Medizin
Viren züchten, um Viren besser zu bekämpfen – die Geschichte des Impfens

Die Polio-Kampagne im 20. Jahrhundert war eine aufregende Episode in der Geschichte des Impfens. Sie ist ein Triumph des menschlichen Geistes über die Natur. Aber sie hatte auch ihre Tragödien.

christoph bopp
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Die Impfung soll das Immunsystem anregen, Antikörper gegen einen Krankheitserreger zu bilden. Sie sollen dann eine wirkliche Infektion abwehren.

Die Impfung soll das Immunsystem anregen, Antikörper gegen einen Krankheitserreger zu bilden. Sie sollen dann eine wirkliche Infektion abwehren.

Gaetan Bally/Keystone

Natürlich: Edward Jenner (1749–1823) ist der Held der Impfgeschichte. Seine Methode, das Immunsystem mit einer abgeschwächten Erregerversion zu einer Reaktion anzuregen und so weitere Infektionen zu verhindern, befreite die Menschheit nicht nur von den Pocken, sondern diente längerfristig als Blaupause für den Kampf gegen weitere Infektionskrankheiten.

Ernest Broad: Edward Jenner impft James Phipps mit dem Kuhpocken-Virus.

Ernest Broad: Edward Jenner impft James Phipps mit dem Kuhpocken-Virus.

CH Media

Im 19. Jahrhundert waren Louis Pasteur (Tollwut, Cholera) und Robert Koch (Entdecker des Anthrax- und Tuberkulose-Erregers) die Helden und Begründer der Mikrobiologie. Und im 20. Jahrhundert war der Kampf gegen Poliomyelitis der Kern, um den sich Geschichten rankten. «Kinderlähmung», wie Polio auf Deutsch genannt wird, gibt einen Hinweis darauf, mit welchen Emotionen diese Kampagne betrieben wurde.

Den Polio-Erreger gibt es in drei Varianten und gab es wahrscheinlich schon seit dem Altertum. Die Krankheit verläuft in den allermeisten Fällen harmlos, kann aber in schweren Fällen lebenslange Lähmungen oder den Tod verursachen. Aufmerksam auf sie wurde man in den USA kurz vor der Jahrhundertwende, als mehrere Ausbrüche die Gesellschaft in Angst und Schrecken versetzten. Es waren – das war auffällig – vor allem die Kinder gut situierter Familien, welche sich jeweils im Sommer ansteckten. Man vermutet, dass durch die Verbesserung der sanitarischen Verhältnisse und der Hygiene der natürliche Schutz, den die Säuglinge von der Mutter bekommen hatten, abgeschwächt wurde.

Die falschen Affen führten die Forschung in die Irre

Es musste gehandelt werden. Unglücklicherweise war Simon Flexner, der einflussreiche Chef des Rockefeller Institute in New York, einem Irrtum aufgesessen. Er hatte den Weg der Infektion ergründen wollen und hatte herausgefunden, dass sich die Affen nur durch die Nase und nicht durch den Mund ansteckten. Das bedeutete, dass es ein Problem geben könnte mit dem Impfen, denn wenn das Virus durch die Nase direkt ins Nervengewebe wanderte, war ihm mit Antikörpern im Blut nicht beizukommen.

Diese Idee war so lange in der Forschung bestimmend, bis man herausfand, dass die Rhesusaffen, mit denen Flexner experimentierte, eine Ausnahme waren: Bei ihnen vermehrte sich das Virus im Verdauungstrakt nicht, im Menschen, dem natürlichen Wirt des Virus, aber gerade dort. Es wird mit dem Kot ausgeschieden und man steckt sich vor allem oral an.

Franklin D. Roosevelt erkrankte 1921 an Polio und war danach von der Hüfte abwärts gelähmt.

Franklin D. Roosevelt erkrankte 1921 an Polio und war danach von der Hüfte abwärts gelähmt.

CH Media

Einen Riesenschub für die Polio-Kampagne gab 1921 die Erkrankung von Franklin D. Roosevelt, dem späteren Präsidenten der USA. Roosevelt war 39, als seine Beine gelähmt wurden. Man verheimlichte sein Handicap vor der Öffentlichkeit, so gut es ging. Aber Roosevelt organisierte Geld und langandauernden Support für die Polio-Impf-Forschung.

Tot-Impfstoff ist sicherer, Leben-Impfstoff wirksamer

Mehr als 17 000 Affen – das monierten wenigstens besorgte Tierschützer, – hatten ihr Leben lassen müssen, bis feststand, dass es wirklich nur drei Polio-Virus-Stämme gab. Die Zucht der Viren in Affengewebe (nicht nur Nervengewebe) funktionierte, das Feld war offen für einen Impfstoff. Die vorherrschende Meinung war, dass nur ein Impfstoff mit aktiven Viren einen guten Schutz bieten könnte. Jenner und Pasteur waren diesen Weg gegangen. Aber Misserfolge mit Polio-Impfstoffen, die nicht recht funktionierten, hatten die Forscher vorsichtig gemacht.

Jonas Salk: Die erste Version seines Polio-Impfstoffs brauchte drei Dosen.

Jonas Salk: Die erste Version seines Polio-Impfstoffs brauchte drei Dosen.

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Jonas Salk (1914–1995) hatte bereits Erfahrung, wie man Viren «abtöten», also chemisch behandeln, konnte, sodass sie ihre Struktur behielten und die Immunreaktion auslösen konnten, aber nicht mehr virulent waren. Salk verwendete Formaldehyd, um Influenza-Viren zu inaktivieren, und hatte ausgiebig mit den Polio-Stämmen an Affen experimentiert.

Im Juni 1952 begann er mit dem Testen. Er impfte 161 Kinder, darunter seine drei Söhne – und keines wurde krank. Der Impfstoff schien sicher. Die Kinder kamen aus sogenannten «Institutionen», Waisenhäusern und Heimen. Es gab eine nebulöse Ethik-Vorschrift, dass man mit diesen Kindern experimentieren dürfe, sofern «es ihnen einen Nutzen» bringe. Das Argument war, dass es das tat. So elend die Kinder untergebracht waren, sei die Ansteckungsgefahr gross.

Fehlerhafter Impfstoff: Der Cutter-Zwischenfall

Weil die Inzidenz so gering war, brauchte es mehr als eine halbe Million Kinder, um ein statistisch aussagekräftiges Resultat zu erhalten. Es gab starke Gegenstimmen gegen den Impfstoff und gegen die Versuchsanordnung. 1954 wurde das Resultat bekannt gegeben: Salks Impfstoff war sicher und wirksam. 1955 begann man mit der Massenproduktion.

Bald aber gab es erste Unglücksnachrichten. Kinder wurden krank, einige starben. Salk war nahe am Selbstmord. Dann zeigte sich, dass Cutter’s Lab, eine Pharmafabrik, bei der Produktion geschlampt hatte. In ihrem Impfstoff hatte es aktive Viren, weil die Abtötungsprozeduren nicht genau befolgt wurden. Salk war rehabilitiert. Die Zahl der Poliofälle sank von 35 000 in 1953 auf 5400 in 1975, 1961 gab es in den USA noch 161 Polio-Fälle.

Kalter Krieg: Androhung gegenseitiger Vernichtung und Impf-Zusammenarbeit

Albert Sabin verabreicht eine Schluckimpfung.

Albert Sabin verabreicht eine Schluckimpfung.

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Mittlerweile hatte Salks härtester Konkurrent und Kritiker Albert Sabin (1906–1993), der auf Lebendimpfstoff schwor, eine Schluckimpfung entwickelt und getestet. Was nun? Man hatte in den USA ja bereits eine funktionierende Polio-Impfung. Daraus entwickelte sich eine der aufregendsten Episoden des Kalten Krieges. Sabin hatte eine Beziehung aufgebaut zu Mikhail Chumakow, dem Direktor des Moskauer Polio-Instituts. 1959 erhielten 10 Millionen russische Kinder den Sabin- Impfstoff. Dorothy Horstmann, die den Test überwachte, konnte bald melden, dass der Impfstoff funktionierte.

Verunreinigungen durch Affenviren: Verursachen die Krebs?

Sabins Schluckimpfung verdrängte schliesslich Salks Impfstoff. Aber es gab 1960 noch ein Problem: Maurice Hillemann, einer Koryphäe der Impftechnologie, waren die Nierenzellen der Affen verdächtig, welche Salk/Sabin gebraucht hatten, um den Impfstoff zu kultivieren. Dort drin waren viele andere Viren. Unter anderem eines, das er SV40 taufte und das in Hamstern riesige Krebsgeschwüre erzeugte. Er fand es auch im Polio-Impfstoff. Sabin versicherte, da könne nichts passieren. Ab 1962 musste der Impfstoff frei von SV40 sein, aber da waren schon Millionen Kinder geimpft worden. Studien konnten allerdings nie einen Zusammenhang mit Krebs nachweisen.

Die Erinnerung erschwerte aber den Versuch, Polio auszurotten. Man versuchte gar, die Entstehung von Aids dem Polio-Impfstoff in die Schuhe zu schieben: Schimpansen tragen das SI-Virus, aus ihren Zellen wird Polio-Impfstoff fabriziert. Das Affenvirus SIV wird als Vorgänger von HIV vermutet, der Variante, welche Menschen ansteckt. 2006 zeigte aber Beatrice Hahn, dass SIV bereits 1930 auf den Menschen übergesprungen war.