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Good Vibrations in Bremgarten

Marcel Siegrist
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Der 43jährige Musiker aus Detroit spielte am Sonntag 17. November 2013 auf Einladung des Jazzklubs KulaK in den Zeughaussaal Bremgarten. Bei seinen wenigen Ansagen wirkte er schüchtern. Sobald er am Klavier Platz genommen hat, versenkt er sich ganz in sein Spiel, beugt sich tief zur Tastatur hinab.

Bei „But Nor For Me“ setzt er lange das linke Pedal ein, das – vereinfacht gesagt – die Lautstärke dämpft. Dumpf tupft er das Akkordgerüst des Songs hin, wobei er die einzelnen Akkorde so eng setzt, dass sich in ihren Binnenräumen Reibungsschwingungen ergeben. Taborn interessiert sich weniger für die Melodie, die immer wieder zu erahnen ist, als vielmehr für das Schwingen der Obertöne. Er sucht den freien Klang, nicht das Gewohnte. Manchmal wird man an mongolischen Kehlkopfgesang erinnert.

Das Meiste von dem, was Musik eingängig macht, verweigert Taborn auch bei seinen freien Improvisationen: Funktionsharmonik, gebundene Rhythmik, nachvollziehbare Melodien. Rhythmisch gebundene Läufe der Rechten tauchen zwar auf und entwickeln dank präziser Phrasierung auch Sogkraft, aber dann lässt er die Linke dazu gleichzeitig vereinzelte Töne im schweren Rubato tropfen.

Neue Musik hat Taborn eindeutig mehr inspiriert als der Jazz. Selbst bei minimalistischen Passagen, die mit ihrem repetitiven Charakter zugänglicher sein könnten, legt er die Ausgangsmotive so schräg an, dass Zuhören zur Konzentrationsübung wird.

Die Grenze zum Zufall überschreitet Taborn höchst selten, etwa wenn er sich zu Clustern hinreissen lässt. Meist setzt er seine Mittel virtuos und kalkuliert ein, die lyrische Kraft seines Spiels resultiert nicht zuletzt aus einer sehr disziplinierten Spielkultur. Taborns freie Musik ist also das Produkt meisterlicher Beschränkung, das macht sie trotz aller Sperrigkeit höchst interessant.

Dass der Künstler ausgerechnet in Bremgarten zur Hochform aufgelaufen ist verdanken wir seiner sechswöchigen Europatour, die mit diesem wunderbaren Konzert abgeschlossen wurde..