Vergessen
Warum bleiben Demenz-Kranken die ältesten Erinnerungen bis zuletzt?

Beat Richner vergass, dass er 25 Jahre lang in Kambodscha Millionen von Kindern half. Wie kann das passieren?

Sabine Kuster
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Teils erkennen Demenz-Kranke nicht einmal ihre Ehepartner mehr – Kindheitserinnerungen aber bleiben.

Teils erkennen Demenz-Kranke nicht einmal ihre Ehepartner mehr – Kindheitserinnerungen aber bleiben.

Schweiz am Wochenende

Ein Vierteljahrhundert lang hat der Kinderarzt und Musiker Beat Richner ein Stück Welt verändert, indem er in Kambodscha Kinder in seinen Spitälern kostenlose Behandlungen ermöglichte. Und doch wusste er in den letzten Monaten seines Lebens nichts mehr davon. Hingegen hat er bis sechs Wochen vor seinem Tod am 6. September seine engsten Freunde und Familienangehörige noch erkannt.

Woran Richner erkrankt ist, wurde nicht bekannt gegeben. Doch dass Menschen am Schluss nur noch ihre ältesten Erinnerungen bleiben, kommt bei Erkrankungen des Gehirns nicht selten vor. Dies ist oft auch von Demenz- oder Alzheimerkranken bekannt.

Warum ist das so? Darauf haben selbst Neurowissenschafter keine befriedigende Antwort. Denn das längerfristige Abspeichern von Erinnerungen ist eine hochkomplexe und noch nicht vollständig entschlüsselte Angelegenheit. Das Phänomen, dass Demenz-Kranke oft ihr Geburtsdatum noch kennen und Gedichte rezitieren können, die sie in der Schule gelernt haben, aber nicht mehr wissen, in welchem Jahr und welchem Gebäude sie leben, wird Ribotsches Gesetz genannt. Théodule Ribot war ein französischer Psychologe und Philosoph, der 1882 diesen Abbau des Gedächtnisses im Alter als erster beschrieb.

Ausschnitte aus Beat Richners Leben:

Eine Theorie dazu aus den frühen 1980er-Jahren besagt, dass frische Erinnerungen nur abgerufen werden können mithilfe des Hypocampus. Diese Region im Gehirn ist dafür verantwortlich, dass Menschen sich etwas merken können. Später aber haben sich die Verbindungen im neuralen Netzwerk untereinander so stark verfestigt, dass die Koordination des Hypocampus nicht mehr nötig ist, um die Erinnerungen abzurufen. Deshalb kann man sich gemäss der Theorie auch noch an lang Zurückliegendes erinnern, wenn der Hypocampus erkrankt ist.

Schliesslich wird auch das Langzeitgedächtnis angegriffen. Kindheitserinnerungen bleiben aber auch dann als letzte. Vermutet wird, dass sich die ersten Erlebnisse besonders tief ins Gehirn eingraben – vielleicht, weil im kindlichen Hirn noch mehr Platz ist für neue neuronale Verbindungen, die sich so breit und gut vernetzen können.

Obwohl Beat Richters Erinnerung an seine Spitäler eine langjährige war, konnte sie gelöscht werden. Und sogar noch älteres Wissen. Paul G. Unschuld, Geriatrischer Psychiater an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, sagt: «Bei fortgeschrittenen Demenzerkrankungen erkennen manche Patienten nicht einmal ihre Ehepartner mehr.»

Übermorgen Freitag ist Welt-Alzheimertag.

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