Tour de Ruhr – mit dem Velo bis nach Duisburg

Die Steinkohle ist nur noch Geschichte. Das Ruhrgebiet öffnet sich zunehmend für den Tourismus, unter anderem mit dem Ruhrtal-Radweg. Den verbindet man am besten mit dem Besuch einer der Revier-Metropolen.

Hans Graber
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Ziel Duisburg: «Rheinorange» am Zusammenfluss Ruhr/Rhein. (Bild: D. Stratmann/RuhrtalRadweg)
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Natur pur: Das Ruhrtal bei Hattingen. Der 2006 eröffnete Ruhrtal-Radweg führt auf gefahrlosen Wegen entlang des Flusses oder in der Nähe davon. (Bild: Dennis Stratmann/RuhrtalRadweg)
Einst grösste Steinkohlenzeche der Welt, heute Kulturgut: Zollverein Essen. (Bild: Alamy)

Ziel Duisburg: «Rheinorange» am Zusammenfluss Ruhr/Rhein. (Bild: D. Stratmann/RuhrtalRadweg)

Das Ziel ist orange und schon von weitem zu sehen. Die 219 Kilometer lange Ruhr mündet bei Duisburg in den Rhein, vermengt sich da also auch mit Schweizer Wasser. Just am Zusammenfluss steht «Rheinorange». 25 Meter hoch, 7 Meter breit, 1 Meter tief, 83 Tonnen schwer. Keine Verzierungen, keine Inschrift, einfach eine schmale Steilwand in der Landschaft, 1992 geschaffen vom Kölner Künstler Lutz Fritsch. Über Kunst kann man streiten. Zumindest uns hat sich «Rheinorange» ins Gedächtnis eingebrannt, nicht zuletzt wegen der Farbe der Skulptur, die neuerdings angestrahlt wird und auch nachts leuchtet.

Nicht immer topfeben und Gegenwind

Esoteriker schreiben der Farbe ­Orange zu, ein Kraftspender nach physischer oder seelischer Erschöpfung zu sein. Das Richtige also nach einer langen Velotour? Bleiben wir ehrlich: Ganz so anstrengend war es nicht, zumal wir mit E-Bikes unterwegs waren.

Ja, es ginge hier ohne Zusatzantrieb, aber froh waren wir um das Motörchen trotzdem.

Aus drei Gründen: Immer nur topfeben ist es auch an der Ruhr nicht, zudem lassen sich mit E-Bike bequemer ein paar Abstecher von der Flussroute machen, und in unserem Fall (April) herrschte fast dauernd ein recht bissiger Gegenwind.

«Gemacht» haben wir nicht die ganzen 240 Kilometer Ruhrtal-Radweg von der Quelle auf 670 Metern ü. M. in Winterberg im Hochsauerland bis nach Duisburg (33 m ü. M.), sondern gut die Hälfte ab Schwerte über Witten und Essen, ­wobei eben noch ein paar Extras die ­gefahrene Kilometerzahl etwas hochschraubten. «Abenteuer Ruhrgebiet» heisst diese Tour mit drei Übernachtungen inklusive (siehe Hinweis).

Das ewige Rätsel mit dem Rücktritt

Buchbar an der Ruhr ist eine Vielzahl von Radtour-Varianten, von zwei bis sieben Tagen, mit oder ohne Gepäcktransport, mit dem eigenen Velo oder mit dem Mietrad. Die unseren hat uns der freundliche Herr Schweinsberg von «Revierrad» überreicht, pünktlich auf die Minute vor dem Bahnhof Schwerte. Weil die Saison erst begann, waren die Räder nigelnagelneu, es gab nichts zu beanstanden. Einzig dass in Deutschland nach wie vor nahezu alle Velos mit Rücktritt ausgestattet sind, obwohl sie vorne und hinten über modernste Scheibenbremsen verfügen, mutet uns Schweizern seltsam an und ist gewöhnungsbedürftig. Aber nach ein paar Fahrstunden hat man es geschnallt, dass man ungewollt bremst, wenn man die Pedale in gute Position bringen will.

Lediglich Fussballvereine sind bekannt

Die Ruhr ist nicht zu verwechseln mit der Rur, die in Belgien entspringt, zur Hauptsache deutsches Gebiet durchfliesst und in Holland in die Maas mündet, den längsten Rhein-Nebenfluss. Die Rur hiess ursprünglich auch Ruhr, zur besseren Unterscheidung wurde später das h weggelassen. Woher das Wort Ruhr abstammt, ist nicht ganz geklärt, womöglich vom Indogermanischen reu/ru («aufreissen, graben»). Es unterscheidet sich damit auch von der Krankheit Ruhr, deren Wort-Ursprung mit «rühren» (heftige Bewegungen) zu tun hat.

Die Ruhr, von welcher hier die Rede ist, hat dem Ruhrgebiet ihren Namen gegeben. Dieser ist in der Schweiz bestens bekannt, ebenso Varianten wie Ruhrpott, Kohlenpott oder Revier. Fussballfreunden sind Bundesligavereine wie Borussia Dortmund oder Schalke 04 ein Begriff, doch wie es im Ruhrgebiet ausschaut, wissen eher wenige. Möglicherweise hat man imaginäre, teils vom TV her geformte Bilder im Kopf: Schwarze Köpfe unter Helmen mit Lampen, dreckige Luft, kaum Grünflächen. Einen Fluss, der dort durchfliesst, stellt man sich möglicherweise als braune, stinkige Brühe vor.

Keine Kohle mehr

Der Steinkohleabbau in Dutzenden von Zechen hat das Ruhrgebiet geprägt. Kohle abgebaut wurde schon im Mittelalter, die eigentliche Blütezeit unter Tage dauerte von etwa 1850 bis in die 1970er-Jahre. Abgebaut wurden rund 10 Milliarden Tonnen Kohle, was ungefähr der Hälfe des Volumens des Matterhorns entsprechen soll. Die Ruhr war einst die meistbefahrene Wasserstrasse Deutschlands. Noch Mitte der 1950er-Jahre beschäftigte der Ruhrbergbau fast eine halbe Million Menschen, doch dann ging es steil und stetig bergab.

Im Dezember 2018 wurde in Bottrop die letzte Zeche Deutschlands geschlossen.

Was nun? Das Ende der Steinkohle ist nicht über Nacht gekommen, und natürlich gibt es im Ruhrgebiet auch andere Wirtschaftszweige. Die Hafenanlagen in Duisburg-Ruhrort, dort, wo einst der legendäre «Tatort»-Kommissar Schimanski (Götz George) wirkte, bilden nach wie vor den grössten Binnenhafen der Welt und sind eine riesige Logistikdrehscheibe. Aber der Strukturwandel ist eine ständige Herausforderung – und verlangt nach pfiffigen Ideen. Dabei hat man auch touristische Gäste im Visier, insbesondere Velofahrer. Der Ruhrtalradweg ist 2006 eröffnet worden und ­erfreut sich – zu Recht – wachsender Beliebtheit. Auch bei Läufern:

Seit 2008 gibt es hier alle zwei Jahre an Pfingsten einen Ultramarathon über 230 Kilometer, «TorTour de Ruhr» genannt. Aktuelle Bestzeit: 25,5 Stunden.

Wir haben es auf unserer Velofahrt gemütlicher genommen – und dafür mit offenen Augen so einiges entdeckt. Viel, viel Grün. Uns nicht mal dem Namen nach bekannte, aber eindrückliche Städte wie etwa Hattingen mit seinen 150 mittelalterlichen Fachwerkhäusern.

Jahrzehntelanges Badeverbot gelockert

Da und dort verbliebene Zeugen der Zechen. Fast ständiger Begleiter ist die friedlich wirkende Ruhr, die bei der Burgruine Hardenstein mit einer kleinen Fähre überquert werden muss. Die Wasserqualität der Ruhr bessert sich laufend, das jahrzehntelange Badeverbot wird da und dort gelockert, etwa an einer Stelle im Baldeneysee, dem grössten der sechs Ruhrstauseen. In der Ruhr ist aber nicht allein das belastete Wasser ein Problem, sondern auch tückische Strömungen.

Der Ruhrtal-Radweg ist prima ausgeschildert, verfahren kann man sich fast nicht. Kniffliger ist es zum Teil, nach einem Abstecher in eine grösseren Stadt wieder zurück auf den Radweg zu kommen. Als Ergänzung zur informativen Radwanderkarte Ruhrtal-Radweg empfiehlt sich fürs Handy die Karten-App des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) und der BVA-Bike-Media. Die Online-Regionalkarte «radrevier.ruhr XXL» kostet 6 Franken und ist praktisch, weil man jederzeit seinen exakten Standort ermitteln und Radwege der nächsten Umgebung sehen kann.

Nicht einfach nur durchradeln

Ob man den ganzen Ruhrtal-Radweg ­abfahren soll, ist eine Frage der zur Verfügung stehenden Zeit und der eigenen Interessen. Wenn man auf der Velotour organisiert unterwegs ist, ist das Tagesetappenziel vorgegeben, viel Spielraum, tiefer in eine Stadt einzutauchen, bleibt nicht. Meist beschränkt sich der Augenschein auf einen Besuch der Innenstädte, die überall ungefähr gleich aussehen, mit den überall gleichen Läden und den überall gleichen Pizza-, Hamburger- und Kebab-Buden.

Für unseren Geschmack sollte man deshalb zusätzlich zur Radtour noch ein, zwei Tage an Ort verbringen. Am ehesten in Essen.

Die Stadt (580000 Einwohner) ist 2010 stellvertretend für das ganze Ruhrgebiet zur Kulturhauptstadt Europas erkoren worden. Allein das ist ein Gütesiegel dafür, dass es so einiges zu entdecken gibt. Unbedingt einen Besuch abstatten sollte man der Zeche Zollverein, von 1851 bis 1986 Steinkohlebergwerk, heute Architektur- und Industriedenkmal und zusammen mit der benachbarten Kokerei Zollverein auch ein Welterbe der Unesco. Zu finden ist dort das Ruhr-Museum, das sich neben der Industrie- auch der gesamten Natur- und Kulturgeschichte des Ruhrpotts widmet.

Hotels mit Gratis-ÖV im Ruhrgebiet

Wer die Übernachtung(en) im Intercity-Hotel bucht, erhält für die Dauer des Aufenthaltes freie Fahrt für den Nahverkehr (ohne ICE usw.) – und zwar für den ganzen Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR), der alle Revier-Grossstädte mit einschliesst und weit darüber hinaus reicht, bis Düsseldorf und Mönchengladbach. Intercity-Hotels, immer in Bahnhofsnähe gelegen, finden sich in Essen und Duisburg. Noch ein Tipp: Wer in einem Intercity-Hotel übernachtet, kann von der Schweiz bzw. ab Basel Bad Bf. die Bahn hinzubuchen – zu einem fast unschlagbaren Preis, die Hin- und Rückfahrt für 96 (2. Klasse) und 146 Euro (1. Klasse), ohne Zugbindung! Das Angebot «Bahn zum Bett» gilt für alle Intercity-Hotels, aber es muss ja wirklich nicht immer Hamburg, Berlin oder München sein. Eine Ruhr-Tour lohnt sich ebenso.

Angebote für verschiedene organisierte Velotouren und viele weitere Informationen über das Ruhrgebiet finden sich auf den Internet-Seiten von www.ruhrtalradweg.de und www.ruhr-tourismus.de. Die hier vorgestellte Tour «Abenteuer Ruhrgebiet» mit drei Übernachtungen erfolgte auf Einladung von Ruhr-Tourismus. Übernachtet haben wir im Ringhotel-Parkhotel in Witten, im Hotel Franz in Essen und im Intercity-Hotel Duisburg. Drei durchweg empfehlenswerte Häuser.

Fast immer schön entlang des Flusses

(ie) Velotour von Schwerte nach Duisburg misst etwa 120 Kilometer, das ist gut die Hälfte des ganzen Ruhrtal-Radweges. Die Karte zeigt, dass die Ruhrgebiet-Grossstädte Dortmund, Bochum und Essen südlich von der Ruhr gestreift werden, Duisburg wird von ihr geteilt.
Das Ruhrgebiet zählt rund 5,1 Millionen Einwohner und ist mit einer Fläche von 4435 Quadratkilometern der grösste Ballungsraum Deutschlands und der fünftgrösste Europas. Beim Velofahren entlang der Ruhr ist von Ballung und Dichte aber praktisch nichts zu spüren.


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