Restauration

Wiederaufbau von Notre-Dame: Ein Türmchen entzündet eine Debatte

Entwurf von Vincent Callebaut Architectures für den Wiederaufbau von Notre Dame

Entwurf von Vincent Callebaut Architectures für den Wiederaufbau von Notre Dame

Notre-Dame wurde in ihrem langen Leben mehrfach verändert. Darf man das nach der Brandkatastrophe wieder? Oder soll man es gar? Ein Blick in die Geschichte zeigt, wie sich die Haltungen geändert haben – und warum heute fast jeder Stein «heilig» ist.

Paris, 1844. Der Architekt Eugène Viollet-le-Duc steht vor der Kathedrale Notre-Dame. Welch desolates Bild! Fünfzig Jahre lang hat die Kathedrale gelitten: Während der Revolution waren das Innere geplündert, die Königsstatuen und der Dachreiter geschleift worden.

Nach der Devise: Weg mit den weltlichen und kirchlichen Herren! Weg mit dem dunklen Mittelalter! Doch nach der Revolution kam die Zeit der Restauration, und schon 1831 hatte Victor Hugo mit dem Roman «Der Glöckner von Notre-Dame» die Liebe der Franzosen zum Mittelalter und der Pariser zur Notre-Dame entzündet. Selbst beim König. So befiehlt 1844 Louis-Philippe I. die Restaurierung der Notre-Dame.

Der heilige Thomas bekommt sein Antlitz

Mit diesem Auftrag steht Eugène Viollet-le-Duc 1844 vor der Notre-Dame. Der glühende Verehrer der Gotik sieht vor seinem inneren Auge die Kathedrale auferstanden: Fassaden und Rosetten will er nicht nur restaurieren, sondern «schöner» machen. Vor allem fehlt ihm ein Turm über der Vierung.

Dem Shootingstar der französischen Restauration schwebt nicht eine Rekonstruktion des abgebrochenen Dachaufsatzes aus dem 13. Jahrhundert vor, er will den idealen Dachreiter erfinden. Schlank, filigran, hoch: gotischer als gotisch. Nach 20 Jahren Bauzeit schwebt die Spitze seiner Flèche 93 Meter hoch über den Pariser Strassen.

Für den Übergang zwischen Dach und Turm erfindet er Treppchen für Statuen der zwölf Apostel und vier Evangelisten aus Kupfer. Der heilige Thomas bekommt gar sein Antlitz. Schon die mittelalterlichen Baumeister haben sich heimlich so verewigt.

Grundsteinlegung 1163

Paris, 2019. An der Notre-Dame wird wieder geflickt. Wie oft haben Bauarbeiter seit der Grundsteinlegung 1163 hier schon gewerkt? Dann der Schock: Am 15. April bricht auf der Baustelle ein Feuer aus. Der Dachstock und der Dachreiter von Viollet-le-Duc stürzen ein, ebenso ein Teil des Gewölbes im Innern. Die Welt schaut schockiert zu.

Auch der Präsident. Emmanuel Macron verspricht wenige Tage nach der Brandkatastrophe: Die Notre-Dame wird wieder aufgebaut. In nur fünf Jahren und schöner als vorher. Weil kein neuer Viollet-le-Duc bereitsteht, soll ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben werden. In Zeiten von Social Media eine Aktion, bei der sich viele melden. Witzbolde wie Architekten.

15. April 2019: Ein Feuer verwüstet die Pariser Notre-Dame

15. April 2019: Ein Feuer verwüstet die Pariser Notre-Dame

Eine riesige Rauchsäule stand am frühen Abend über einem der berühmtesten Wahrzeichen der Welt, der Pariser Kathedrale Notre-Dame. Die Flammen schlugen lichterloh aus dem Dachstuhl.

Jeder ist heutzutage ein bisschen Architekt

Gewaltige Glas-Metall-Konstruktionen über Haupt- und Querschiffen statt des mit Metallplatten gedeckten hölzernen Dachstuhls schlagen mehrere Architekten vor. Als steile Zeltdächer der alten Form nachempfunden oder als gerundete Glasbaldachine. Anklang bei den Pariserinnen wie beim Internet-Volk findet die Idee, unter Glasdächern Gärten anzulegen oder eine Bienenstation einzuquartieren.

Auch das Bild, aus bunten Glassteinen ein ornamentiertes Dach zu bauen, das zu einem neuen Wahrzeichen würde, generiert Likes. Eher als Gag wird der Vorschlag taxiert, auf der Kirche einen gewaltigen Swimmingpool einzurichten.

Entwurf von Miysis Studio für den Wiederaufbau von Notre Dame

Entwurf von Miysis Studio für den Wiederaufbau von Notre Dame

Noch erfindungsreicher gibt man sich beim Dachreiter: Vom Lichtstrahl, der in fast unendlicher Höhe die Kirche markiert und überhöht, über einen modernistischen Vierkantturm bis hin zu einer schwülstigen, vergoldeten Flammen-Skulptur reichen die einigermassen ernsthaften Vorschläge. Über die lustigen Visualisierungen in den sozialen Medien schweigen wir lieber.

Beim Volk finden die modernen Lösungen weniger Anklang. 54 Prozent wünschen sich eine Notre-Dame, wie sie war. Auch wenn nicht alles so ursprünglich ist, wie man gemeinhin meint. Der Senat fügt dem flugs vorgelegten Wiederaufbaugesetz der Regierung eine Klausel hinzu, die eine Wiederherstellung des «letzten bekannten visuellen Zustands» vorschreibt. Das Parlament will zudem verhindern, dass die Regierung beim Wiederaufbau Planungs-, Umwelt- und Denkmalschutzvorschriften ignorieren darf.

Noch ist hier das letzte Wort nicht gesprochen.

Die Geldsammlung für die Renovation läuft rasant an wie der Glaubenskrieg über das künftige Aussehen der Kathedrale. Die moderne Fraktion führt zwei Argumente ins Feld. Nur eine heutige Formensprache funktioniere als Erinnerung an den Brand. Und die Kathedrale sei in ihrer 800-jährigen Geschichte mehrfach verändert worden.

Auch die Verfechter eines originalgetreuen Wiederaufbaus haben Argumente: Die Silhouette der Notre-Dame sei das Wahrzeichen von Paris, sie müsse deshalb wieder werden, wie sie war. Dem nationalen Denkmal mit internationaler Ausstrahlung gebühre Respekt. Zeitgeistiger Firlefanz oder gar Umnutzungen gingen nicht – schon gar nicht für eine Kirche.

Reise zum Münster in Bern

Doch was sagen Fachleute? Um sie zu finden, müssen wir nicht nach Frankreich reisen, nur nach Bern. Das Münster ist der grösste gotische Bau der Schweiz. Wie bei allen Kathedralen wird hier dauernd etwas geflickt. Gerade ist ein Ecktürmchen an der Hauptfassade eingerüstet. Münsterarchitektin Annette Löffel verficht vehement «erhalten statt ersetzen», in der Fachsprache: konservieren statt renovieren. Ihre Begründung klingt so einfach wie drastisch:

Ist also ein Türmchen nicht mehr dicht, bröckelt ein Stein oder löst sich bei einer Figur aus dem Sandstein ein Stück, wird in Bern nicht (mehr) das ganze Türmchen oder die ganze Figur durch eine Kopie ersetzt. Hier wird geflickt: Fugen abdichten, abgebrochene Stellen mit Mörtel aufmodellieren, Steinoberflächen unsichtbar fixieren.

Für Annette Löffel ist das eine Grundsatzfrage: «Wenn die Bauhütte einfach nach und nach alle Teile der Kathedrale ersetzt, haben Sie am Schluss nicht mehr eine gotische Kathedrale, sondern eine Kopie. Disneyland statt Mittelalter.» Das sieht man am Berner Münster gut an der vor 21 Jahren neu gesetzten Wand des Turmes oder an den so neu wie steril wirkenden Masswerken, den Zierformen von drei Fenstern auf der Nordseite.

«Die Zeitzeugen wurden mundtot gemacht», sagt Löffel. Wie würde die Münsterarchitektin bei der Notre-Dame vorgehen? «Ich möchte keine Ratschläge geben», sagt Löffel. Also anders gefragt: Wie würde sie vorgehen, wenn beim Berner Münster der Dachstuhl abbrennen würde? «Ihn wieder aufbauen.» Und der Turmhelm, der wie der Dachreiter von Notre-Dame erst im 19. Jahrhundert gebaut wurde? «Man würde ihn wohl neu bauen. Über das Wie könnte man diskutieren», gibt sich Löffel offen. «Wichtig ist, dass neue Zutaten den Bestand nicht gefährden – und man sie auch wieder wegnehmen könnte.»

Entwurf von Godart & Roussel Architects für den Wiederaufbau von Notre Dame in Paris

Entwurf von Godart & Roussel Architects für den Wiederaufbau von Notre Dame in Paris

Warum für die Denkmalpflege jeder Stein «heilig» ist

Egal, ob Paris oder Bern: «Jeder Stein, jede Figur, jede Verzierung gehört zu ihm», sagt Annette Löffel.

Woher kommt diese Haltung, dass jeder Stein «heilig» ist? In früheren Jahrhunderten ging man mit historischen Gebäuden viel freizügiger um. In der Gotik fand man die Kirchen aus der Romanik zu dunkel, zu schwer. Bei der Notre-Dame war der Bau gegen 1300 fertig, als man fand, das Querschiff sei zu altertümlich und zu klein, die Kirche brauche mehr Licht. Man riss das Gebaute wieder ab, vergrösserte, baute neue Querfassaden mit grossen Rosetten und zeitgemässen Portalen.

Beim Hauptschiff wurden die Lichtgaden, die oberste Fensterreihe, für eine moderne, hellere Erscheinung vergrössert. So werkte man gut 400 Jahre, bis die Kathedrale ihre Form fand. Im Barock fand man das Mittelalter schrecklich altmodisch und zu spröde. Man setzte den romanischen und gotischen Kirche repräsentativere Schaufassaden vor, erhöhte die flachen Decken optisch mit aufgemalten Scheingewölben und peppte die Innenräume mit Stuck, Blattgold und falschem Marmor zu festlichen Gotteshäusern auf. Solche Modernisierungen sind heute tabu. Wann etablierte sich die aktuell gültige, «strenge» Haltung der Denkmalpflege?

Reto Nussbaumer, Leiter der Aargauischen Denkmalpflege und Dozent an der Berner Fachhochschule, erklärt:

Man merkte aber auch, wie wenig man über dieses Erbe wusste. Viollet-le-Duc fand 1844 kaum Handwerker mit Fähigkeiten in mittelalterlichen Techniken. Er forschte. Aber er baute eben auch seine eigenen, idealisierten Vorstellungen. «Damit würde er heute kaum mehr oberster Denkmalpfleger für Sakralbauten», kommentiert Nussbaumer lächelnd. Aber seit der Zeit von Viollet-le-Duc sei Denkmalpflege eine Wissenschaft – und als Notwendigkeit anerkannt.

Breit angewendet, also nicht nur für Kirchen, Schlösser und Repräsentationsbauten, wird die Denkmalpflege seit Mitte des 20. Jahrhunderts. Nussbaumers Erklärung:

Auch aus dieser Zeit – von 1964 - stammt die Charta von Venedig, die regelt, wie die Denkmalpflege zu agieren hat. Konservieren statt restaurieren, lautet das Credo der Charta. Sei doch eine Restaurierung nötig, müsse sie «den überlieferten Bestand und authentische Dokumente» respektieren. «Sie endet dort, wo die Hypothese beginnt», heisst es im Regelwerk.

Notwendige, neue Teile müssten sich «harmonisch einfügen», aber «vom Originalbestand unterscheidbar sein». Nach dem Brand der Luzerner Kapellbrücke habe man die zerstörten Joche rekonstruiert, das Holz aber andersrum verzahnt, sagt Reto Nussbaumer. «Fachleute sehen so auf einen Blick, welche Teile original, welche neu sind.»

Solides Handwerk? Oder doch Visionen?

Wendet man die Venedig-Charta auf Notre-Dame an, heisst das für Nussbaumer:

Und wenn es nicht genügend dermassen lange Eichenbalken gibt? «Dann wissen gute Zimmerleute, wie man einen guten Holzdachstuhl baut.» Ist das historisch nicht zu wenig genau? Nussbaumer findet nicht: «Diese Generationenbauten waren massgeblich Handwerker- und Baumeisterarbeiten. Schwierig wird es, wenn sich Architekten ihr eigenes Denkmal setzen wollen», sagt der Denkmalpfleger.

Erstaunlicherweise wird kaum darüber diskutiert, wie die eingestürzten Gewölbe am besten zu restaurieren wären. Wohl weil es bisher nur wenige Bilder gibt – und vor allem weil sie für die äussere Erscheinung, für das vertraute Bild von Notre-Dame, unwichtig sind.

In der Diskussion über die Restauration sind Gewölbe und Dach ein Nebenschauplatz. Alles spitzt sich auf den Dachreiter zu. «Es wäre interessant, sich Zeit für Visionen zu geben», sagt Nussbaumer. «Man müsste sie aber sorgfältig prüfen.» Eine zeitgenössische Lösung müsste sich nicht nur harmonisch einfügen, wie das die Charta vorgebe, findet der Denkmalpfleger, sondern auch nachhaltig sein.

Und vielleicht – oder gar wahrscheinlich – käme man zum Schluss, dass die Flèche von Viollet-le-Duc doch die beste Lösung wäre. Tatsächlich könnte man den Dachreiter nach seinen Plänen problemlos – und schnell – nachbauen. So könnte Präsident Emmanuel Macron seinen ehrgeizigen Zeitplan einhalten, das Parlament dem Volkswillen folgen, die Denkmalpflege ihre Regeln einhalten … Aber eigentlich wäre es spannender, es gäbe eine so stimmige, so leidenschaftlich heutige Lösung, wie sie Viollet-le-Duc erfand. Die ersten, spontanen Ideen überzeugen aber nicht. Ein seriöser Wettbewerb, etwas mehr Denkarbeit sind nötig. Die hat auch Viollet-le-Duc vor 180 Jahren geleistet.

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