Trotz Covid
Graue Nomaden auf Entdeckungstour – Warum 350'000 australische Rentner gerade Camping-Ferien machen

Australien lässt wegen Corona noch keine Touristen einreisen. Dafür kommen die Einheimischen auf den Geschmack – vor allem Pensionierte.

Stephan Brünjes
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Ferien in «Down Under» lohnen sich: Hier gibt es Flora und Fauna, die man sonst nirgends sieht.

Ferien in «Down Under» lohnen sich: Hier gibt es Flora und Fauna, die man sonst nirgends sieht.

Bild: Stephan Brünjes

«Sorry, Kids, wir verjubeln gerade euer Erbe.» Und: Ich bin ein DRUID – Drivin’ Round Until I Die! Oder: «Adventure before Dementia» – Abenteuer vor Demenz. Aufkleber wie diese sind der Erkennungscode – hier sind «Grey ­Nomads» unterwegs – graue Nomaden. Zumeist in grossen Wohnmobilen, auf denen einer der Sprüche auf dem Heck prangt.

Am Steuer und als Beifahrer daneben sitzen rüstige, reiselustige Australierinnen und Australier ab 55 Jahren. Sie haben ihren Job hinter und den dritten Lebensabschnitt vor sich. Aber nicht als tägliche Teatime im Bridgeclub und nicht als Babysitter ihrer Enkel, sondern als endloses Asphaltband bis zum Horizont. Geschätzt 350'000 graue Nomaden rollen Down Under täglich in den Sonnenuntergang. Monate-, manchmal jahrelang sind sie auf Tour. Im staubigen, trockenen Outback, fernab der Städte, vorzugsweise selbstverständlich an den Küsten mit Puderzuckerstränden, Palmen und türkis Meer.

Das erste Ziel: Das Nichts in ­Australien

An so einem Strand zwei Stunden nördlich von Brisbane wohnen Ian Goater und seine Frau Georgia. Da­rum sind die beiden Grey Nomads zunächst weg vom bekannten Strand ins heisse Herz ihrer Heimat aufgebrochen, Richtung Mount Isa: Rostroter Staub, so weit das Auge reicht, durch den sich ausge­trocknete, scheckige Flussläufe ­schlängeln wie Riesenpythons. Ian Goater:

«Wir wollten selbst sehen, ob hier wirklich nichts ist, denn Australier nennen diese Gegend ja ­‹Never Never›.»

Der pensionierte Arzt und seine im Marketing noch Teilzeit arbeitende Frau umrunden Australien einmal komplett – acht Monate lang. Nicht im sieben Tonnen schweren und 15 Meter langen Luxus-Wohnwagen-Gespann wie manche grauen Nomaden, sondern im kompakten VW-Transporter mit hochfahrbarer Schlafkoje im Dachgeschoss. «BOB» nennen sie ihren Bus, weil’s ähnlich aussieht wie 808, die Ziffern ihres Kennzeichens. «Kann ich mir so am besten merken, brauche die Eselsbrücke, bin ja schon älter», sagt Ian augenzwinkernd.

Georgia mit Hund Enzo und Ian sind acht Monate unterwegs.

Georgia mit Hund Enzo und Ian sind acht Monate unterwegs.

Bild: Stephan Brünjes

Der 67-Jährige war gerade mit seinem Chef spazieren. Enzo heisst er, nagt am Ast eines Eukalyptusbaums und zerrt an seiner Leine. Der dreijährige Mischling aus Hirtenhund und Jack-Russel-Terrier ist so etwas wie Ians und Georgias Reiseleiter: Auf Facebook und ihrer Website «Enzotravelblog» lassen sie ihren Hund alle paar Tage ­erzählen, was er auf seinem Trip mit Assistentin Sparrow (Spatz, also Georgia) und Silverback (Silberrücken, alias Ian) so erlebt. Etwa, dass Enzo Ian und Georgia vor dem gefährlichen Emu bewahrte, der unbedingt in den Campervan gucken wollte. Georgia gelingt es, für jede Geschichte, die sie zusammen erleben, den Hund passend zu platzieren und zu fotografieren, Ian schreibt witzige Texte mit feinem britischem Humor dazu.

Grey Nomads gondeln nicht erst seit der Coronapandemie, sondern schon seit Jahrzehnten durch Down Under. Aber so wie bei Ian und Georgia gehören Facebook und Co. erst seit kurzem zu ihrem Nomadenleben. Per Videotelefon bleiben die Oldies in Kontakt mit ihren Kindern und Enkeln, nutzen das Handy als Navi und vernetzen sich über Info-Websites wie www.the­grey­nomads.com.au.

Gründerin Cindy Cough informiert hier über Reiserouten, neue Wohnmobile oder Campingzubehör. Und sie kategorisiert die Grey Nomads:

«Da sind erstens die Grossstädter aus dem Süden Australiens, die im Winter für ein paar Monate in die tropische Wärme des Nordens fliehen.»

Zweite Kategorie: graue Nomaden wie Ian und Georgia – monatelang unterwegs. «Drittens gibt es die Geriatric Gypsies – greise Zigeuner, immer auf Achse, kaum noch zu Hause», so Cough.

Unabhängig wollen sie reisen, ohne Frühstückszeiten

Kommt man auf einem Wohnmobilparkplatz an, sind garantiert schon Grey Nomads da – sie buchen dort 40 Prozent aller Übernachtungen. «Wir wollen unabhängig bleiben», sagen auch Ian und Georgia, nicht auf Frühstückszeiten in Hotels angewiesen sein, günstig übernachten, mitten in der Natur leben und mit Menschen in Kontakt kommen. So wie auf Yeeda Station, einer Rinderfarm von der Grösse Berlins. Sie bietet Übernachtungen in Luxuszelten sowie für Wohnmobilisten an. Abends treffen sich alle zum Dinner am Lagerfeuer.

Und schon hat Enzo wieder eine neue Geschichte, die davon handelt, dass Yeeda ein sehr hundefreundlicher Ort sei.