Grün bauen
Die Highlights des neuen Wohnens: Fünf Vorschläge von der Architektur-Biennale

In Zukunft schweben wir in Membranen durch die Luft, leben in autarken Holzbauten oder verschieben unsere Küchen von hier nach dort. So stellen sich Architekten und Stadtplanerinnen das neue gemeinschaftliche Zusammenleben vor.

Daniele Muscionico
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1) Kosmisches Camping

Keine utopische Outer Space-Wohninsel, sondern erst ein Energie- und Netzautonomes High-Tech-Zelt von Jupe. Im Hintergrund: Los Angeles.

Keine utopische Outer Space-Wohninsel, sondern erst ein Energie- und Netzautonomes High-Tech-Zelt von Jupe. Im Hintergrund: Los Angeles.

Bild: Sam Gezari, www.jupe.com

Leicht und flexibel sollen wir in Zukunft wohnen. In einer energetisch unabhängig machenden Behausung, die rückstandsfrei wieder verschwinden kann. Transparente Kunststoffhüllen sind unser Daheim, Wohninseln, deren Innenbereiche offen sind und ohne feste Abtrennung gestaltet, aber mit unterschiedlichen Funktionseinheiten wie einer verschiebbaren, ortsunabhängigen Zentraleinheit für Sanitär­installationen und Küche.

Die aus einem Karbonkorpus bestehende Bodenplatte trägt einen Heizboden sowie einen Technikboden, der Speichermöglichkeiten und Anschlüsse für Strom, Wasser, Druckluft und Kommunikationsleitungen bietet. Eine elektrochrome Folie lässt die Membran leuchten oder abdunkeln. Die Hüllen sind Seelenhüllen und Kapseln für individuelles, mobiles und autarkes Leben. Hier sitzen wir dann in unserer Seifenblase, werden eins mit der Natur und erinnern uns an damals: Nur Camping war schöner.

2) Salz in der Suppe

Beruhigt, stimuliert, eine Wand aus Salz ist gut. Vier Wände aus Salz sind besser.

Beruhigt, stimuliert, eine Wand aus Salz ist gut. Vier Wände aus Salz sind besser.

Bild: Salzziegel

Bauen mit Salz? Bauen mit Salz! Eine Utopie und mehr, eine Realität. Salzvorkommen ist allerdings vorausgesetzt. Und, Salz gilt gemeinhin als bauschädlicher Stoff. Doch gewusst wie, ist das jahrtausendalte Baumaterial zukunftsweisend. Im Pavillon des internationalen Beitrags der Vereinigten Emirate, an der Biennale mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet, ist ein Weg zu sehen, der die Kombination mit anderen Materialien vorschlägt.

Die gezeigten alten Mauern und Materialproben veranschaulichen die traditionelle Salzbautechnik. Dabei wird nicht nur, im Gegensatz zu Beton, kein Kohlendioxid freigesetzt, sondern es wir beim chemischen Prozess des Abbindens sogar Kohlendioxid aus der Luft aufgenommen. Salzwände als sinnliches und olfaktorisches Raumerlebnis im privaten Daheim, einzelne Salzziegel oder Salzfliesen in der Sauna oder einem Ruheraum gelten unter Fans des Baustoffs als Must.

3) Grünzeug grenzenlos

Lernen von der Natur. Eine mobile Siedlung konstruiert nach den Bauprinzipien des Waldes im dänischen Länderpavillon der Biennale.

Lernen von der Natur. Eine mobile Siedlung konstruiert nach den Bauprinzipien des Waldes im dänischen Länderpavillon der Biennale.

Bild: Marco Zorzanello / Courtesy of la Biennale di Venezia

Die Initiativen sind vielfältig: Pocket-Parks, Urban Gardening, Vertical Farming zählen zur «Grünen Architektur» mit dem Anspruch, die Welt ein bisschen besser zu gestalten und die Umwelt zu schonen. Eine begrünte Fassade reduziert Hitze, leistet Schutz vor der Sonneneinstrahlung und produziert Sauerstoff. Vorreiterin auf dem Weg zur «Stadt in einem Garten» ist Singapur. Neun Prozent der Landfläche Singapurs sind für Parks und Naturreservate bestimmt.

Führend ist das Architekturbüro WOHA (Wong Mun Summ, Richard Hassel), das die kühlende Begrünung und Berankung als Teil der Gebäudestruktur und -technik versteht. Die WOHA-Bauten lösen sich nicht nur nach aussen auf, sie sind auch im Inneren porös. Offene Strukturen, schmale Türme, luftige Gänge, brückenartige Terrassen und sogenannte Sky Gardens machen aus massiven Wohnblöcken winddurchlässige und natürlich gekühlte Wohnoasen.

4) Stämme für den Stamm

Der Beitrag des chilenischen Studio Elemental an der Architektur- Biennale in Venedig. Eine Arena aus geschälte Baumstämmen erinnert an den Versammlungsort der chilenischen Ureinwohner.

Der Beitrag des chilenischen Studio Elemental an der Architektur- Biennale in Venedig. Eine Arena aus geschälte Baumstämmen erinnert an den Versammlungsort der chilenischen Ureinwohner.

Bild: Alessandra Tarantino / AP

Auf die Frage der Biennale, wie wir zusammenleben werden, antworten mehrere Länder aus einem Mund: Mit Holz! Es scheint, als hänge der neuen Liebe zum alten Baustoff so etwas wie der Geruch einer Hysterie an. Denn das Holz, das sie meinen, als Antwort auf Klimawandel und Überbevölkerung, ist selbstverständlich rezykliert und soll aus der unmittelbaren Umgebung stammen. Keine Kleinigkeit in etlichen (bereits) waldlosen Weltgegenden.

Die Vorzüge von Holzarchitektur verwendet der nordische Pavillon von Schweden, Norwegen und Finnland in der Lobpreisung des Co-Housing in halböffentlichen Räumen. In Zukunft soll also gemeinschaftlich gearbeitet, gekocht und auch gegessen werden. Und gemeinschaftlich darüber nachgedacht, ob es eine Architektur des Wir-Gefühls geben kann, die jenseits von Hierarchie und Macht funktioniert. Und wenn es sie denn gäbe, funktioniert so auch der Stamm der Menschen?

5) Letzte Ausfahrt Manhattan

«Tropicalia», eine Gemeinschafts-Utopie als Modell in den Giardini der Biennale in Venedig.

«Tropicalia», eine Gemeinschafts-Utopie als Modell in den Giardini der Biennale in Venedig.

Bild: Piero Oliosi/Polaris/Laif / Polaris Images/laif

Öko-Utopie oder Pessimismus? Der Isländer Ilke Halso schirmt riesige Landschaften mit einer gigantischen futuristischen Glas-Stahl-Kuppel ab. Wovon? Von unserem eigenen Einfluss. Ein Witz, verglichen mit dem, was der amerikanische Erfinder und Ingenieur Buckminster Fuller bereits Mitte des letzten Jahrhunderts imaginierte. Seine «geodätischen Kuppeln» waren freitragende Strukturen beliebiger Spannweite.

Buckminster etablierte die Membran-Architektur und wollte Kugeln mit tausenden Bewohnern in der Luft schweben lassen. 1960 entwarf er für New York einen «Dome over Manhattan» von sage und schreibe drei Kilometer Durchmesser. Die Kuppel sollte die Energie für das sommerliche Kühle und das winterliche Heizen der Gebäude einsparen. Die Temperatur in der Glasglocke wäre zentral zu steuern. Wäre, wenn. Die Wirklichkeit hielt mit «Buckys» Realität nicht Schritt. Zu wessen Schaden, ist offen.

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