Aus zwei Richtungen haben Jan Assmann (geboren 1938) und Aleida Assmann (geboren 1947) die Gegenwart in den Blick genommen, Jan Assmann von der Ägyptologie und von der Religionsgeschichte her, Aleida als studierte Anglistin (mit Nebenfach Ägyptologie) aus der Richtung Literatur- und Kulturwissenschaften.

Jan Assmann lehrte seit 1976 an der Universität Heidelberg, Aleida folgte 1993 einem Ruf an die Universität Konstanz. In beiden Städten lebten und leben sie lange und immer noch. Seit seiner Emeritierung 2003 hat Jan Assmann eine Honorarprofessur an der Universität Konstanz.

Der Assmannsche Arbeitskreis zum «kulturellen Gedächtnis» entstand. Der Komplex ist umstritten, aber es gibt Preise: Letzten November haben sie in Bern den Balzan-Wissenschaftspreis entgegengenommen, nächsten Sonntag erhalten sie in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

«Europäische Erfahrungen»

Nicht nur der einzelne Mensch, auch Gesellschaften haben ein Gedächtnis. Es speist sich aus vielen, zum Teil weit zurückliegenden Quellen. Und es verändert sich auch. Denn, sagt Aleida Assmann, «um etwas zu erinnern, muss sehr, sehr vieles vergessen werden. Was erinnert wird, muss gegen anderes durchgesetzt werden.

Und: Gesellschaftliche Umbrüche führen zu einem Umbau des kulturellen Gedächtnisses.» Das lässt sich illustrieren an dem, was Aleida Assmann die «trennende und verbindende Kraft von Erinnerungen in Europa» nennt. Drei schreckliche Erfahrungen sind es, die den Kontinent prägen: der Zweite Weltkrieg, der Holocaust, die Erinnerung an den stalinschen Gulag. Im Zeitalter des Kalten Krieges dominierte der Zweite Weltkrieg das Gedächtnis.

In den Massentötungen und Zwangsarbeitslagern der Stalin-Zeit erkennen sich die osteuropäischen Staaten als Opfer wieder, sodass Europa «ein gespaltener Kontinent geblieben ist, was seine Erinnerungen angeht», wie es Janusz Reiter, der ehemalige polnische Botschafter in Deutschland, ausgedrückt hat.

«Es ist paradox», sagt Aleida Assmann: «Je grösser der zeitliche Abstand, desto stärker ist die Erinnerung geworden.» Was sich aber erklären lässt aus dem Wechsel der Generationen. Solange Täter und Mitläufer das Sagen hatten, wurde diese Erinnerung an den Rand gedrängt. Was auf Dauer nicht gutgehen konnte.

Eine Bewegung gegen das Vergessen etablierte sich langsam. Nach der Wende erst kam die Vergangenheit mit Vehemenz zurück, aber bereits 1968 hatte sich der Zorn der Jungen an der Vätergeneration entzündet, welche die Erinnerung an die NS-Zeit verdrängen wollte. Und 1985 hielt der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker seine berühmte Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes.

Der Begriff des sozialen Gedächtnisses stammt vom französischen Soziologen Maurice Halbwachs. Er hat gezeigt, dass Erinnern Kommunizieren über eine gemeinsame Vergangenheit ist. Ein einsamer Robinson auf seiner Insel hat keine Erinnerung. Individuelle Erinnerung ist angesiedelt im Austausch über gemeinsam Erlebtes.

Persönliches Erinnern hat auch eine zeitliche Dimension: Unsere persönliche Erinnerung reicht zwei, bestenfalls drei Generationen zurück. Dann wird es dunkel. Natürlich kommen dann die Historiker und erzählen uns, «wie es gewesen ist».

Aber Sie bemühen sich um Objektivität im Umgang mit der Vergangenheit. Der Streit darüber, ob wichtiger ist, was gewesen ist oder wie es erinnert wird, wird erbittert geführt. Besonders in den Wissenschaften, die sich mit vergangenen Zeiten beschäftigen, von denen wir fast nichts, wissen. Jan Assmann zog sich nach seinen Büchern über das Alte Testament («Moses der Ägypter» 1998, «Monotheismus und die Sprache der Gewalt», 2006, und «Exodus» 2015) nicht nur den Zorn der Theologen, sondern auch mancher Althistoriker zu.

Erinnern und Gedächtnis heute

Das nationale Gedächtnis ist monologisch organisiert. Die Idee der Nation, wie sie das 19. Jahrhundert hervorgebracht hat, hat mit Ehre und Stolz, mit ruhmreicher Vergangenheit zu tun. Das funktionierte in Deutschland nach 1945 nicht mehr (vielleicht kommt es zurück?), in anderen Staaten, auch innerhalb der EU, wird es zwar weiterhin praktiziert. «Was aber nottäte, das wäre ein dialogisches Erinnern», sagt Aleida Assmann. «Denn was geschieht, wenn sich mit einem stärkeren Zuzug von Migranten Bevölkerungen neu mischen, wenn zu den am Ort verwurzelten neue Erinnerungen hinzukommen?»

Ihr neuestes Buch über «Menschenrechte und Menschenpflichten» handelt denn auch «von der Kunst des sozialen Umgangs in einer Welt, die sich in den Wehen tiefgreifender Transformationen befindet». Sie erzählt darin von Anil Bhatti, einem Kollegen
von der Jawaharlal-Nehru-Universität in Neu Delhi, der sich einige Zeit an der Universität Konstanz aufgehalten und Erfahrungen aus seiner Welt mitgebracht hat.

Im Gespräch mit ihm hat sie realisiert, dass die neuen, plurikulturellen Gesellschaften die Aufgabe haben, sprachliche, religiöse oder kulturelle Differenz herunterzustufen und in Diversität zu verwandeln. «Es ist wichtiger, miteinander auszukommen», rät Bhatti, «als einander zu verstehen.»

Mit grosser Wachheit verfolgen die Assmanns, wie sich Vergangenes in der Gegenwart spiegelt – und sie manchmal kontaminiert. In den Diskussionen um den Islam in Europa wird oft gefragt, woher die Neigung monotheistischer Religionen rührt, Andersgläubige mit Feuer, Schwert und Bomben zu bekämpfen. Wer dabei zuerst an den Koran denkt, lese die Bibel.

Es gibt auch darin Passagen, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. Die biblische «Sprache der Gewalt» gehört zur radikalen Wende, die die Menschheit in der Hinwendung zum einen Gott vollzieht, erklärt Jan Assmann. Dass dieses sprachliche Dynamit heute noch zündet, hat nichts mit der Religion an sich zu tun.

Denn, sagt Jan Assmann, «es zündet in den Händen nicht der Gläubigen, sondern der Fundamentalisten, denen es um politische Macht geht und die sich der religiösen Gewaltmotive bedienen».