Rückblick
Wie Ray Tomlinson das @-Zeichen erfand

«Sag es niemandem», soll der Amerikaner Ray Tomlinson gesagt haben, als er das erste E-Mail versandt hatte. Was sich daraus entwickelte, konnte er nicht erahnen.

Bruno Knellwolf
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Was im ersten E-Mail stand, weiss Ray Tomlinson nicht mehr.

Was im ersten E-Mail stand, weiss Ray Tomlinson nicht mehr.

Bild: Raytheon BBN Technologies

Wie andere Erfinder auch hat Ray Tomlinson keine Ahnung davon, was er mit seinem ersten E-Mail auslösen wird. Als damals 30-jähriger Elektrotechniker der amerikanischen Firma Bolt Beranek and Newman Inc. schraubt er 1971 am Arpanet (Advanced Research Projects Agency Network) herum. Eine neue Netzwerktechnologie, die zum Vorläufer des Internets wird. Über die herkömmliche Telefonleitung konnten auf diese Weise bereits Daten in kleinen Paketen für Forschungszwecke verschickt werden.

Nebenbei beschäftigt sich Tomlinson damit, Schriftsätze von einer Maschine zur nächsten zu transferieren. Das macht er mit einem neuen Adressierungssystem, welches auf ein Zeichen der maschinellen Typografie setzt, das sonst nicht gebraucht wird: @. Tomlinson ist sich sicher, dass diese Affenklammer nie in einem Namen eines Menschen vorkommen würde, und setzt sie so als Trenner in die E-Mail-Adresse.

An den Wortlaut, den er 1971 mit seiner ersten elektronischen Post, die er im Arpanet zum daneben stehenden Computer schickt, kann sich der vor fünf Jahren verstorbene Tomlinson nie erinnern. Aber daran, dass er seinen Kollegen gesagt hatte:

«Sag es niemandem. Das ist nicht die Arbeit, für die wir bezahlt werden.»

«Grundsätzlich muss man bei Erfindern vorsichtig sein», sagt Juri Jaquemet vom Museum für Kommunikation in Bern. Der Name des Erfinders unterscheide sich oft von Land zu Land, je nach Geschichtsschreibung. Tatsächlich reklamiert der Inder Shiva Ayyadurai ebenfalls die Erfindung des E-Mails für sich. Auch gebe es mehrere Erfinder des Telefons. Oft gehe der mit der grössten Marketing-Begabung in die Geschichtsbücher ein. «Gut möglich, dass in 100 Jahren Bill Gates und Steve Jobs als Erfinder des Computers gelten», sagt Jaquemet.

Aber wenn auch andere gleichzeitig am Versenden von Textbausteinen werkelten, das «at»-Zeichen Tomlinsons erobert die Welt. Allerdings bleibt die Erfindung lange ohne Bedeutung. Damit E-Mails versandt werden können, muss sich zuerst das Internet entwickeln, dessen Anfänge bis in die 1960er-Jahre reichen.

Die USA reagieren auf den russischen Sputnik-Schock beim Wettlauf ins All mit der Defense Advanced Research Projects Agency (Darpa). Darin soll ein geografisch verteiltes Kommunikationssystem entwickelt werden, um im Falle eines Atomkriegs eine funktionierende dezentrale Infrastruktur zur Verfügung zu haben. Bei Darpa entwickelt eine Forschergruppe schliesslich das eingangs erwähnte Arpanet, auf dem Tomlinson sein erstes E-Mail versendet.

Die Anfänge des Arpanets sehen im Rückblick wenig spektakulär aus.

Die Anfänge des Arpanets sehen im Rückblick wenig spektakulär aus.

Keystone

Ohne Internet keine E-Mails

Arpanet entwickelt sich zum Internet, das zuerst nur Universitäten und Forschungseinrichtungen in den USA vernetzt. Der für das Aufkommen der E-Mails entscheidende Fortschritt des Internets folgt erst in den 1980er-Jahren durch die auch heute noch gültigen technischen Grundlagen des Internets, das Transfer Control Protocol/Internet Protocol, (TCP/IP), die Internetadresse. Los geht es Anfang der 1990er, als Tim Berners-Lee 1989 am Cern in Genf das WWW, das World Wide Web, entwickelt.

Entsprechend bleiben die E-Mails lange Zeit nur etwas für Nerds und Wissenschafter. In Deutschland wird das erste E-Mail am 2. August 1984 verschickt, es kommt allerdings erst am 3. August an. Um heute ein E-Mail zu senden, braucht der Absender ein E-Mail-Programm. Das sendet die elektronische Nachricht über den Internetdienstanbieter an den Mailserver eines Mailproviders. Von dort aus fliesst die elektronische Post über das Internet auf den Mailserver des Adressaten. Heute dauert eine Übertragung eines E-Mails von Europa in die USA nur noch ein paar Sekunden.

Versendet wird das erste deutsche E-Mail 1984 über das Forschungsnetz CSNET an der Universität Karlsruhe, adressiert an den Internetpionier Michael Rotert unter der Adresse rotert@germany. Ein solches Pioniermail ist aus der Schweiz nicht bekannt. Hierzulande setzte sich das Internet spät durch. Erst 1987 wird vom Bund und den Universitäten die Stiftung Switch gegründet, um Teleinformatikdienste für Lehre und Forschung aufzubauen. Switch verwaltet die Internetadressen mit der Schweizer Endung «.ch». Das erste E-Mail könnte somit über einen Server von Switch gelaufen sein.

«Dann geht es Schlag auf Schlag», sagt Jaquemet. 1997 kommt Microsofts Mailprogramm Outlook auf den Markt. Noch haben allerdings erst sieben Prozent der Schweizer Bevölkerung einen Internetanschluss, ein Jahr später allerdings schon jeder sechste. Im Jahr 2000 ist bereits jeder dritte Teil des WWW.

Kurz bleiben die E-Mails ein Phänomen der Geschäftswelt, in der bis 2000 noch der papierene Brief dominiert. «Doch um das Jahr 2000 setzen sich die E-Mails durch, so wie das Handy», sagt Jaquemet. Gemäss dem Bundesamt für Statistik haben 1997 22 Prozent der Unternehmen E-Mail, im Jahr 2000 bereits 87 Prozent und 2005 alle. Bei den Haushalten ist die Mailabdeckung noch kleiner, weil im Jahr 2005 erst etwa 75 Prozent einen PC zu Hause haben. Seit 2012 besitzt ein E-Mail gemäss einem Bundesgerichtsentscheid Urkundenqualität.