Zu Hause bei
Ted Scapa hat ein Wohnzimmer voller Erinnerungen

Der niederländisch-schweizerische Künstler Ted Scapa (82) lebt seit 40 Jahren im fribourgischen Schloss Vallamand – umringt von unzähligen Erinnerungsstücken aus allen Teilen der Welt.

Babina Cathomen
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Ted Scapa in seinem Wohnzimmer. Vor lauter Kunstgegenständen sieht man kaum mehr die Wände und Möbel.MATHIAS MARX

Ted Scapa in seinem Wohnzimmer. Vor lauter Kunstgegenständen sieht man kaum mehr die Wände und Möbel.MATHIAS MARX

Den Überblick über seine kolossale Kunstsammlung hat Ted Scapa längst verloren. Kein Wunder, sein 200-jähriges Schloss teilt er mit Figuren, Skulpturen und Masken aus allen Weltkulturen. Sie reihen sich am Boden, auf Fenstersimsen, Kommoden und Regalen. Beim Eintreten bahnen wir uns einen Weg vorbei an einem Terrakotta-Krieger aus China, einem eisernen Krokodil und passieren eine Reihe afrikanischer Frauen-Holzskulpturen.

Berühmtheiten an den Wänden

Und auch an den Wänden ist kein Fleck mehr frei: Werke von Miró, Tinguely, Niki de Saint Phalle, Chagall, Baselitz und anderen Berühmtheiten hängen hier einmütig nebeneinander. Gern kokettiert der Künstler damit, dass seine «Ruine» zusammenfallen würde, sollte er jemals die Bilder an den rissigen Wänden entfernen. Für einen Spass ist Ted Scapa immer zu haben. Als das Telefon klingelt, entschuldigt er sich mit den Worten: «Vielleicht der Nobelpreis . . .»

Weltgewandt und herzlich, so kennt man den Cartoonisten. Die Gäste empfangen er und seine Tochter Tessa mit der süssen, freiburgischen Spezialität Gâteau du Vully. Beim Schlemmen mitten in seinem Erinnerungs-Sammelsurium erzählt er in seinem unverkennbaren holländischen Akzent von den Stücken, die er auf seinen vielen Reisen auf Märkten oder in Brockenhäusern ergattert hat.

Mit vielen Künstlern befreundet

«Besonders fasziniert mich, dass sie von Menschen gemacht sind, die keine Kunstausbildung oder Bücher haben und rein aus der Tradition und Fantasie heraus arbeiten.» Beim Kauf lässt sich der 82-Jährige von der Intuition und nicht vom kunsthistorischen Wert leiten.

Zahlreiche Erinnerungen verbindet er auch mit den Kunstwerken an den Wänden. Mit vielen Künstlern war er befreundet oder hat sie in seiner Arbeit als Leiter des Benteli-Verlags kennen gelernt. Was scheinbar wild durcheinander gewürfelt nebeneinander hängt, hat durchaus ein gewisses System. Multi-Künstler Scapa weist auf die Fotografie eines Verhüllungsprojekts des Künstlerpaars Christo und Jeanne-Claude und auf die darunter platzierte Foto-Reihe mit Marilyn Monroe, die der US-Fotograf Bert Stern als Letzter von der Ikone gemacht hat: «Das finde ich interessant. Christo hat alles zugedeckt, und Marilyn alles aufgedeckt», lacht Scapa.

Sammelleidenschaft ohne Grenzen

Seine Sammelleidenschaft kennt keine Grenzen. «Es ist schon eine Art Sport», gesteht er. «Bald weiss ich nicht mehr, wohin mit neuen Stücken.» Und wie er die teilweise riesigen Kunstwerke ins kleintürige Haus reingebracht hat, ist wieder eine andere Geschichte. «Ich lebe mit Erinnerungen, obwohl ich im Grunde genommen gar nicht so interessiert bin an der Vergangenheit», sagt Ted Scapa nachdenklich.

Trotzdem holen ihn frühere Zeiten jeden Tag aufs Neue ein. Scapa hatte einige Schicksalsschläge zu verkraften. Etwa der Tod seiner Tochter Ghita nach der Geburt ihrer Zwillinge oder der schwere Sturz seiner Frau, der Künstlerin Meret Meyer-Benteli, die nun auf Krücken angewiesen ist. Gegen die traurigen Gedanken hilft ihm die Arbeit, in die er sich bereits früh morgens stürzt. «Wenn ich morgens um 5 Uhr aufwache, beginne ich bereits im Schlafzimmer mit Zeichnen.» Danach fährt er oft nach Bern, um in seinem Atelier an Projekten zu arbeiten.

Wohnwagen statt Schloss

Falls er in dieser abgelegenen Gegend einmal nicht mehr Auto fahren könnte, hält er eine ungewöhnliche Lösung bereit: «Dann würde ich mit dem Wohnwagen auf den Campingplatz ziehen und das ganze Schloss – mit Inhalt verkaufen», sagt er und fügt bereits wieder mit einem Augenzwinkern hinzu: «Im Wohnwagen hätte ich zumindest den Überblick, der hier fehlt.»

Vorerst will er sein geliebtes Château mit dem riesigen, wild wachsenden Garten mit Seenanschluss aber behalten und in die Zukunft blicken. Seine Philosophie sei die Neugier. Bei jedem neuen Kunstprojekt frage er sich, ob es wohl gelingt. Und diese Neugier will er in seinen Workshops auch auf Kinder und Erwachsene übertragen: «Ich bin eine Art Coach der schöpferischen Möglichkeiten.»