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Unberührtes Grönland: Mit dem Schiff durch die spektakuläre Natur der Arktis – und zu den Rentieren

Das Küstenschiff Sarfaq Ittuk durchquert den Eisfjord Ilulissat an der Westküste Grönlands. Wer hier vorwärtskommen will, ist auf das Schiff angewiesen.

Das Küstenschiff Sarfaq Ittuk durchquert den Eisfjord Ilulissat an der Westküste Grönlands. Wer hier vorwärtskommen will, ist auf das Schiff angewiesen.

Die «Sarfaq Ittuk» ist das öffentliche Transportmittel der Einheimischen Grönlands. Doch das Küstenschiff nimmt auch Touristen mit auf eine individuelle Reise in die spektakuläre arktische Natur, vorbei an Walen und Eisbergen und zu verstreuten Siedlungen.

Ganz egal, ob in Qeqertarsuatsiaat um 6.45 Uhr oder in Maniitsoq um 22.30 Uhr: Der von der Sommersonne beschienene Hafen ist voller Menschen, die sich neben aufgetürmten Containern und der Fischfabrik tummeln. Einige Buben dribbeln mit einem Fussball, Leute umarmen sich, winken, verdrücken ein paar Tränen. Verwandte waren zu Besuch, Ferien gehen zu Ende. Eine junge Frau schleppt Langlaufski und ein Rentierfell mit. Hafenarbeiter in orangen Anzügen verladen noch ein Kajak und zwei Kinderwagen, dann macht man auf der «Sarfaq ­Ittuk» die Leinen los.

Der 19-jährige Malik erzählt an Bord, er komme von der Rentierjagd; jetzt rufe das Studium in der Hauptstadt. Er blickt zurück auf das mit Eisblöcken übersäte Meer vor Ilulissat:

Auch Einheimische staunen immer wieder, welches Naturerlebnis die Fahrt mit dem rot-weissen Küstenschiff ist. Die «Sarfaq Ittuk» ist ein wichtiger Teil des grönländischen Lebens. Denn ausser Flugverbindungen ist das 1992 gebaute und 2000 modernisierte Schiff das einzige öffentliche Verkehrsmittel, das Ortschaften verbindet; Überlandstrassen gibt es im zu 80 Prozent mit Eis bedeckten Grönland keine. Deshalb reist die Nationalmannschaft der Handball-Juniorinnen genauso mit diesem Schiff wie Leute, die zum Shopping fahren, oder Elektriker im Aussendienst.

Das Küstenschiff ermöglicht Touristen, die spektakuläre Landschaft und die verstreuten Siedlungen mit ihren farbigen, in die Steilküste gebauten Holzhäusern günstig zu bereisen. Von April bis Januar fährt die «Sarfaq Ittuk» einmal pro Woche die 1200 Kilometer der Westküste entlang. Es ist ein Einblick in ein Land, das den Klimawandel in hohem Tempo erlebt; der letzte Sommer hat wieder Rekordmengen an Eis aufgetaut.

Rentier am Nuuk-Fjord im Südwesten. Im Sommer wächst hier eine spärliche Vegetation.

Rentier am Nuuk-Fjord im Südwesten. Im Sommer wächst hier eine spärliche Vegetation.

Auf dem Schiff mit maximal 270 Passagieren ergeben sich Gespräche über den Alltag, die dominierende Fischerei, Schlittenhunde und Eis, das vor wenigen Jahren noch Hafeneinfahrten verunmöglichte, heute aber verschwunden ist. Die Einheimischen berichten von neuen Fischsorten, die durchs wärmere Wasser schwimmen, und vom Wunsch nach Unabhängigkeit ihres Landes von Dänemark. Eine Lehrerin erzählt, dass für einige Siedlungen das Schiff mit seiner letzten Lieferung vor der Wintersaison für längere Zeit das Angebot im Dorfladen bestimme.

T-Shirt-Wetter und Kartoffeln

Die «Sarfaq Ittuk» ist kein Luxusdampfer, aber ein komfortables Kursschiff. Kabinen können in Einer- bis Vierer­belegung gebucht werden. Sie haben alle grosse Fenster, bequeme Betten, ein Bad mit Dusche sowie Fernseher mit Filmangebot. Buchbar sind auch deutlich billigere Couchettes in einem offenen Raum und mit geteiltem Bad. Die meisten Grönländer reisen in dieser Klasse, die Passagiere mischen sich auf Deck, in der Lounge beim Kartenspiel und im Selbstbedienungsrestaurant. Hier gibt es warme und kalte ­Menüs, oft mit lokalem Einschlag: Smørrebrød, saisonalen Fisch oder Lamm und Kartoffeln aus Südgrönland.

Grönlands Spezialitäten werden vom Inuk Hostel auf den Felsen am Strand zubereitet.

Grönlands Spezialitäten werden vom Inuk Hostel auf den Felsen am Strand zubereitet.

Wer will, kann Tag und Nacht am Fenster oder auf Deck die Aussicht und das faszinierende nordische Licht geniessen. Der Sommer bringt durchaus T-Shirt-Wetter mit sich, die Mitternachtssonne beleuchtet Schneeberge und Seehunde, die vor der Küste ­auftauchen. Nördlich von Nuuk gleitet das Schiff durch enge Fjorde, wenige Dutzend Meter an Felswänden und Gletschern vorbei. Das Dorf Kangaamiut liegt in einer von Wind und Wellen umpeitschten, engen Schärenlandschaft, die kein Einfahren des Kursschiffes erlaubt. Die Crew lässt deshalb ein Rettungsboot zu Wasser und schippert die Passagiere zum Aus- und ­Einsteigen einige hundert Meter in den Hafen.

In der Siedlung Kangaamiut wohnen nur 350 Grönländer. Gletscher-Trekking bei Kangerlussuaq.

In der Siedlung Kangaamiut wohnen nur 350 Grönländer. Gletscher-Trekking bei Kangerlussuaq.

Besonders eindrücklich ist die Küstenstrecke, weil sie immer wieder von Eisbergen gesäumt ist. Die grössten Kolosse driften in der Diskobucht, kleinere, nicht minder faszinierende Blöcke im Südwesten. Sie stammen aus der Nordpol-Region oder von kalbenden Gletschern, schwimmen wie jahrtausendealte Sahnehäubchen mit einer unendlichen Anzahl Formen und Kanten vorbei. Oder als haushohe Riesen, die aus jedem Winkel anders in der Sonne glänzen – fast unwirklich schöne Skulpturen. Eine Gefahr stellt das Eis für die 73 Meter lange «Sarfaq Ittuk» mit ihrem verstärkten Rumpf nicht dar, ­erfordert aber von den erfahrenen ­Kapitänen volle Wachsamkeit.

Vorbei am Fjord, in dem die «Titanic» den Eisberg rammte

Die Fahrt lässt sich mit Flügen zu einer individuellen Rundreise ergänzen, mit Aufenthalt zwischen Schifffahrt und Flug, zum Beispiel in Ilulissat. Ein Höhepunkt sind hier Touren in den Eisfjord Kangia, das Unesco-Weltkulturerbe, wo der Gletscher Sermeq Kujalleq täglich Dutzende von Millionen Tonnen Eis in die Baffin-Bucht hinausschickt; darunter einst jener Brocken, der das Ende der «Titanic» einleitete. Kleine Boote fahren vorsichtig an die Eisberge und die hier majestätisch auf- und abtauchenden Buckelwale heran. Wer lieber zu Fuss geht, wandert je nach Route ein bis zwei Stunden direkt dem Eisfjord entlang, mit atemberaubender Aussicht auf das mächtige Eislager. Wale sind auch von den Felsen am Fjordrand zu sehen.

Lohnend ist auch Nuuk, mit 17000 Einwohnern die einzige Stadt Grönlands. Hier stehen neben farbigen Häusern wuchtige Wohnblöcke sowie ein Kulturzentrum oder die Universität als architektonische Juwelen. Wer Inuit-Kultur kulinarisch erleben will, kann dies im Inuk Hostel mit seinen Holzhütten direkt am Meer: Spezialitäten werden hier traditionell am Strand gegrillt. Selbst in der Hauptstadt ist die Natur nie weit weg: Bootstouren führen in die hinter Nuuk gelegenen Fjorde; auch hier sind Wale häufige Gäste. Wer es etwas abenteuerlich mag, bucht bei Nuuk Adventure eine Tour mit Kajak – der Erfindung der Inuit – oder Stand-up-Paddle. Nach zwei Stunden Bootsfahrt startet das gemütliche Paddeln an den Eisschollen vorbei – im wasserdichten Anzug. Es ist die ruhigste, ursprünglichste und naturverbundendste Art, sich den Eisbrocken zu nähern.

Nuuk oder Ilulissat werden nicht direkt angeflogen, sondern es ist ein Umsteigen in Kangerlussuaq erforderlich, dem grössten Flughafen der Insel. Bei Air Greenland lässt sich ein Aufenthalt von mehreren Stunden oder einer Nacht einplanen; beides erlaubt eine Tour zum 1000 Kilometer breiten Eisschild, der Grönland fest im Griff hat, auch wenn er schrumpft. Auf der Anfahrt auf einer staubigen Strasse – der längsten des Landes – durch die blühende Tundra sind oft Rentiere, Hasen und Moschusochsen zu sehen. Nach ­ 37 Kilometern betritt man den Rand des Eisschildes, gefurcht, hügelig, mit Wasserrinnen durchzogen. Eine weiss-bläuliche Unendlichkeit, die einen verstummen lässt.

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