Die Rechnung klingt simpel: Wer mehr Kalorien verbrennt, als er oder sie zu sich nimmt, verliert Gewicht. Also los, morgens zu Fuss zum Bahnhof, über Mittag eine halbe Stunde joggen, abends ins Fitnessstudio. Sollten wir mal lasch werden, erinnern uns Smartwatches und Schrittzähler-Apps daran, dass wir unserer Gesundheit zuliebe auf Trab bleiben sollten.

Wer es schafft, die vermehrte körperliche Aktivität zur Gewohnheit werden zu lassen, darf sich auf die Schulter klopfen. Und nach einem halben Jahr mal auf die Waage stehen, um die Früchte seines Erfolgs abzulesen. Doch nicht selten folgt die Enttäuschung: Statt weniger stehen da plötzlich mehr Kilos auf dem Zeiger.

Sport macht also offenbar nicht unbedingt dünn. Das müssen ziemlich viele Leute feststellen, wie sich auch in einer im Juni publizierten amerikanischen Studie zeigte. Die Wissenschafter am biomedizinischen Forschungszentrum in Baton Rouge hatten untersucht, wie sich regelmässiges Sport treiben auf das Gewicht ihrer Probanden auswirkte. Die eine Gruppe musste für den Versuch wöchentlich rund 700 zusätzliche Kilokalorien durch Sport verbrennen, was ungefähr einer Stunde Joggen entspricht.

Von ihnen hatte nach 24 Wochen fast jeder Zweite nicht abgenommen oder sogar zugenommen. Bei einer zweiten Gruppe, die zweieinhalb mal so viel Sport wie die anderen leisten musste, waren die Erfolgsquote etwas höher, doch auch bei ihnen verlor jeder Vierte nicht an Gewicht.

Jäger und Sammler mit sparsamen Körpern

Kompensieren die Menschen den Sport durch ungesundes Verhalten in der übrigen Zeit? Oder wird der Körper durch das Training so effizient, dass er für die zusätzliche Leistung keine zusätzliche Energie benötigt? Letzteres ist die Theorie, die der US-amerikanische Anthropologe Herman Pontzer vertritt. Er hat die Hadza untersucht, ein Volk von Jägern und Sammlern in Tansania.

Die Männer dieses Volkes legen auf der Suche nach Beute mit Pfeil und Bogen täglich über zehn Kilometer zurück. Die Frauen sind stundenlang unterwegs, um Beeren zu sammeln und essbare Wurzeln auszugraben. Pontzers Studien ergaben aber, dass Männer und Frauen der Hadza kaum mehr Kalorien verbrauchten als westliche Menschen, die ihren Beruf im Sitzen ausüben.

Seine Erklärung: Der Körper passt sich der Belastung an und spart die Energie andernorts ein. Er verbrennt insbesondere im Ruhezustand – also im Schlaf und weiteren Phasen, wo sich der Mensch kaum bewegt – weniger Kalorien.

Bekannt ist, dass der menschliche Körper in Extremsituationen gewisse Funktionen, die nicht überlebensnotwendig sind, auf Sparmodus zurückfahren kann. Zum Beispiel kommt es vor, dass bei Spitzensportlerinnen die Menstruation nicht mehr regelmässig eintritt – der Körper spart damit Fortpflanzungsenergie.

Doch Pontzers Erklärungen für den geringen Energiebedarf der Hadza sind umstritten. So hat der deutsche Sportmediziner Dieter Böning in einem Fachartikel dagegengehalten, Pontzer habe die unterschiedlichen Körpermassen der untersuchten Menschen nicht in sinnvoller Weise berücksichtigt. Pro Kilogramm Körpergewicht hätten selbstverständlich die körperlich härter arbeitenden Menschen den höheren Energieumsatz.

Auch Katrien De Bock, Professorin für Gesundheit und Sport an der ETH Zürich, hält fest: «Wer sich stärker bewegt, braucht mehr Energie.» Zwar optimiert der Mensch durch Training seine Bewegungsabläufe und wird dadurch effizienter. Doch der Unterhalt der dabei aufgebauten Muskeln benötigt wiederum Energie. «Wer trainiert, verbraucht selbst im Schlaf mehr Energie», sagt die Professorin.

Und doch macht das Training nicht jeden schlank. Der Kalorienverbrauch ist eine individuelle Sache. Die Zahlen, die es dazu gibt, sind Durchschnittswerte. Der tatsächliche Energiebedarf hängt nicht nur von der Intensität der Tätigkeit ab, sondern daneben sowohl von äusseren Werten wie der Umgebungstemperatur als auch von Alter, Geschlecht und weiteren biologischen Faktoren, die sich kaum in Zahlen fassen lassen.

Eine Cola und ein Schokoriegel sind schon zuviel

Versuchen Menschen, ihren eigenen Energieverbrauch abzuschätzen, zeigt sich jedoch oft dasselbe Muster. «Im Allgemeinen überschätzen Menschen die Menge der Kalorien, die sie beim Sport verbrennen», sagt De Bock. Und viele handeln dann auch entsprechend. Sie gönnen sich beispielsweise nach einer halben Stunde Joggen den Durst mit einer Cola und den Hunger mit einem Schokoriegel. Und führen sich damit bereits mehr Kalorien zu, als sie zuvor verbrannt haben. Ein Überschuss, der sich nur zu gerne als Bauchfett ablagert.

Dieses ungesunde Kompensationsverhalten ist weit verbreitet, wie sich in der eingangs erwähnten biomedizinischen Studie zeigte. Denn klar, wer mehr Sport treibt, hat auch mehr Hunger. Das Fazit der Sportprofessorin Katrien De Bock: «Es ist einfacher, durch weniger essen Gewicht zu verlieren als durch mehr Aktivität.» Wer abnehmen will, tut aber gut daran, beides zu kombinieren. Andernfalls führt die Diät dazu, dass nebst Fett auch Muskelmasse abgebaut wird. Zudem hilft körperliche Aktivität, das erreichte tiefere Gewicht auch längerfristig zu halten.

Für all diejenigen, bei denen die sportlichen Bemühungen nicht den gewünschten Effekt auf der Waage zeigen, bleibt ein Trost: Das Gewicht ist nicht das Mass aller Dinge. «Wer übergewichtig ist, aber Sport betreibt, hat eine ebenso hohe Lebenserwartung wie ein schlanker Mensch, der keinen Sport macht», sagt Katrien De Bock.