Klimaschutz

«Ohne Atomstrom hätte die Schweiz eine wesentlich schlechtere CO2-Bilanz» – stimmt das wirklich?

Erinnert ein bisschen an die 60er-Jahre-Serie «Star Trek»: Die Kommandozentrale des Atomkraftwerks Beznau im Aargauischen Döttingen, das die Schweiz seit 1969 mit Energie versorgt.

Erinnert ein bisschen an die 60er-Jahre-Serie «Star Trek»: Die Kommandozentrale des Atomkraftwerks Beznau im Aargauischen Döttingen, das die Schweiz seit 1969 mit Energie versorgt.

Das Parlament streitet derzeit über das CO2-Gesetz, das Herzstück der helvetischen Klimapolitik. Ohne Atomstrom verpasst die Schweiz die Pariser Klimaziele, sagt die Nuklearlobby. Wirklich?

Von Herzen kamen die Glückwünsche nicht, die das Demonstrantengrüppchen dem Atomkraftwerk Beznau im Herbst 2014 überbrachte. Der Nuklearreaktor wurde 45, und die Gratulanten – unter ihnen die Grünen-Politiker Bastien Girod und Irène Kälin – verstanden ihren Geburtstagsbesuch als Protest gegen ein Atomkraftwerk, das schon damals zu den ältesten der Welt gehörte.

Nun trifft sich wieder eine Gruppe von Umweltschützern in Beznau. Anders als vor vier Jahren bleiben sie nicht auf der Zufahrtsbrücke zum Kraftwerk stehen. Da wartet nur ein Fischer, der den Passanten stolz die beiden riesigen Welse zeigt, die er im Morgengrauen aus der Aare gezogen hat.

Die Umweltschützer gehen an ihm vorbei, passieren die Sicherheitsschleusen und stehen kurze Zeit später in der Kommandozentrale des Atomkraftwerks. Eine feindliche Übernahme? Keineswegs: Die Umweltschützer im Spätherbst 2018 sind keine Atomstrom-Gegner, im Gegenteil. Es sind Vertreter des atomfreundlichen Vereins Nuklearforum Schweiz. Der Verein wird von der Axpo, der Betreiberin des AKWs Beznau, mitfinanziert.

Bilder der Beznau-Demonstration im April 2018: 

Sein Ziel: den Atomstrom als zukunftsträchtige, weil umweltfreundliche Sache zu präsentieren. In Zeiten, in denen der Klimawandel zur grössten Bedrohung der Menschheit geworden ist, sticht der Atomstrom die herkömmlichen Konkurrenten Kohle und Gas plötzlich wieder aus. Das Nuklearforum feiert die Mini-Renaissance. Man ist sichtlich stolz darauf, was der Atomstrom für das Land leistet.

Zum Beispiel hier in Beznau. Die Kommandozentrale ähnelt dem Raumschiff Enterprise aus der 60er-Jahre-Serie «Star Trek». Nur, dass statt dem blondierten Captain Kirk ein Aufsichtschef mit lichtem Haar vor den blinkenden Armaturen sitzt. In der Ecke putzt ein Gärtner die Zimmerpflanzen. Und an der Wand hängt eine Postkarte mit einem Atomkraftwerk. Darüber steht: «Ungeliebte Klimaschützer: 6 Mrd. Kilowattstunden Jahreserzeugung, null CO2-Ausstoss».

Die Postkarte fasst die Position der Atomlobby gut zusammen: Atomstrom gehört zu den umweltfreundlichsten Energieformen überhaupt. So sieht das Beat Bechtold, Geschäftsführer des Nuklearforums. Der 41-Jährige hört gespannt zu, wie die Herren der AKW-Leitung über die Vorzüge der Atomkraft erzählen.

Blick in den Kommandoraum von «KKB 1», der im März 2018 nach drei Jahren Unterbruch wieder ans Netz ging.

Blick in den Kommandoraum von «KKB 1», der im März 2018 nach drei Jahren Unterbruch wieder ans Netz ging.

Beim Mittagessen wird Bechtold dann selbst gesprächig. Er erzählt vom letzten Vereinsausflug nach Tschernobyl. Die Natur erobere da, wo 1986 der atomare Super-GAU passierte, alles zurück. Der Besuch habe ihn also gar nicht erschüttert. Sein Glaube an die Kernenergie sei ungebrochen.

Von Stalin und Strohhalmen

Irgendwann zwischen Rosenkohl und Espresso verweist Bechtold auf eine Studie der Internationalen Energieagentur (IEA). Die behauptet, ohne Atomstrom werde es für die Schweiz schwierig, die Pariser Klimaziele zu erreichen. Um ihren Teil zum Stopp des Klimawandels beizutragen, soll die Schweiz den CO2-Ausstoss bis 2030 auf 50 Prozent des Levels von 1990 absenken.

Eines müsse man sich bewusst sein, sagt Bechtold: «Ohne Atomstrom hätte die Schweiz heute eine wesentlich schlechtere CO2-Bilanz.» Wenn die Schweiz zu früh aus der Kernenergie aussteige, dann riskiere sie, plötzlich auf Braunkohle-Energie aus Deutschland angewiesen zu sein. Und das habe dann nichts mehr zu tun mit klimafreundlicher Energieproduktion.

Neu ist das Argument nicht. Neu aber ist die Vehemenz, mit der Bechtold und seine Mitkämpfer die Atomenergie als letzten Wall gegen die Klimakatastrophe präsentieren. Sie erinnern dabei ein wenig an all die Kommerz-Wichtel, die derzeit landauf, landab hinter den Gschänkli-Theken der Warenhäuser stehen und alle möglichen Dinge in glitzrigen Verpackungen verstecken.

Nils Epprecht, Geschäftsleiter der atomkritischen Schweizerischen Energie-Stiftung (SES), glaubt der Erzählung der Atomstrom-Anhänger nicht. Zur Glitzerverpackung des Nuklearforums hat Epprecht eine klare Meinung. «Die relativen Vorteile beim CO2 sind der letzte Strohhalm, an den sich die Branche klammert, um das Image des Atomstroms zu verbessern und an dringend benötigte Gelder zu kommen.» Das Problem: die Argumente seien faktisch falsch.

Betrachte man den Atomstrom isoliert, weise er zwar tatsächlich eine bessere CO2-Bilanz auf als Strom aus Kohle- oder Gaskraftwerken. Doch diese Sichtweise sei irreführend. «Atomstrom ist mit grossen Umweltbelastungen verbunden, insbesondere in den Uran-Abbaugebieten», sagt Epprecht.

Beznau bezog sein Uran lange aus dem russischen Majak, wo Stalins Nuklearforscher einst an atomaren Waffen bastelten und wo es 1957 zum drittschwersten atomaren Unfall der Geschichte kam. Seit 2014 steht die Axpo nicht mehr auf der Majak-Kundenliste. Stattdessen setzt man auf eine Mischung aus wiederaufbereitetem Material aus westlichen Kernkraftwerken und russischen Industriereaktoren.

Das Lob des WWF

Im AKW Beznau stehen Bechtold und seine Begleiter mittlerweile in der Maschinenhalle. Gedröhne, viel Gusseisen, Helmpflicht. Seit 1969 brummen hier die Brown-Boveri-Turbinen. Industrie-Chic vom Feinsten. Draussen legt sich die Dämmerung über den grauen Betonbau. Bechtolds Kommunikationsmensch verteilt Informationsdossiers an die Begleiter. Darin steht: Wenn die Schweiz von Anfang an auf Kohle statt auf Atomstrom gesetzt hätte, dann wäre der jährliche CO2-Ausstoss heute doppelt so hoch.

In diesem Punkt geht sogar der WWF einig mit den Atomstromanhängern. Elmar Grosse Ruse, Projektleiter Klima und Energie beim WWF Schweiz, sagt: «Möglicherweise hat die Atomkraft dazu beigetragen, vor 30 oder 40 Jahren den Bau von Kohle- oder Gaskraftwerken zu verhindern. Für die Schweizer Klimapolitik der Zukunft ist die Atomkraft jedoch irrelevant.» Wenn die Atomlobby jetzt die Pariser Klimaziele herbeiziehe, um ihre Atomkraftwerke ins rechte Licht zu rücken, dann habe das wenig mit der Realität zu tun.

Was zähle, sei der Ausbau der erneuerbaren Energien, sagt Grosse Ruse. Deren Potenzial würde von den AKW-Vertretern kategorisch unterschätzt. «Es ist problemlos möglich, die einheimischen erneuerbaren Energien binnen zweier Jahrzehnte so auszubauen, dass sie die Stromerzeugung der Atomkraftwerke vollständig ersetzen», meint der WWF-Experte.

Bilder einer Besichtigung des Kernkraftwerks Beznau: 

In Beznau geben Bechtold und seine Begleiter ihre Schutzhelme ab, schütteln ein paar Hände und gehen durch die Schleusen nach draussen. Vor den Toren mischt sich das Rauschen der Aare in den Lärm der Maschinenhalle. Das Kühlwasser des Kraftwerks sprudelt in den Fluss. Es ist neun Grad wärmer als das Aarewasser. Dem Fischer, der am Morgen auf der Brücke stand, ist das wohl ganz recht. Denn Welse lieben warmes Wasser.

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