Verehrung
Was das Freiämter Dorf Auw mit seiner Heiligen macht

Seit 13 Jahren hat das Dorf Auw im aargauischen Freiamt eine Heilige. Dass es zum Wallfahrtsort wird, zeichnet sich nicht ab – das Andenken an Mutter Maria Bernarda funktioniert auch so. Mehr oder weniger.

Eva Meienberg, kath.ch 1 Kommentar
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Die heilige Maria Bernarda aus Auw im Freiamt ist so alt wie der Schweizer Bundesstaat: Als Verena Bütler kommt sie am 28. Mai 1848 im kleinen Dorf zur Welt. Im Kapuzinerinnenkloster Maria Hilf wird sie zu «Maria Bernarda». Später zieht es sie nach Ecuador und Kolumbien. Sie stirbt am 19. Mai 1924 in Cartagena. Karibik statt Aargau.

Am 12. Oktober 2008 spricht Papst Benedikt XVI. Maria Bernarda heilig. Für die Auwer ein grosser Moment. Eine Auwer Delegation und eine grosse Pilgerschar reisen nach Rom. Es ist die erste Heiligsprechung für die Schweiz seit Bruder Klaus 1947. Mit dabei: die Auwer Brass Band. Hornist Gerhard Imbach erinnert sich: «Wir hatten schon oft ‹Grosser Gott, wir loben Dich› gespielt, aber noch nie vor 70 000 Leuten.» Niemand in Auw weiss so viel über die Heilige wie der Hobbyhistoriker. Er ist überzeugt: Den meisten im Dorf ist sie gleichgültig. «Aber es gibt einige Leute hier, die eine sehr persönliche Beziehung zu Maria Bernarda pflegen – und um die geht es.»

Die heilige Maria Bernarda. Das Andenken an die gebürtige Auwerin soll lebendig gehalten werden.

Die heilige Maria Bernarda. Das Andenken an die gebürtige Auwerin soll lebendig gehalten werden.

Archivbild: Christof Borner-Keller, Zuger Zeitung

Also um Menschen wie Marlis Villiger, Frau Gemeindeamman in Auw, Mitglied der Partei «Die Mitte» und im Vorstand des Maria-Bernarda-Vereins. «Als meine Mutter Krebs hatte, schöpfte sie Kraft bei der Heiligen», sagt Marlis Villiger. Oder um Menschen wie Martin Abt. Er ist früherer Gemeinderat und aktuell Präsident des Vereins Maria Bernarda. 2006 wird er in den Gemeinderat gewählt. Zwei Jahre später organisiert er die Feier in Rom und die Nachfeier in Auw. «Ich kam zur heiligen Bernarda wie die Jungfrau zum Kind», sagt der Berufsschullehrer.

Wir sitzen im Wohnzimmer des einstigen Auwer Pfarrhauses. Am Tisch sitzt auch Schwester Flormita Jumbo aus Ecuador. Sie und Schwester Angela Fink vertreten in Auw die franziskanischen Missionsschwestern von Maria Hilf. «Ich habe 20 Jahre lang gebetet, dass ich in die Mission gehen kann», erzählt Schwester Flormita. 2008 wird gelost, wer zu Maria Bernardas Heiligsprechung nach Rom reisen darf. Nach ihrer Rückkehr wusste die Religionslehrerin und Sekretärin, wohin ihre Mission gehen sollte: nach Europa.

Man möchte kein Wallfahrtsort sein

Im ersten Jahr nach der Heiligsprechung 2008 kamen sehr viele Menschen nach Auw und wollten die Geburtsstätte der heiligen Maria Bernarda sehen. «Wir wurden überrannt», erinnert sich Martin Abt. In den Köpfen Einzelner sollte Auw zu einem Wallfahrtsort heranwachsen. Die Bäckerei beginnt, das Maria-Bernarda-Brot zu backen. Der «Hirschen»-Wirt brennt den Maria-Bernarda-Likör. Marlis Villiger holt die Runde auf den Boden der Tatsachen. Die Gemeinde habe kein Land für einen Carparkplatz. Eine Einzonung komme nicht in Frage. Auch die Denkmalpflege habe ihr Veto eingelegt, als Ideen zur Umgestaltung der Seitenkapelle der Pfarrkirche zu Ehren der Heiligen kursierten.

«Man hat schnell gemerkt, dass man eigentlich keinen Wallfahrtsort will»

sagt Martin Abt. Damit kann er leben. Der Geburtsort eines Menschen sei reiner Zufall. Wichtiger findet er Maria Bernardas Wirkungsstätten. Und die liegen nun mal in Ecuador und Kolumbien. Tatsächlich findet sich in Auw lediglich der Taufstein, wo Verena Bütler irgendwann im Jahr 1848 getauft wurde, und eine kleine Reliquie. Und es gibt das Geburtshaus, in dem sich ein Zimmer befindet, das zu einer Gedenkstätte umgebaut wurde.

Das Haus ist kein Museum. An der Hauswand steht: «Geburtshaus von Mutter Maria Bernarda Büttler 1848–1924. Missionarin und Ordensgründerin in Ecuador und Kolumbien. Seligsprechung 29. Oktober 1995. Heiligsprechung 2008.»

Ein Verein hält die Heilige lebendig

Martin Abts Vision ist ein Raum, in dem Bücher, Schriften und Archive der Heiligen zugänglich sind. Erst kürzlich archivierte der Verein die Akten des Selig- und Heiligsprechungsverfahren. Der Maria-Bernarda-Hype sei vorbei, sagt Martin Abt. Das Bernarda-Brot wird schon länger nicht mehr gebacken. «Wir haben eine Heilige und machen nichts daraus? Ich will nicht in die Geschichte eingehen als derjenige, der etwas verpasst hat», sagte Martin Abt vor ein paar Jahren im Gemeinderat. 2015 wird eine Kommission ins Leben gerufen, die sich um die Heilige kümmert.

Doch ist eine Kommission das richtige Gefäss? Die Heiligenverehrung verläuft damit zwar in sicheren Bahnen – aber mit wenig Flexibilität. Ein Verein soll’s ändern: 50 Menschen gründen am 28. Mai 2018 den Verein Maria Bernarda. Nach drei Jahren hat er 130 Mitglieder. «Und die Mssionsschwestern in Auw geben dem Verein ein Gesicht», sagt Martin Abt. Sie öffnen die Türe, wenn jemand die Heilige in der Kirche besuchen möchte. Sie begleiten Pilgerinnen und Pilger auf dem Besinnungsweg.

«Die Schwestern sind das lebendige Zeugnis von Maria Bernardas Wirken.»

Der Verein will das Leben der Dorfheiligen nicht nur der Dorfbevölkerung, sondern allen Menschen näherbringen. «Die Botschaft der franziskanischen Einfachheit und Bescheidenheit ist konfessionell unabhängig», sagt Martin Abt. Der Verein ist mit null Franken gestartet. Die Einwohnergemeinde zahlt jährlich 500 Franken und übernimmt die Sekretariatsarbeiten. Die Katholische Kirchgemeinde zahlt 1000 Franken und den Apéro am jährlichen Gedenktag. Gerhard Imbach sagt: «Wir müssen und wollen franziskanisch vorgehen.»

Vielleicht tut sich was in Auw. In drei Jahren jährt sich der Todestag der Heiligen zum 100. Mal. Vielleicht bleibt aber auch alles, wie es ist.

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