Sologamie ist in Mode
Mich selber heiraten? Nein, ich will nicht

Selbsthochzeiten sind im Trend. Unsere Autorin findet es zuerst ganz praktisch, wenn sie doppelt so viele Leute von ihrer Seite zur Hochzeit einladen könnte. Aber dann läuft es ihr kalt den Rücken runter.

Sabine Kuster
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Eine Hochzeitstorte nur für eine Person? Dabei gibt es doch schon ein Egofest: den Geburtstag.

Eine Hochzeitstorte nur für eine Person? Dabei gibt es doch schon ein Egofest: den Geburtstag.

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Es ist wieder geschehen. Eine Frau hat sich selbst geheiratet. Diesmal in ­Indien. Jetzt wird auch in jenen Ländern alleine geheiratet, wo Ehen oft arrangiert werden. Also in Kulturen, in denen die Ehe oft immer noch eine zweckmässige Verbindung ist, finanzieller und ­reproduktionsmässiger Art. Kein Anlass mit verkitschter Symbolik wie hier.

In westlichen Ländern haben in neuerer Zeit immer mal wieder Frauen sich selbst geheiratet. Zum Beispiel, um endlich Ja sagen zu können, auf die Frage, ob sie verheiratet seien. Um das grosse Fest zu feiern, auch wenn der Richtige nicht aufgetaucht war. Oder als emanzipatorischer Akt unter dem Motto: Wenn frau zur Fortpflanzung nicht mehr heiraten muss, heisst das noch lange nicht, dass sie kein Hochzeits­fest will. Und das Praktische ist: Für eine Selbsthochzeit braucht es wirklich keinen anderen Menschen, nicht mal eine Samenspende.

Die 24-jährige Inderin Kshama Bindu hat laut der Meldung zu Hause in einem roten Kleid geheiratet und die hinduistischen Hochzeitsrituale absolviert. Dazu gehört eigentlich, dass Braut und Bräutigam gemeinsam siebenmal ein Feuer umrunden. Das hat sie wohl alleine getan. Und irgendwer wird sich schon gefunden haben, der ihr das traditionelle Hochzeitsband ans Handgelenk geknüpft hat.

Die Frauen geloben, sich selbst für immer zu lieben

Westliche Frauen haben da weniger Probleme, sich das Ehesymbol, den Ring, selbst anzustecken. Und dann ­geloben sie einfach, sich zur Frau zu nehmen, sich selbst für immer zu lieben und zu achten – in guten wie in schlechten Zeiten…

Die Italienerin Laura Mesi hat sich selbst geheiratet. mit der Begründung, dass eine Hochzeit auch ohne Märchenprinz gehe.

Die Italienerin Laura Mesi hat sich selbst geheiratet. mit der Begründung, dass eine Hochzeit auch ohne Märchenprinz gehe.

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Grossartig! Selbstliebe ist sowieso im Trend. Und wenn ich mit mir selbst verheiratet wäre, fände ich meine Witze immer zum Totlachen. Ich hätte auch nie Diskussionen darüber, welches Filmgenre ich heute mit mir schauen möchte. Den alten Sonnenhut fände mein geheiratetes Ich genauso super wie ich. Im Haushalt wäre alles immer genau so, wie ich es richtig finde, und nie würde ich Putzmittel kaufen, wenn noch zwei Flaschen im Schrank stehen.

Ich hätte Verständnis dafür, wenn ich schon wieder etwas vergessen würde, denn gestern wäre mir das auch gerade passiert. Und würde ich mal übertreiben und schwierig tun, beeindruckte mich das gar nicht. Ich würde mich ­sofort durchschauen und sagen: «Jetzt hab dich nicht so!»

Gerade fallen mir noch mehr praktische Vorteile für eine Single-Hochzeit ein: Ich könnte dann zum Fest viel mehr Gäste von meiner Seite einladen, ohne ein grösseres Hotel suchen zu müssen. Und mein Blumenbouquet müsste nur zu mir selber passen – und zu keiner Krawatte.

Ich wäre schon am ersten Date gescheitert

Die Wahrheit ist bloss: Es wäre nie zum Hochzeitsantrag gekommen. Und mein Ich hätte nie «Ja» gesagt. Mehr noch: Es wäre nie zum zweiten Date gekommen. Ich wäre schon beim ersten Date vor Langeweile nach zehn Minuten vom Barhocker gekippt. Ich hätte mich entschuldigt, wäre aufs Klo gegangen und hätte dort im Spiegel über dem Lavabo dasselbe Gesicht mit der grossen Nase und den strähnigen Haaren von vorhin entdeckt. Ich wäre zurückgegangen, weil ich nicht unhöflich hätte sein wollen, aber dann hätte ich mich wieder verhaspelt beim Reden, weitererzählt, was ich eh schon wusste, und am Ende eine absolut unpassende Frage gestellt.

Aber da ist noch dieses Gerede, man müsse zuerst sich selbst mögen, um eine gute Beziehung mit anderen zu führen. Die nun mit sich selbst verheiratete Kshama Bindu erklärte gegenüber BBC: «Ich will den Leuten sagen, dass man alleine auf die Welt kommt und sie alleine verlässt. Wen kann man also mehr lieben als sich selbst? Wenn man hinfällt, muss man sich selber wieder auf die Beine helfen.» Vielleicht ist es diese Desillusioniertheit, die macht, dass der Anblick einer Frau (oder eines Mannes) im Hochzeitsdress alleine gruselig ist.

Mit der Scheidung wird’s dann eher schwierig

Ob Selbstliebe oder nicht – wir sind eh aufs Zusammensein mit uns selbst verdammt. Mit dem Unterschied, dass es keine Scheidungsmöglichkeit gibt. Da stehen also die Frauen mit Brautstrauss nach dem Schwur ewiger Treue mit sich selbst da und bedenken nicht, dass sie sich nie verlassen werden können, ohne sich gleich umzubringen.

Die Möglichkeit zur Scheidung ist eigentlich das Beste an einer Ehe mit einer fremden Person: Wir wissen, dass wenn wir uns nicht ab und zu zusammenreissen, könnten wir bald wieder alleine da stehen. Hochzeit hätten wir zwar gefeiert, die Fotos würden im Wohnzimmer hängen, aber dann müssten wir weiter nur mit uns selbst zusammenleben.

Ich müsste den Spiegel angifteln

Mit mir selbst verheiratet oder geschieden – wie auch immer, jedenfalls single - müsste ich mich an schlechten Tagen vor den Badezimmer-Spiegel stellen und gifteln: «Ich habe es satt, dass du immer wieder dein Zeugs vergisst, dass es immer nach deinem Kopf gehen muss, dass du ungeduldig wie ein Kind bist und immer nur die Hälfte von den Zutaten kaufst, die es fürs Rezept braucht.» Ich würde meine Sachen packen und in den Garderobenspiegel brüllen: «Ja genau, ich auch! Ich suche mir jemanden, der mir das Zeugs hinterherträgt, der meine Motzereien schluckt, der am Morgen, wenn ich noch schlafen will, zu den Kindern schaut, und der mir am Abend nicht unter die Nase reibt, was ich alles falsch gemacht habe beim Einkaufen!»

Nein, ich würde mich niemals heiraten. Ein Selbstliebesewigkeitsschwur? Ich versuche erst noch, mich jeden Tag wenigstens zu mögen! An den anderen Tagen chifle ich zuerst mit mir selbst. Und mag mich dann noch viel weniger. Bis ich so grantig bin, dass ich zu meinem geheirateten, anderen Menschen etwas Unwirsches sage. Und der? Der mag mich weiterhin. Etwas, was ich nie tun würde, wenn ich mich nicht mag.