Leserbeitrag
Damit die Kirche im Dorf bleibt

Daniela Deck
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Werner Näf

Kein Gebäude steht so selbstverständlich leer wie eine Kirche. Aber wenn sie genutzt wird, stellt eine Kirche technisch jedes Wohnhaus in den Schatten. Fachleute aus der ganzen Schweiz versammelten sich letzten Freitag in Aarau, um ihr Wissen zur Kirchenkompetenz zu erweitern.

Mit rund 100 Besuchern war das Interesse so gross, dass die Fachtagung vom Pfarreisaal Peter und Paul an den Ort des Geschehens, in die Kirche, verlegt wurde. „Die Schnelllebigkeit hat auch die Kirchentechnik erreicht. Wir begegnen diesem Trend mit unserem langjährigen Know-how, der Vernetzung von Fachleuten und der wissenschaftlichen Absicherung unserer Arbeit“, begrüsste René Spielmann namens der gastgebenden Firmen die Sigristinnen, Sakristane, Kirchenpflegerinnen, Architekten, Ingenieure und Denkmalpflegerinnen. „Denn unser Ziel ist, dass Sie für dieselbe Leistung nicht zweimal bezahlen.“ Den ersten Schritt zu diesem Ziel haben die führenden vier Schweizer Firmen, die Glockengiesserei H. Rüetschi AG, AVM Solutions AG, Gaam Engineering AG und Kirchenweb.ch gmbh mit ihrer Zusammenarbeit getan: Sie haben das Gebäudeautomationssystem syneos entwickelt. Weitere Schritte stellten drei Referenten im Lauf des Nachmittags vor. Bauphysiker Ernst Baumann sprach über die Heizproblematik, Architekt Peter Fässler über Investitionsplanung und der Ingenieur Michael Plitzner über das schonende Läuten von Glocken.

Heizen ja, aber sparsam
„Die meisten Kirchen wurden gebaut, als niemand ans Heizen dachte“, begann Ernst Baumann seinen Vortrag über Energieeffizienz. „Schnitzereien, Glasmalereien, Gemälde, Orgeln sowie Wände und Decken mögen keine Heizung.“ Nicht Temperaturschwankungen seien das Problem, sondern Schwankungen der Luftfeuchtigkeit. Anhand eindrücklicher Diagramme zeigte der Bauphysiker auf, warum es sich lohnt, Kirchen nur punktuell für Anlässe zu heizen oder zumindest die Temperatur abzusenken, von 18 auf 16 Grad beispielsweise. „Ein Grad weniger bringt 10 Prozent Energieersparnis.“ Damit lasse sich auch die Schwärzung der Innenräume durch Russ, Staub und Schimmel verlangsamen. Weiter empfahl er Bank- sowie Warmluftheizungen. Bodenheizungen seien aufgrund ihrer Trägheit für Kirchen ungeeignet.

Gesammeltes Fachwissen hilft Sparen
Architekt Peter Fässler präsentierte die Eckpunkte, die es bei der Sanierung von Kirchen zu beachten gilt. Durch die Kombination von der Abhängigkeit von Steuergeldern, Denkmalschutz und jahrhundertealter Bausubstanz und Technik, sind Kirchensanierungen komplizierte Aufgaben, die alle 30 bis 40 Jahre anfallen. Entscheidend sei, alle Verantwortlichen und Fachleute zu Beginn der Planung ins Boot zu holen. Sonst könne es geschehen, dass aus Unwissenheit Arbeiten in der falschen Reihenfolge ausgeführt würden, etwa die Orgelsanierung vor der Innenrenovation. Von Teilsanierungen riet Fässler aus Kostengründen ab. Lediglich Aussen- und Innenarbeiten liessen sich sinnvoll trennen.
Am Beispiel von Rissen im Verputz zeigte der Architekt auf, weshalb das gesammelte Fachwissen so wichtig ist: „Rund um Fenster sind Risse häufig und meistens harmlos. Wenn sie aber vom Geläut stammen, drohen grosse Schäden.“

So werden Glocken alt
Zuletzt gab Michael Plitzner, Geschäftsführer des Europäischen Kompetenzzentrums für Glocken ProBell, Tipps zum schonenden Umgang mit Glocken. Diese basieren auf wissenschaftlichen Dauerläuteversuchen seit dem Jahr 2005: Versuche, die nun präzise Simulationen für Klöppel, Joche und Läutmaschinen erlauben. Dabei habe sich gezeigt, dass die Härte des Klöppels kaum eine Rolle spielt, hingegen seine Länge und sein Gewicht. Die Belastung der Glocken lasse sich oft halbieren oder um zwei Drittel senken, wobei sich der Klang erst noch verbessere. Lebensverlängernd seien zudem Drehungen der Glocke um 20 bis 40 Grad. Anhand von Klangproben vor und nach Sanierungen erfuhr das Publikum, dass Glocken, den modernen Wünschen folgend, sogar leiser eingestellt werden können, als sie jahrhundertelang geläutet haben – und damit länger im Einsatz bleiben.