angeboten

Siegrist ist der dezidierten Meinung, dass die Berufsfachschulen künftig nicht nur alsDienstleister wahrgenommen werden, sondern auch als Partner von gefragten Bildungsangeboten tätig werden können. Da aber viele Branchen zunehmend überfordert sind, kann die Berufsfachschule der Zukunft hier wertvolle Unterstützung bieten. «Denn die Berufsbildung der Zukunft», so Siegrist, «lebt von Innovationsfähigkeit der jeweiligen Branche und nicht von deren Geschichtsschreibung.»

Respekt, Fairness, Verantwortung

Mit Anlässen zu aktuellen Themen fördert die VCU den Erfahrungs- und Meinungsaustausch unter den Mitgliedern sowie mit Fachleuten und interessierten Gästen. Hauptfokus ist laut VCU-Präsident Louis Dreyer dabei das «Wirtschaften mit Werten». Ziel der Vereinigung ist es, ihren Mitgliedern unternehmerische, gesellschaftliche und ethische Impulse zu vermitteln und dabei ihre Verantwortung im Umgang mit Gesellschaft und der Welt wahrzunehmen. Dies ganz nach dem Motto: «Respekt – Fairness – Verantwortung».

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