Ruhe zum Nulltarif im Tal des Lichts

Einfacher leben, doch ohne Verzicht auf Komfort. Nahe an der Natur, vielleicht mit einer Prise Abenteuer. All dies und noch mehr bietet die Berglodge Albiert Greina in Vrin im Val Lumnezia, dem abgeschiedenen Seitental der Surselva. Die abwechslungsreiche Natur- und Kulturlandschaft ist ideal für stressfreie und erholsame Ferien.

Lioba Schneemann
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Traumwetter im «Tal des Lichts»: Wintergäste finden eine unberührte Schneelandschaft für leichte und anspruchsvolle Skitouren oder für Schneeschuhwanderungen. (Bild: Bilder: Lioba Schneemann)
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Jedes «Outdoor-Schlafzimmer» ist mit einem kleinen Ofen ausgestattet.
In den Hütten wird man vom Mond in den Schlaf begleitet und von der Sonne geweckt.
Einfacher leben und Ferien machen im Mongolenzelt: Die Gäste auf der Alp Flix müssen die Jurte selber mit Holz einheizen.
Oder vielleicht im Iglu. Das Iglu-Hotel in Davos Klosters bietet Platz für 46 Übernachtungsgäste. Ähnliche Angebote gibt’s in Zermatt. (Bild: Bilder: PD)
Leben wie ein Indianer – die Tipis in Disen­tis sind eine ideale Unterkunft für Naturburschen.
Bubble Thurgau: Hier kann man es sich in der Plastikblase zwischen Feld und Wiese gemütlich machen.

Traumwetter im «Tal des Lichts»: Wintergäste finden eine unberührte Schneelandschaft für leichte und anspruchsvolle Skitouren oder für Schneeschuhwanderungen. (Bild: Bilder: Lioba Schneemann)

Als erstes steigt der feine würzige Holzduft in die Nase. Dann spürt man diese wohlige Wärme. Der Ofen wurde vor unserer Ankunft schon mit Holz bestückt und hat den kleinen Raum des Outdoor-Zimmers erwärmt. Man meint fast, in eine Biosauna einzutreten. Aber das ist heute bei der klirrenden Kälte – das Thermometer zeigt minus 12 Grad an – gerade recht so. Das Glasfenster im Dach lässt den Blick auf den strahlend blauen Winterhimmel zu. Und der Wetterbericht verspricht eine sternklare Nacht, so dass auch dann einwandfreie Sicht auf das Firmament möglich ist. Vom Bett aus kann man somit nicht nur den Himmel und die Sterne, sondern auch die waldreichen und zerfurchten Berghänge mit dem Piz Aul betrachten.

Besonders schön ist die Aussicht an Tagen wie diesen, wenn sich der Schnee wie Puderzucker auf Berge, Wälder und Wiesen gelegt hat. Und es soll in den nächsten Tagen noch mehr schneien. Würden wir doch eingeschneit und hätten einen guten Grund, länger zu bleiben, kommt einem da spontan in den Sinn.

Time-out für Gestresste

Vollkommene Stille herrscht im Weiler Vrin-Ligiazun. Kein Auto, keine Stimmen, nur das Knirschen der Schritte im Schnee und der eigene Atem. Dabei ist es später Nachmittag und einige Häuser, darunter zwei Höfe, befinden sich in direkter Nachbarschaft. Vorher standen noch einige Ziegen und drei Esel vor ihren Ställen herum und schauten neugierig zu uns Neuankömmlingen hin­über. Auch der wuschelige Nachbarshund kam angerannt und holte sich Streicheleinheiten ab.

Wenige hundert Meter weiter liegt auf einer Anhöhe das kleine Kirchlein des St. Giusep, danach ist Schluss mit Zivilisation. Nur noch unberührte Natur der Greina Hochebene, diese einzigartige Landschaft, die vor Jahrzehnten zum vielleicht heute noch bekanntesten Symbol für die Schweizer Umweltbewegung wurde.

Von dieser idyllischen Landschaft angeregt, schuf das Ehepaar Martina und Livio Caviezel-Caminada an ihrem Heimatort zwei Zimmer auf der grünen Wiese, direkt vor ihrem Bauernhaus. «Die Leute, die zu uns kommen, sollen ein Gefühl der Freiheit und Nähe zur Natur erhalten», sagt Gastgeberin Martina Caviezel.

«Deswegen haben wir uns entschlossen, die Betten in der Natur zu platzieren und sie durch eine einfache Holz- und Glaskonstruktion zu schützen.»

Auch Norwegen sei eine Quelle der Inspiration gewesen. Dort gebe es Iglus mit einem Glasdach, damit man den Sternenhimmel und das Polarlicht bewundern kann, ohne in der Kälte stehen zu müssen. «Sternenhimmel ohne Licht- und Luftverschmutzung gibt es ja hier auch», sagt die Gastgeberin. Die Voraussetzungen für diese Art der Unterkünfte hätten also nicht besser sein können: eine unverbaubare Lage mit wundervoller Aussicht, Stille rundherum, ausreichend Platz auf dem eigenen Land und ein Bruder, der eine Schreinerei betreibt. Dazu gesellen sich die Leidenschaft fürs Kochen, ein offener Geist und die Freude am Austausch.

Der bekannteste Vriner ist überall präsent

Der erste Eintrag ins Gästebuch ist denn auch passend: «Orte schaffen» – ein Zitat von ETH-Professor Gion A. Caminada. Der bekannteste Vriner ist irgendwie überall präsent im Tal, so scheint es, und ziemlich sicher hätte der kritisch denkende Architekt auch an diesen Hütten seine Freude.

Seit Juni stehen die Hütten und in diesem Winter ist die erste Saison, die zeigen soll, dass es auch bei Eis und Kälte klappt. «Wir probieren noch etwas aus, wie das mit dem Heizen am besten klappt.» Dafür installierte Livio zwei neue, mit Specksteinen verkleidete Öfen, welche die Wärme über einige Stunden speichern. So hält sie fast die ganze Nacht, auch wenn das Thermometer tief unter den Gefrierpunkt sinkt.

Um ins ebenso neu gestaltete Badezimmer zu gelangen, muss man dann doch hinaus, aber es liegt einige Schritte weiter im Keller des Hauses. Kein Problem, wie sich zeigt, denn der Körper ist so warm, dass man die klirrende Bergluft erfrischend und pur wie sonst kaum empfindet. Zum Einkuscheln stehen dicke Bademäntel bereit. Vor dem Haupthaus entstand ein verglaster Anbau, der als Sommerrestaurant und Aufenthaltsraum dient. Im Winter werden die Gäste jedoch in der warmen Stube empfangen und bewirtet. «Einige Gäste müssen sich erst an diese Ruhe gewöhnen. Und dass es auch sonst nichts gibt ausser den Outdoor-Zimmern und Natur drumherum.» Keinen Hot Pot, keine Sauna, keine sonstigen Attraktionen. Immerhin, das Internet funktioniert trotz dicker Holzwände. Manche Menschen aus der Stadt, ergänzt Caviezel schmunzelnd, hätten ihre Anlaufschwierigkeiten.

«Aber spätestens am zweiten Tag sind alle angekommen.»

Kurz vor seiner Pensionierung haben die beiden Neues gewagt, besser, wagen müssen, was sich nun zweifelsohne als Glücksfall erweist, geht doch der Trend in diese Richtung. «Wegen Rückenproblemen konnten wir unseren Biohof mit Mutterkuhhaltung nicht mehr betreiben.» Glücklicherweise kocht Martina dazu noch leidenschaftlich gern, so dass auch in dieser Hinsicht keine Wünsche offen bleiben. Fleisch gibt’s aus eigener Jagd, Gemüse, Konfitüren und andere feine Dinge finden ihren Ursprung im eigenen Garten oder stammen aus der Region.

Aussergewöhnliche Unterkünfte

Berglodge Albiert Greina www.albiertgreina.ch
Kulinarische Wanderungen: Das Val Lumnezia hat sich darauf spezialisiert. www.surselva.info/Media/Touren/Kulinarische-Wanderung-Tras-neivs-e-nevaglias-Val-Lumnezia.
Spezielle Hotels und Glamping-Ideen findet man auf der Webseite von Graubünden Tourismus. Schlafen kann man zum Beispiel:
Im Benediktinerkloster: Das Kloster Disentis beherbergt auch weltliche Gäste. Auf einen Fernseher wird bewusst verzich­tet, dafür gibt es ein Lesezimmer und einen Salon. Wer sich für das Klosterleben interessiert, besucht die Mittagshore mit Choral­gesängen.
Im Geisterhaus: Im Hotel Val Sinestra soll es spuken. Und wenn man das Gebäude aus dem dunklen Nadelwald ragen sieht, glaubt man dies sofort. Die Legende besagt, dass der Hausgeist ein ehemaliger Kur­gast ist.
Im Weinfass: In der Bündner Herrschaft im Churer Rheintal dreht sich alles um Wein. Als Unterkunft wurden 8000-Liter-Fässer in Schlafzimmer umgestaltet. ­Diese stehen in Malans und Maienfeld.

Schlafen in Baumhütten, Iglus oder Weinfässern

Luxuriöser übernachten, dennoch nahe an der Natur und wenn möglich mit einer Prise Abenteuer gewürzt, scheint das neue Rezept zu sein, nach dem Gäste mehr und mehr fragen, ob Jung oder Alt, ob Familie oder frisch verliebte Paare. «Viele unserer Gäste suchen nach ­authentischen Ferienerlebnissen. Die Übernachtung spielt dabei eine wichtige Rolle, denn spezielle Unterkünfte bleiben in Erinnerung und sind schön in der Natur eingebettet», sagt Martin Vincenz, CEO von Graubünden Ferien. Sei es in Hütten oder Pods auf einem Campingplatz, was man heute als «Glamping» bezeichnet, sei es in Tipis wie auf dem Campingplatz in Disentis, in mongolischen Jurten, die in Vals oder auf der Alp Flix ganzjährig stehen, in Baumhütten wie in Madrisa oder schon weniger neu, Schlafen im Stroh oder in einem riesigen Weinfass wie in Jenins – dem Erfindergeist scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein. Bekannt sind schon seit etlichen Jahren die Igludörfer in einigen Berg­gebieten, wie in Davos Klosters oder Melchsee-Frutt. Neueren Datums sind hingegen die Betten ganz im Freien, mit Dach oder ohne, im Garten oder in einer herrschaftlichen Parklandschaft gelegen. Das Berggasthaus Bündner Rigi bietet ein Bett im Glashaus an, ergänzt mit Wellness im Hot Pot und einer Sauna in der finnischen Kota. Einige Hotels im Thurgau oder in Braunwald platzieren das Doppelbett einfach in ein geräumiges durchsichtiges Zelt, sinnigerweise als «Bubble-Hotel» bezeichnet, was sich grosser Beliebtheit erfreut. Ein Bett ganz draussen ohne Licht- und Feuchteschutz, aber mit einem Zimmer im Hotel, in das man bei Bedarf zu jeder Nachtzeit wechseln kann, bieten einige Mitgliederhotels der Kooperation Garten Hotels Schweiz an – ebenso mit grossem Erfolg.

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