Leserbeitrag
Alt-Bundesrat Kaspar Villiger in seiner alten Heimat

Marcel Siegrist
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Die Mitglieder der drei Service-Clubs Kiwanis Homberg, Lions Hallwil und Rotary Wynen- und Suhrental treffen sich nach langer Tradition jährlich im November im Seehotel Hallwil zu einem gemeinsamen Anlass. Jedes Jahr ist ein anderer Club dafür verantwortlich, einen interessanten Vortrag zu organisieren. Dank den freundschaft-lichen Beziehungen eines Mitgliedes des Rotary Clubs zu ihm gelang es diesmal den früheren Bundesrat Kaspar Villiger als Referenten zu gewinnen. Er nahm die Einladung, auch als Referenz an seine alte Heimat an, welcher er viel zu verdanken habe und traf viele alten Bekannte.

Kaspar Villiger stellte ins Zentrum seines rhetorischen Feuerwerks, welches die über 60 Anwesenden sofort in seinen Bann riss, Gedanken zur Schweiz und ihrem Wohlstand. Die politische Stabilität und der wirtschaftliche Erfolg seien erstaunlich, weil die Schweiz ein Vielvölkerstaat ist und über keine Bindekräfte einer gemeinsamen Kultur oder Sprache verfügt. Den Zusammenhalt bringt eine gemeinsame politische Idee. Sie wird von Menschen geschaffen und kann zerfallen. Es braucht den Willen der Menschen sie aufrecht zu erhalten. Eine stabile Gesellschaft, Institutionen und Demokratie generell funktionieren nur dann, wenn sich alle an gewissen Werten orientieren.

Es gibt vereinfacht fünf Anreize, damit Menschen Wohlstand erarbeiten können und wollen:

Marktwirtschaft. Sie bringt aber nur genügend Wohlstand, wenn ihr der Staat genügend Freiräume lässt.

Man darf den Menschen die Früchte ihrer Arbeit und Leistung nicht wegnehmen.

Nur ständige Erneuerung kann auf Dauer den Wohlstand sichern. Strukturwandel bedingt ein soziales Sicherungsnetz.

Faire Verhältnisse, Ausgeglichenheit, eine gewisse Gerechtigkeit

Eine moderne Volkswirtschaft braucht Talente (Bildung, Weiterbildung, Chancengleichheit)

Mit einem kurzen geschichtlichen Rückblick zeigte der Referent auf, dass die Schweiz immer klein und verletzlich, vom Wellenschlag der grossen Welt betroffen und abhängig von Import und Export war. Eine völlige Autonomie war damals und ist heute illusionär. Ohne Offenheit wäre eine erfolgreiche Schweiz undenkbar. Die Strategie war schon immer eine kluge Mischung von Anpassung und Widerstand.

Direkte Demokratie, Föderalismus und das Milizsystem sind Institutionen, welche die Schweiz im wesentlichen charakterisieren. Alle drei geraten aber in der heutigen Zeit unter Druck. Indizien sind

Der schleichende Wertewandel vom Selbstverantwortungsbürger zum Anspruchsbürger

Erosion der Konkordanz und Zersplitterung der Parteien

Übernutzung und Zweckentfremdung des Initiativrechts mit inflationärem Gebrauch zu politischen Marketing-Zwecken

Verrohung der Politik

Auswuchern der Staatstätigkeit, Untergrabung der Selbstverantwortung

Verbreiteter Glaube, dass der Wohlstand gottgegeben ist

Zerfall des Föderalismus

Noch ist die Schweiz im internationalen Vergleich in einem guten Zustand, aber der Vorsprung schmilzt. In folgenden Punkt besteht Handlungsbedarf:

Systempflege der politischen Kultur

Ständige Verbesserung der Standortbedingungen, konkurrenzfähig bleiben

Sicherung der Zugänge zu den Weltmärkten (Lösung mit EU)

Konsolidierung der Sozialwerke

Der Referent schloss seinen hochkarätigen Vortrag mit der Aussage: Unser Wohlstand ist nicht von höherer Instanz abgesichert sondern muss jeden Tag neu erarbeitet werden. Das ist die Wahrheit, welche es den Menschen beizubringen gilt.

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