Serie «Kreatives aus der Krise»
Zuger Schulklasse macht Big Business – dank Maskenständer Fridolin

Lehrer Iwan Haenni wollte nur einen Halter für seine Coronamaske basteln – und landete einen Verkaufsschlager. Zu Besuch bei der Sekundarklasse 3b in Steinhausen, die innert Tagen ihr eigenes Unternehmen zum Laufen brachte und sich nach einer schwierigen Zeit selbst beschenkt.

Kilian Küttel
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617 Maskenhalter namens Fridolin haben die Schülerinnen und Schüler der Sekundarklasse 3b in Steinhausen gefertigt.

617 Maskenhalter namens Fridolin haben die Schülerinnen und Schüler der Sekundarklasse 3b in Steinhausen gefertigt.

Matthias Jurt (Steinhausen, 10. Dezember 2020

Klack. Der blau lackierte Metallarm ist fast so gross wie die Schülerin, vor der er in die Höhe ragt. Klack. Das muss er auch sein, um mit der Apparatur das Gesetz der Hebelwirkung auszunutzen. Klack. «Last mal Lastarm gleich Kraft mal Kraftarm», lautet der Satz, der vom griechischen Physiker Archimedes von Syrakus stammen soll. Klack. Aber wen interessiert das schon...

Sarina Iten steht an einer Werkbank im Untergeschoss des Schulhauses Feldheim und hat nicht die Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, wer das zugrunde liegende Prinzip des Bolzenschneiders ersonnen hat, mit dem sie alle paar Sekunden ein Bündel Schweissdrähte kappt; und dabei ein klackendes Geräusch verursacht wie anderer Leute Väter, wenn sie sich die Fussnägel schneiden. Sarina Iten, 15 Jahre alt, angehende Stiftin in der Pflege, hat zu tun in diesen Tagen kurz vor Weihnachten, in denen sich in Steinhausen so ziemlich alles um Fridolin dreht.

Der Ansturm war riesig – und völlig unerwartet

Fridolin, das ist ein Stück Draht in einem Sockel aus Buchenholz, am oberen Ende mit einem Haken versehen. Fridolin, das ist das aktuelle Schulprojekt der Sek 3b; 19 Schülerinnen und Schüler – zehn Mädchen, neun Buben.

«Fridolin, das ist eine Erfolgsgeschichte», sagt Lehrer Iwan Haenni, der an diesem Donnerstagvormittag Mitte Dezember etwas abseits steht, die linke Hand in die Hüfte gestemmt, die rechte Hand auf einer Schraubzwinge zwischenparkiert, den Blick zum Bolzenschneider gerichtet, der ein Klack nach dem anderen von sich gibt.

Ganz ehrlich: Ich bin fast froh, erscheint der Artikel erst nach Weihnachten. Momentan können wir uns vor Aufträgen kaum retten. Und das sage ich nicht wegen der Redewendung, das ist tatsächlich so.

Oder um Zahlen zu nennen: 617 Fridolins haben Iwan Haenni und seine Schulklasse bis zu den Weihnachtsferien hergestellt, abgeliefert und verkauft. Die Steinhauser Spitex gehört ebenso zu den Kunden wie das lokale Gewerbe oder der Zuger Bildungsdirektor Stephan Schleiss.

Von Hand biegt eine Schülerin den Draht zurecht, an dem später eine Corona-Schutzmaske hängen wird.

Von Hand biegt eine Schülerin den Draht zurecht, an dem später eine Corona-Schutzmaske hängen wird.

Matthias Jurt (Steinhausen, 10. Dezember 2020

Drei Wochen lang gehen fast täglich neue Aufträge ein, mal ordern die Leute einzelne Stücke, mal 20, mal 50 auf einen Schlag. Mal kommen die Bestellungen aus dem Dorf, mal aus Cham, mal aus Schaffhausen oder gar aus Neuenburg. Und das alles, weil es Lehrer Haenni Leid war, seine Maske zu suchen, wenn er das Schulzimmer verlassen wollte.

Also habe ich mir in einer freien Minute ein Stück Draht zurechtgebogen und in einen Sockel gesteckt, an dem ich sie aufhängen konnte.

Haennis Selfmade-Halter steht noch nicht lange auf seinem Pult, da ist das Interesse der anderen Lehrer geweckt: «Im Lehrerzimmer haben mich meine Kollegen gefragt, ob sie auch ein Exemplar bekommen können.»

Unterricht einmal anders

Und so hat Lehrer Haenni – 44 Jahre alt, gebürtiger Walliser – eine Idee: Was, wenn die Halterung nicht nur im Lehrerzimmer gut ankommt? Wenn es da draussen eine Nachfrage gibt? Könnte man die Ständer massenweise und effizient produzieren, bewerben und verkaufen? Und zwar so, dass man dabei noch etwas über Handwerk, Administration und Marktwirtschaft lernt? Man kann.

Ich habe die Idee meiner Klasse vorgeschlagen, und alle waren hellauf begeistert.

Seither investieren sie im Werkraum und im Klassenzimmer hinten rechts im dritten Stock des Schulhauses Feldheim 1 viel Energie in Fridolin.

Nach Absprache mit der Schulleitung sind die Stunden in den Fächern «Natur und Technik» und «Wirtschaft, Arbeit, Haushalt» für das Projekt reserviert; so auch an diesem Donnerstagvormittag, wo Sarina Iten Draht um Draht in ein Runde Öffnung schiebt und sie auf gut 30 Zentimeter Länge kürzt, mit jedem Mal, in dem sich die lila lackierten Fingernägel um den Hebel legen und er nach hinten gezogen wird.

Wenn Sarina Steiner nicht gerade an der Werkbank steht, hilft sie, die Halterungen zu verpacken.

Wenn Sarina Steiner nicht gerade an der Werkbank steht, hilft sie, die Halterungen zu verpacken.

Matthias Jurt (Steinhausen, 10. Dezember 2020

Produktion, Administration, Spedition

«Es ist mal etwas anderes, und ich arbeite sowieso gerne mit den Händen», sagt die 15-Jährige zwischen zwei Klacks. Egal, mit wem von den 19 Schülerinnen und Schülern man spricht, die Antwort ist überall die gleiche. Jede und jeder versichert, Spass am Projekt zu haben. Vor allem, weil es so vielseitig sei.

Und das ist wohl das Verdienst einer guten Planung. Denn es ist nicht so, dass in Steinhausen nur die Produktionsabteilung arbeitet und der Rest nichts zu tun hätte. Das Klassen-Unternehmen ist breit aufgestellt, verfügt nebst Produktion über eine Verpackungsabteilung, eine Administration, einen Sektor Marketing oder einen Webmaster, der die firmeneigene Website betreut.

An einem der zehn Pulte im Klassenzimmer stieren Jan Schlumpf und Marko Miljkovic in einen Laptop. Der zukünftige Lehrling zum Elektroniker und der baldige KV-Stift haben eine Excel-Tabelle vor sich und aktualisieren das Kundenregister: Name, Adresse, Mailkontakt, Anzahl bestellter Stücke. Die Aufgaben ähneln jenen in der Arbeitswelt; die Probleme auch. «Letztens hatten wir Schwierigkeiten mit unserem Kommunikationsprogramm Teams», sagt der 14-jährige Marko Miljkovic.

Lob gibt's von der Hochschule

Clemens Diesbergen ist Prorektor der Pädagogischen Hochschule Zug und leitet das Departement Ausbildung. Für das Projekt der Sek 3b hat er nur lobende Worte übrig:

Diese Aktion ist für uns ein tolles Beispiel dafür, wie eine Lehrperson ihren Unterricht tagesaktuell und flexibel gestaltet.

Die Schülerinnen und Schüler würden so «ganz konkret» erfahren, was Unternehmertum bedeute: «Sie lernen nicht nur, dass man mit einer guten Idee viel erreichen kann, sondern auch, dass es von der Idee über die Produktion und das Marketing bis hin zur Buchhaltung sehr vielfältiges Know-how, Ideenreichtum aber auch Durchhaltewillen braucht, um erfolgreich zu sein.»

Für seine Idee kann sich Lehrer Iwan Haenni ein Lob von der Pädagogischen Hochschule Zug abholen.

Für seine Idee kann sich Lehrer Iwan Haenni ein Lob von der Pädagogischen Hochschule Zug abholen.

Matthias Jurt (Steinhausen, 10. Dezember 2020

Doch beim Lob aus der Forschung, dem Lerneffekt und den vielen Eindrücken bleibt es nicht. Die 19 Schüler und Iwan Haenni haben nicht nur ein Projekt gestartet, an das sie sich lange erinnern werden. Den Gewinn, der Fridolin abwirft, wollen sie in einen Abschlussanlass investieren, bevor sich die Wege der Schulkollegen trennen und sie in die Berufswelt oder an die kantonalen Mittelschulen führt. So könne man sich selber etwas zurückgeben, sagt Lehrer Haenni.

Die Schülerinnen und Schüler mussten dieses Jahr auf vieles verzichten. Wegen Corona haben wird das Klassenlager abgesagt, ebenso konnte die Schnupperwoche nicht richtig stattfinden.

Kaum ist der Satz gesprochen, dreht sich Haenni um zu Joshua Odermatt –14 Jahre alt, bald Maurer und sieht auch so aus. «Und wenn Du dort bist, sagst Du ihm einen lieben Gruss von mir», so Hänni, der seinem Schüler erklärt, wohin er die Lieferung genau bringen soll. Denn Joshua Odermatt ist Vorsteher der Abteilung Spedition. Klar. Er ist ja auch der mit dem Töffli.