Zukunft der Menschheit

Werden wir trans- oder posthuman? Philosoph Nick Bostrom denkt in Szenarien

Nick Bostrom: «Die Tatsache, dass viele schwerwiegende Risiken erst kürzlich entdeckt wurden, macht es wahrscheinlich, dass noch weitere folgen werden.»

Nick Bostrom: «Die Tatsache, dass viele schwerwiegende Risiken erst kürzlich entdeckt wurden, macht es wahrscheinlich, dass noch weitere folgen werden.»

Wenn man die Zukunft der Menschheit ins Auge fasst, wird man Nick Bostroms «Hypothese der technologischen Vollendung» wohl akzeptieren müssen.

Es gibt einen Grundsatz der praktischen Vernunft, der geht so: Man soll sich erst dann Sorgen um etwas machen, wenn es so weit ist. Für den täglichen Kampf mit dem Schicksal ist er höchst brauchbar. Andererseits liegen die Anlässe, deretwegen wir uns dann doch Sorgen machen, meist doch in der Zukunft.

Entscheidungen, die wirklich einen Unterschied machen, haben ja Folgen, gute oder unselige, und die liegen in der Zukunft. Und Anlässe, sich Sorgen zu machen, gibt es genug. Die Angst, im Atomkrieg zu verglühen, ist etwas geschwunden, gestiegen dafür die Befürchtungen, es könne mit dem Klimawandel oder der Schuldenkrise bös ausgehen.

Doch das sind triviale Probleme, mit ein bisschen weniger vom Mehr wäre da schon ziemlich viel erreicht. Interessanter sind ambivalente Dinge, wie sie die Technik gern hervorbringt: künstliche Intelligenz und Gentechnik oder gleich beides zusammen im Zusammenspiel. Sie stecken voller Verheissungen, könnten aber auch durchaus die Fortexistenz der Menschheit gefährden.

Die letzte Erfindung

Der Experte für die Zukunft ist Nick Bostrom. Seine wichtigsten Aufsätze – die meisten haben bereits Klassikerstatus erreicht – sind unter dem Titel «Die Zukunft der Menschheit» letztes Jahr erschienen. Bostrom ist Direktor des «The Future of Humanity Institute» und des «Programme for the Impact of Future Technology» an der Universität Oxford.

Berühmt wurde er durch seinen Bestseller «Superintelligenz. Szenarien einer kommenden Revolution» (2016). Denn die Superintelligenz ist einer jener Fälle, bei denen wir uns wirklich Gedanken machen sollten, bevor es sie tatsächlich gibt. Danach wäre es zu spät. Denn es wäre wirklich «die letzte Erfindung, die wir machen». Danach übernimmt die Superintelligenz.

Voraussetzung ist, dass «Intelligenz», was auch immer das ist, «substratunabhängig» ist. Dass sie nicht auf ein kohlenstoffbasiertes System angewiesen ist, das in unserem Schädel hockt, sondern auch auf einer anderen Grundlage läuft. Die Maschinen, die besser sind als unser Gehirn, gibt es schon längst.

Wir pflegen «Technik» mit der Vorstellung von Maschinen, Apparaten und Geräten zu verbinden, wenn wir danach gefragt werden. Doch ihre Bedeutung geht viel weiter. Man muss nicht gerade behaupten, dass die ganze Entwicklung durch die Technik bewirkt wurde. Aber der Schub, den sie der Welt nach dem 16. Jahrhundert gegeben hat, ist unübersehbar.

Aber auch vorher kann man feststellen, dass es vor allem die Technik ist, die uns von Steinzeitmenschen oder den alten Griechen unterscheidet. Wir «denken» kaum tiefer, als es Platon oder Aristoteles getan haben, auch wenn wir manchmal zu anderen Ergebnissen gelangen.

Technologische Vollendung

Wenn man die Zukunft der Menschheit ins Auge fasst, wird man Bostroms «Hypothese der technologischen Vollendung» wohl akzeptieren müssen. Sie besagt, dass alle Fähigkeiten, welche die Menschheit durch irgendeine Technologie erlangen kann, auch irgendwann erlangt werden. Wie lange das dauert und in welcher Reihenfolge diese Fähigkeiten entwickelt werden, wird nicht gesagt. Aber die Hypothese ist plausibler als ihr Gegenteil, dass die technologische Entwicklung irgendwo gebremst wird und stoppt.

Die Frage, welche uns im Zusammenhang mit der Zukunft der Menschheit wohl am meisten beschäftigt, ist die, ob uns die Technologie irgendwann «überholen» wird. Oder konkreter formuliert: Ob sie uns zu Fähigkeiten verhilft, welche die aktuellen übersteigen. Wird uns die Entwicklung in die Epoche des Posthumanismus führen oder nicht?

Geht man an die Frage mit der nötigen Abstraktion heran, wird man zum Schluss kommen, dass es zwei Alternativen gibt. Stillstand gehört nicht dazu. Entweder Regression bis zum Untergang oder Posthumanismus. Ein Motiv oder eine Ursache, welche die technologische Entwicklung stoppen würde, ist nicht in Sicht.

Wollen wir posthuman werden?

Aufzuzählen, was alles zur Conditio humana gehört, ist nicht einfach. Wo es Verbesserungsmöglichkeiten gibt, kann man aber ziemlich klar sagen. Es sind drei Gebiete: Gesundheit (länger und besser leben), Kognition (mehr Durchblick) und Emotion (bessere Kontrolle unserer inneren Zustände). Das sind drei Trends, die man jetzt schon am Werk sieht.

Bostrom setzt sich auseinander mit den Positionen der Biokonservativen. Ihre stärkste These ist, dass Versuche, den Menschen posthuman zu machen, seine Würde zerstören würden. Die Konsequenz wäre dann, dass alle «Enhancement-Technologien» strikt verboten werden müssten. Wenn man «Würde» so auffasst, dass es etwas ist, was dem Menschen als Menschen zukommt, kann man das Herumbasteln an ihm nicht billigen.

Aber pragmatisch aufgefasst, geht es schon. Wer hat etwas gegen gute Gesundheit und längeres Leben (bei guter Gesundheit)? Das Argument, zur menschlichen Würde gehörten Leid und allenfalls früher Tod, ist absurd. Kognitiv ist es nicht ganz so leicht. Aber der Gewinn wäre auch hier gross. Eine grössere Kapazität in der Informationsverarbeitung kann zu mehr Gelassenheit führen. Ich sehe die Probleme klarer. Und wer hätte etwas dagegen, in der Musik die darin verborgenen Strukturen auch wirklich zu hören?

Bei der Emotion haben wir schon zwiespältige Erfahrungen mit Prozac und anderen chemischen Helferlein gemacht. Im Hintergrund lauert da «Brave New World» von Aldous Huxley. Dort werden ja die Menschen in Klassen eingeteilt und je nach Bedarf mit Drogen getröstet. Epsilon-Menschen sind willige Junkies, Alpha-Menschen hochbewusste Lenker und Denker. Aber glücklich sind sie alle. Epsilon womöglich mehr als Alpha.

Wir leben in gefährlichen Zeiten. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschheit verschwindet, ist nicht null. Aber Bostrom ist kein Doomsday-Philosoph. Der Klimawandel wird es nicht sein, der führt nur zu Turbulenzen, nicht zum Aussterben.

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