Rückblick
Blasphemisch und verboten: So erlebten unsere Redaktorinnen und Redaktoren den Frauenstreik vor 30 Jahren

Am 14. Juni 1991 gingen unsere Autorinnen und Autoren ganz unterschiedlichen Tätigkeiten nach: Einige protestierten, andere hielten sich zurück.

Redaktion CH Media
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Ein Plakat von damals in Lila.

Ein Plakat von damals in Lila.

Bild: Keystone

Sabine Altorfer: «Gebe ich mir selber streikfrei?»

Sabine Altorfer (64) arbeitete 1991 als selbstständige Kulturjournalistin und Kuratorin

Sabine Altorfer (64) arbeitete 1991 als selbstständige Kulturjournalistin und Kuratorin

Bild: CHM

«Die Idee zu streiken, fand ich als Selbstständige seltsam, schädigte meine Nicht-Arbeit ja mich selber. Immerhin drohte mir so nicht Entlassung. An die Demo ging ich, klar! Denn die Wut über Ungleichheit und die Verschleppung des Gleichstellungsartikels war zu gross. So überliess ich die Art Basel sich selbst, genoss den Tag mit Frauen, fand es lustig, wie Männer versuchten, den Betrieb der Stammbeiz aufrechtzuerhalten. Und ärgerte mich, weil die Kommentatoren der Medien fanden, Feststimmung, violette Ballone und gemütliche Sit-ins gehörten nicht zu einer seriösen und politischen Demo. Männersicht halt.»

Patrik Müller: «Wir Jungs hatten mehr Verständnis»

Patrik Müller (46) erinnert sich an hitzige Diskussionen in seiner Schulklasse.

Patrik Müller (46) erinnert sich an hitzige Diskussionen in seiner Schulklasse.

Bild: CHM

«Als ich nach den Sommerferien in die Kanti kam, hallte der Frauenstreik nach. In unserer neuen Klasse wurde heftig darüber diskutiert. Wir Jungs hatten mehr Verständnis für kämpferische Frauen. Manche Mädchen waren konservativer, es störte sie, wenn Lehrerinnen darüber sprachen. Das Muster blieb so, als 1993 nicht Christiane Brunner, sondern Francis Matthey in den Bundesrat gewählt wurde. Wir schauten die Wahl live am TV. Meine Kollegen und ich empörten uns. Manche Mädchen fanden die Männerwahl okay. Es war eine Zeit, als viele von uns politisiert wurden – 1992 wurde ja dann über den EWR abgestimmt.»

Odilia Hiller: «Dass es verboten war, gefiel mir»

Odilia Hiller (45) ging als Kantischülerin trotz Verbot streiken – und musste sich erklären.

Odilia Hiller (45) ging als Kantischülerin trotz Verbot streiken – und musste sich erklären.

Bild: CHM

«15 Jahre alt war ich, aufmüpfig und via Mutter und Schwester auf feministische Werte adäquat eingefuchst. An unserer Schule, wo ich das Untergymnasium besuchte, sagten sie, wir dürften da nicht hingehen, der Unterricht gehe vor. Mehr brauchte ich nicht, um erst recht streiken zu gehen. Dass es verboten war, gefiel mir ausnehmend gut. Unvergessen dann die Vorladung der Schulleitung. Der Abteilungsvorstand fragte lächelnd, warum ich das getan hätte. Ebenso freundlich gab ich zu Protokoll, dass ich es «als Frau» als meine Pflicht erachtete und nichts bereute. Bestraft wurde ich nicht. Der Mann ist heute Rektor.

Dagmar Heuberger: «Lieber antike Ruinen als Streik»

Dagmar Heuberger (66) war 1991 Auslandredaktorin beim «Aargauer Tagblatt».

Dagmar Heuberger (66) war 1991 Auslandredaktorin beim «Aargauer Tagblatt».

Bild: CHM

«Sonne, Sand und Meer, dazu ein paar historische Gebäude: Darauf kann ich im Sommer nicht verzichten. Logisch, dass ich am 14. Juni 1991 auf einer griechischen Insel durch irgendwelche Ruinen stolperte. Es war die Zeit vor dem Internet und dem Smartphone, vor der Überflutung mit News im Sekundentakt. Vom Frauenstreik in der Schweiz bekam ich deshalb überhaupt nichts mit. Freilich hatte ich mich schon zu Hause kaum dafür interessiert. Ich hätte auch nicht gewusst, weshalb ich streiken sollte. Frauenrechte in der Schweiz waren für mich Peanuts verglichen mit dem, was gerade in der Weltpolitik abging.»

Bernhard Vesco: «Ein Hauch von Revolution»

Bernhard Vesco (58) arbeitete in der Dokumentation der «Basler Zeitung».

Bernhard Vesco (58) arbeitete in der Dokumentation der «Basler Zeitung».

Bild: CHM

«Seit den Jugendunruhen in den Achtzigerjahren schien mir die bisherige Ordnung nie mehr so zu wanken wie an diesem Tag. Die Frauen streikten, und es herrschte schon fast euphorische Aufregung in der Redaktion, die einzige Frau der Inlandredaktion stand plötzlich im Zentrum. Ich war beeindruckt, die Bilder der vielen Frauen mit den violetten Ballonen prägten sich ein, wurden ikonisch. In den folgenden dreissig Jahren musste ich sie noch häufig heraussuchen. Wenn ich die Bilder des Frauenstreiks von 2019 anschaue, staune ich, wie sie sich ähneln und wie aktuell die Forderungen noch sind.»

Daniele Muscionico: «Der Gedanke war pure Blasphemie»

Daniele Muscionico (58) war Volontärin der «Neuen Zürcher Zeitung».

Daniele Muscionico (58) war Volontärin der «Neuen Zürcher Zeitung».

Bild: CHM

«Es war wie immer. Meine männ­lichen Kollegen in der Redaktion waren an der 9-Uhr-Sitzung höflich und zuvorkommend. Sie sahen in mir das Andere. Ich war bei weitem die Jüngste, sie waren meine journalistischen Ziehväter. Frauenstreik? Der Gedanke war pure Blasphemie. Ich ignorierte ihn wie wir alle in vor­aus­eilen­dem Gehorsam. Im Lauf des Tages traf ich auf dem Gang meine Lieblingskorrektorin – und erschrak. Sie hatte sich auf ihre Wange das Frauenzeichen gemalt. Hatte sie keine Angst, entlassen zu werden? Heute ist Judith Blumenthal meine Freundin, die mir beibrachte: Eigensinn macht Spass.»

Christian Berzins: «Rede über de Beauvoir»

Christian Berzins (51) war Maturand an der Kantonsschule Baden.

Christian Berzins (51) war Maturand an der Kantonsschule Baden.

Bild: CHM

«Am 14. Juni 1991 herrschte grosse Aufregung in der Kantonsschule Baden: Streik in der Schule – ungeheuerlich. Und alles schien zudem lila oder violette T-Shirts zu tragen. Die Italienischlehrerin stand mit der Lateinlehrerin zusammen an vorderster Front. Ich glaube aber, dass den Lehrerinnen verboten war, den ganzen Tag zu streiken. Meinen Klassenkameraden und -kameradinnen war das sowieso egal, wir steckten mitten in den Maturaprüfungen. Neumi war oben im 6004 bei Edy Knecht, sprach tatsächlich über Simone de Beauvoir und machte mit seinem Sermon über die grosse Feministin unserem 4aL alle Ehre.»

Der Kampf für Frauenrechte als Dokumentarfilm

Der Frauenstreik setzt fort, was eine Reihe von Frauen bereits beim Kampf ums Frauenstimmrecht begonnen haben: Die Forderung nach gleichen Rechten für Mann und Frau. Alt Bundesrätin Doris Leuthard diskutiert im Dokumentarfilm mit ihren Mitstreiterinnn Stéphanie Mörikofer und Doris Stump: «Wir waren doch eine blöde Konkurrenz!»

Alles muss man selber machen: Doris Leuthard (l.), Stéphanie Mörikofer und Doris Stump über Hürden, Hindernisse und Frauenrechte.

Simone Morger/Ruth Wiederkehr/Annina Sandmeier-Walt