Zahnmedizin
Viele gehen zähneknirschend durch die Coronakrise: Verspannungen nehmen zu – was dagegen hilft

Durch die Belastung in der Pandemie verspannt sich oft auch der Kiefer: Bruxismus nennt man das. Botox und Biofeedback-Schienen können helfen.

Jörg Zittlau
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Als gälte es einen Haufen Nüsse zu knacken, kauen die Betroffenen in der Nacht.

Als gälte es einen Haufen Nüsse zu knacken, kauen die Betroffenen in der Nacht.

Bild: Michael Tieck

«Da muss man halt die Zähne zusammenbeissen», sagen wir, wenn die Zeiten schwierig sind – wie jetzt. Und tatsächlich lässt die Coronakrise immer mehr Menschen mit den Zähnen knirschen. Bruxismus heisst das in der Fachsprache. Eine in Polen und Israel durchgeführte Studie belegt dies.

Die Forscher befragten 1800 Probanden, inwieweit sie vom Bruxismus und Sympto- menwie Wangen-Muskulatur-Schmerzen und Knacken in den Kiefergelenken betroffen sind. Im Ergebnis zeigte sich für Israel, dass während des ersten Lock-Downs die Quote der Bruxismus-Beschwerden von 35 auf 47 Prozent und die Quote der Zähneknirscher von 10 auf 36 Prozent hochschnellten. In Polen fiel dazu auf, dass von jenen, die schon vor der Coronakrise mit den Zähnen knirschten, 34 Prozent berichteten, dass sich ihre Bruxismus-Symptome deutlich verschlimmert hätten.

Studienleiterin Ilana Eli von der Tel Aviv University sagt, dass vor allem Menschen zwischen 35 und 55 Jahren mit den Kiefern mahlen. «Sie werden durch die Krise wohl überdurchschnittlich stark belastet», vermutet die Zahn- und Schmerzmedizinerin.

Im schlimmsten Fall müssen die Zähne saniert werden

Das Problem an dieser Art des Stressabbaus ist, dass Kräfte von mehr als 100 Kilogramm auf Kiefer und Zähne wirken. Und das kann Schäden verursachen, von abgeschmirgelten Zähnen und zerbrochenen Kronen bis zu Verspannungen, bei denen sich die Kiefer kaum noch bewegen lassen. Mitunter zieht die Muskelverspannung sogar über den Kopf und Hals bis in den Brust- und Lendenbereich.

Es ist daher kein Wunder, dass immer mehr Aufbiss-Schienen verordnet werden. Ob es sich wirklich lohnt, ist fraglich. So schützen die Schienen zwar das Gebiss, doch auf die nächtlichen Knirschaktionen selbst wirken sie mässig und zeitlich begrenzt auf die ersten Monate.

Die Gebissschiene vibriert, wenn man presst

Sandra Bussadori von der University Nove De Julho in São Paulo sieht grössere Chancen für Botox. Diese lähmende Substanz, bekannt aus der Kosmetik, lässt sich beim Injizieren in die Kaumuskeln so präzise dosieren, dass sie die Kieferschmerzen und das nächtliche Zähneknirschen dämpfen kann, ohne den Patienten tagsüber beim Essen und Sprechen zu behindern. Die Effekte der Injektion halten vier bis sechs Monate an. Doch Bussadori betont: «Gegen die Ursachen des Zähneknirschens helfen sie auch nicht.»

Dazu muss man beim psychischen Mechanismus ansetzen: Stressbewältigungsstrategien und Entspannung. Einen interessanten Ansatz bietet das Biofeedback: Solche Gebiss-Schienen sind mit Drucksensoren ausgestattet, die eine Vibration auslösen, wenn es nachts mit dem Knirschen losgeht. Am Anfang mag man dadurch aufwachen, doch nach einigen Nächten lernt man unbewusst, die Muskelspannung im Kiefer herunterzusteuern, um ungestört schlafen zu können.

Eine Studie der Ludwig-Maximilian-Universität in München untermauert die Erfolgschancen. Forschende haben die Biofeedback-Schienen an 41 Patienten ausgetestet: Die Knirschdauer verringerte sich um 82 Prozent.

Man erhält die Biofeedback-Schienen mittlerweile für rund 80 Franken. Allerdings beklagen einige Anwender, dass sie einige Zeit experimentieren mussten, bis die Schienen richtig eingesetzt waren – wenn es denn überhaupt gelang.