Retro-Style
Wir rollen zurück in die 80er: Rollschuhe sind bei den Jungen wieder in

Ob auf Partys oder im Sport, Rollschuhfahren feiert sein Comeback. Begegnen wir auch bald Leuten auf zweiachsigen Rollschuhen – zwei Rollen vorne, zwei hinten – auf der Strasse?

Alexandra Fitz
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Back to the 80ies: Rollschuhfahren ist wieder in
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Die Polonaise auf Rollschuhen.
Dave (Mitte) zeigt sein Können auf den acht Rädern in der Mitte der Tanzfläche.
Händchenhalten und sich gegenseitig schieben. An der Rollschuh-Party gibt es keine Berührungsängste.

Back to the 80ies: Rollschuhfahren ist wieder in

Basil Stücheli

Die junge Dame sitzt schon auf ihrem Hintern. Just, nachdem sie hineingeschlüpft ist. Hinein in die Schuhe mit vier Rollen – zwei hinten, zwei vorne. Sie war nach jahrelanger Enthaltsamkeit übereifrig, was das Rollschuhfahren betrifft.

Nachdem sich die Gäste in gekrümmter Haltung, festgeklammert am Geländer, die Treppe hoch geschleift haben, treten sie vorsichtig auf die Tanzfläche. Dort angekommen tanzen sie nicht, sie rollen. Immer schön im Kreis. Ihre Körperhaltung erinnert an Bananen, ihre Beinstellung an Kinder, die den Schneehang im Pflug runterfahren.

Aber: Ihre Augen strahlen. Sie kichern über ihre Mitfahrer genauso wie über sich selbst. Aus den Lautsprechern schallt «She’s a maniac, maniac on the floor. And she’s dancing like she’s never danced before» von Michael Sembello. Kein anderes Lied vermöge es der Situation auf der Tanzfläche besser gerecht zu werden.

Hoher Flirtfaktor

An der Rollschuh-Party im X-tra in Zürich sind nicht nur die Fortbewegungsmittel retro, nein auch die Musik und die Outfits. Die DJs versorgen die Gäste mit Disco-Hits aus den 70er-, 80er- und 90er- Jahren und die kreuzen mit pinken Leggings, Vokuhila-Perücken und neonfarbenen Stirnbändern an der grössten regelmässigen Rollschuh-Disco der Schweiz auf. Bis zu 600 Retro-Fans strömen an den monatlichen Event. «Wir haben die Idee aufgeschnappt und die Party wurde schnell zum Selbstläufer. Die Nachfrage steigt, es kommen immer mehr», sagt Stephan Willi, Programmleiter. Bei 600 Personen sei aber Schluss, sonst sei es auf der Tanzfläche wie im Baregg-Tunnel.

Fahrstil und mitgebrachte Schuhe verraten Profis. Sie gleiten geradezu über den Boden und fahren gerne auch mal rückwärts. So wie Sascha. An den abgenutzten Schuhen erkennt man seine Rollschuhleidenschaft. Er kommt aus Vorarlberg, und weil es «da so etwas leider nicht gibt», reist er extra an. In einem neongelben Anzug mit passendem Hut zieht auch Dave die Blicke auf sich. «Rollschuhfahren ist nicht 08/15, ich schlüpfe nie mehr in Inlineskates», sagt der Teufenthaler.

An der Party gibt es kein Gerangel. Im Gegenteil: Die Gäste halten ihre Hände allzeit bereit, um Fallende zu retten. Festhalten und anschubsen erhöhen den Flirtfaktor. Schutzbekleidung tragen die Partygänger nicht. «Es gibt auch Unfälle», sagt Willi. «Zwei bis drei im Jahr, vom verstauchten Handgelenk bis zum Bruch.» Zu den Verunfallten gehören aber meist die Nüchternen, nicht, wie man meinen würde, die Betrunkenen. Deshalb prangen auf einem Plakat auch Regeln. Die wichtigste: – Inlineskates (Rollschuhe, mit Rollen in einer Reihe (engl. in-line)) sind verboten! Weiter: – Keine Drinks auf der Tanzfläche, – nicht in Gegenrichtung fahren, – unsichere Fahrer auf Testgelände, – zu viel getrunken? Rollschuhe ausziehen!

Wenn Willi den Erfolg der Rollschuh-Party resümiert, kann er sich gut vorstellen, dass in naher Zukunft immer mehr Leute auf dieser Retro-Welle reiten werden. Das fast in Vergessenheit geratene Skateboard feiert schliesslich auch gerade ein Revival auf den Schweizer Strassen.

Die Nachfrage steigt

Der 28-jährige Stefan hat sich vor kurzem Rollschuhe gekauft. Ihm hat vor allem der 80er-Look der Schuhe zugesagt. Er wollte sie sofort haben. Wie der Grossteil der Rollschuh-Käufer musste auch Stefan sein Rollwerk online bestellen. In herkömmlichen Sportgeschäften findet man die «Squads» selten. Das Schweizer Unternehmen Athleticum führt Rollschuhe (140 bis 300 Franken). «Die Nachfrage ist da und steigt», sagt Antonio Govetosa, Leiter Marketing. Der Rolling Rock Shop in Aarau, erste Adresse im Rollsport, nimmt aufgrund von vermehrten Anfragen Rollschuhe neu ins Sortiment auf. Die steigende Nachfrage könne am Aufkommen der Sportart Roller Derby liegen, so Simon Eichenberger von «Rolling Rock».

In Amerika schon längst berühmt, gilt die rugbyartige Vollkontaktsportart, die auf zweiachsigen Rollschuhen ausgeübt wird, bei uns noch als junge Disziplin. Der bekannteste Verein: Die Zürich City Rollergirlz, die heuer ihr 5-Jahr-Jubiläum feiern. Die Szene wird immer grösser: In Genf, Bern und Luzern formieren sich Roller Derby Teams. Die 25-jährige Anna Schmidhalter ist seit einem Jahr Feuer und Flamme für den Sport. «Das Interesse wächst langsam, wir haben immer wieder Anfängerkurse», erzählt die Zürcherin, die bereits ihre Mitbewohnerin und eine Kollegin für den Sport begeistern konnte. Ende Monat treten Anna und ihre Teamkolleginnen auf acht Rollen mit vollem Körpereinsatz in Hotpants und Strümpfen gegen die Konkurrenz aus Kaiserslautern an.

Die Rollschuhe der Zukunft

In den 1950er-Jahren kam das Rollschuhfahren in Europa auf und wurde nach und nach zum Volkssport. Ende
70er bis Mitte 80er wurde insbesondere die USA vom Roller-Disco-Fieber gepackt. In den 90er-Jahren kamen die Inlineskates auf – vier oder fünf Rollen in einer Linie. Sie sind ein Hauptgrund, weshalb viele «klassische» Rollschuhe im Keller verstaubten.

Auch auf der amerikanischen Internetplattform Kickstarter, Vorreiter der Projektfinanzierung via Spenden, kehren die Rollschuhe zurück. Aber nicht im Retro-, sondern im Zukunftsstil. Die Firma Aceton entwickelt Elektro-Rollschuhe, die ihren Träger auf 19km/h beschleunigen. Die sogenannten «RocketSkates» werden mithilfe kleiner Elektromotoren angetrieben und unter die Schuhe geschnallt. Mit Neigung des Fusses wird beschleunigt, zusätzlich werden die Schuhe per App gesteuert. Bei Verkaufsstart sollen drei Ausführungen zwischen 500 bis 700 US-Dollar zur Auswahl stehen, die für 45 bis
90 Minuten Energie liefern.

Bei den Retro-Rollschuhläufern, die sich mit Muskelkraft fortbewegen, lässt zu späterer Stunde im Club X-tra in Zürich auch die Energie nach. Viele Runden haben sie gedreht, viele Stürze überlebt. Das neonfarbige Stirnband ist mittlerweile durchgeschwitzt. Doch sie sind sich einig: Sie kommen wieder.