Corona-Beschränkungen
«Wir sind uns selbst eigentlich schon fast zu viel»: Wer eine Familie hat, der ist in diesen Zeiten sozial privilegiert

Mit einer Familie zu wohnen, hat in der Coronakrise einige kuschelige Vorteile. Jedenfalls wenn die Nähe erträglich ist.

Sabine Kuster,
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Egal, was der Bundesrat beschliesst: Familien haben sich auf sicher.

Egal, was der Bundesrat beschliesst: Familien haben sich auf sicher.

Getty Images

Sie stellen das Essen auf den Tisch, sie überhören despektierliche Kommentare über Gemüse, sie versuchen, die Stimmung hochzuhalten – bis es Zeit ist, die Kinder ins Bett zu bringen. Dann kratzen sie schnell Essensreste vom Boden und fragen sich, ob es sich noch lohnt, einen Film zu schauen.

Für Leute mit Familie hat die Pandemie wenig verändert. Es gibt gute Tage und schlechte Tage. Aber immer sind noch andere da, die quasseln, quengeln und manchmal noch vor dem Dessert auf dem Schoss einschlafen. Und im Idealfall gibt es noch eine andere erwachsene Person, ein Gegenüber mit Vernunft und zwei selbstständigen Händen. So lebt es sich in der Kernfamilie.

Ihr wird gerade eine Hoch-Zeit nachgesagt. Vielleicht auch nur ein Zwischenhoch. Jedenfalls ist abends am Familientisch wenig von der Krise draussen spürbar und der eine oder die andere mit einem Gegenüber denkt sich: «Zum Glück haben wir uns schon kennen gelernt. Vor Corona.»

Als Familie kann man nicht vereinsamen

Wer eine Familie hat, der ist in diesen Zeiten sozial privilegiert. Oder wie sagt es eine Frau mit vier Kindern, Mann und zwei Hunden? «Wir sind uns selbst eigentlich schon fast zu viel.» Die Kontaktbeschränkungen machen ihr überhaupt keine Sorgen, sie sorgen in ihrem Leben eher für dringend nötigen Rückzug und Ruhe.

Wer mit jemand anderes die Küche teilt, der wird, ganz egal, was der Bundesrat beschliesst, nicht vereinsamen. Gerade für Familien mit Kindern ist klar: Wir müssen uns genügen. Aber auch: Wir haben uns auf sicher.

Dagegen müssen Singles nun werweissen, mit wem sie sich treffen und welche andere Haushalte vorläufig nicht gesehen werden können. Who is first? Wer ist im innersten Beziehungskreis?

Eine Krise wie diese klärt genau dies ­­– sie sortiert unser Beziehungsnetzwerk und zeigt, wer wie wichtig ist in unserem Leben. Das Problem dabei ist, dass diese Nächsten das vielleicht nicht so sehen. Ist man einer Freundin genau so wichtig wie sie einem selbst? Wenn ja, dann intensiviert die Coronazeit die Beziehung. Wenn nicht, wird einem vielleicht bewusst, dass man zwar Dutzende bester Kollegen hat, aber keinen besten Freund. Und man sitzt in seinem Homeoffice plötzlich ziemlich alleine da. Corona ist ein Prüfstein.

Das kann schmerzhaft sein, aber ändern kann man bekanntlich erst etwas, wenn es einem bewusst geworden ist. Es ist nicht zu spät, um Post-Corona-Gespräche mit besten Kollegen zu vertiefen.

Persönliche Gespräche sind wichtig, um sich näher zu kommen. Und das geht nur unter vier Augen. Von dem her ist die Kontaktbeschränkung auf jeweils zwei Haushalte nicht unbedingt ein Nachteil. Natürlich vermissen wir die ausgelassene, weinselige Runde mit viel Gelächter. Aber haben Sie während einer solchen schon einmal erfahren, was jemanden wirklich beschäftigt?

Einsamkeit ist in der Krise besonders belastend

Guy Bodenmann, Psychologieprofessor an der Universität Zürich, sagt: «Im Vergleich zu ­Singles haben es Personen in einer festen Paarbeziehung oder im Kreis der Familie einfacher.» Sie würden von der Gemeinschaft getragen und hätten immer Möglichkeiten zum direkten Gespräch. Sie können sich halten, umarmen und sich gegenseitig emotional unterstützen. Einsamkeit hingegen ist in Krisensituationen besonders belastend.

Die Familien rückten laut Bodenmann in Krisen wie der Covid-19-Pandemie häufig zusammen. «Sie besinnen sich auf ihre Stärken und unterstützen sich gegenseitig intensiver als vor dem kritischen Ereignis», so der Psychologe. «Wir sehen auch in Untersuchungen zum Einfluss von Covid-19 auf Partnerschaften und Familien keine höhere Verletzlichkeit.» Beziehungen, welche vor der Krise zufriedenstellend waren, bleiben es auch während des Lockdowns oder die Bindung verstärkt sich sogar. Partnerschaften, die vorher in Schieflage waren, stabilisieren sich entweder (indem man erkennt, was man eigentlich aneinander hat) oder die Probleme verschärfen sich.

Zum Glück der Kernfamilie mit eingeschlafenen Kindern auf dem Schoss, wo sowieso niemand mehr Energie hat, in den Ausgang zu gehen, muss unbedingt eine Einschränkung gemacht werden: Es gilt kaum für Familien mit Teenagern oder gar jungen Erwachsenen. Soll ein 17-Jähriger etwa seinen Schwarm in der Stube der Eltern treffen? Müssen die Halbstarken, die vor der Pandemie den Abflug nicht mehr geschafft haben, jetzt einsam vor der Haustüre kiffen?

Für diese Jugendlichen beginnt Weihnachten 2020 schon am 12. Dezember. Also jene Zeit, die sie mit der Familie verbringen müssen und auf dem Smartphone tippend hinter sich bringen.

Noch etwas ist nicht schönzureden: Unser Sozialleben ist auch Zufall, und der fehlt jetzt. Man trifft sich wegen des ­Homeoffice nicht mehr an der Kaffeemaschine im Büro, wo man beiläufig in ein Gespräch verwickelt wurde. Und beim Einkaufen erkennt man wegen der Masken die Nachbarn nicht mehr.

Familie zuerst – auch wer keine Lust hat

Für die beiläufige soziale Wärme und Gespräche, die sich nicht planen lassen, bleibt nur noch der Haushalt. Womit wir wieder beim Loblied auf die Kernfamilie wären. Und beim Mitleid mit den Singlehaushalten. Einer von ihnen, um die 50 und bekannt für seine Nachtessen in grosser Runde, sagt: «Vieles habe ich in diesem Jahr weniger gemacht, aber manches auch erst recht und sicher bewusster.» Und überhaupt, man rede ja nicht von sieben Jahren Kontaktverbot, sondern von Wochen. Nein, Mitleid müsse man mit ihm nicht haben. «In der Familie ist es nur einfacher, weil die von alleine läuft.»

Familie first – zwangsläufig. Ja, man verpasst es sicher nicht, wenn ein Mitglied betrübt ist, aber man bekommt auch die übrige Gefühlspalette ununterbrochen mit.