Maskentragepflicht
In der Coronazeit verstehen viele Schwerhörige nur noch: «Nuschel-nuschel-nuschel»

Die Kommunikation mit Masken im Gesicht ist für alle schwierig - für Personen mit einer Hörbehinderung sind sie ein echtes Problem. Von der einfachsten Lösung schreckt das Gegenüber oft zurück.

Sabine Kuster
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Personen mit einer Hörbehinderung können mit nicht mehr Lippenlesen – und wer schlecht sieht, erkennt wegen der Maske seine Freunde nicht mehr.

Personen mit einer Hörbehinderung können mit nicht mehr Lippenlesen – und wer schlecht sieht, erkennt wegen der Maske seine Freunde nicht mehr.

Bild: Getty

Es ereignete sich kürzlich am Eingang eines Spitals. Daniela Bühler wollte eine Person besuchen, die schwer erkrankt ist. Bei der Tür stoppte sie ein junger Sicherheitsmann. «Nuschel-nuschel-nuschel», sagte dieser in seine Maske. Sie antwortete: «Entschuldigung? Ich bin schwerhörig, bitte sprechen Sie deutlich.» «Nuschel-nuschel-nuschel», sagte er nochmals, in schärferem Ton, aber nicht deutlicher.

Bühler war in grosser Sorge um den Patienten, den sie besuchen wollte, müde und sagte spontan: «Könnten Sie nicht einen Schritt zurücktreten, die Maske kurz abnehmen und deutlich sprechen? Ich verstehe Sie sonst nicht.» Das war ein Fehler. Der Sicherheitsmann baute sich vor ihr auf und blickte sie wütend an.

Verständigungsprobleme wegen Masken kommen täglich überall vor. Doch die Nachteile, die Masken haben, sind für Hörbehinderte: ein echtes Problem. Das Bundesamt für Gesundheit BAG hat in der Covid-19-Verordnung zur besonderen Lage am 30. Oktober deshalb unter Artikel 3a) ergänzt, dass in gewissen Situationen die Maske selbstverständlich abgenommen werden kann «zu Zwecken einer erforderlichen Kommunikation mit Menschen mit einer Behinderung».

Die Situation vor dem Spital eskalierte beinahe

Wer spricht, macht zwei Schritte zurück und nimmt die Maske ab, sodass die Hörbehinderten die Lippen lesen und das Gesprochene ungedämpft besser verstehen können. «Diese Ausnahmeregelung des BAG war wichtig für uns», sagt Sandri­ne Burger vom Schweizerischen Gehörlosenbund SGB-FSS. «Aber im Alltag ist die Umsetzung schwierig, denn die Leute haben Angst, die Maske auszuziehen.»

Vor dem Spital starrten der Sicherheitsmann und die schwerhörige Frau einander an. Schliesslich sagte Daniela Bühler langsam: «Ich möchte einfach nur den schwerkranken Herrn B. auf Zimmer D228 besuchen!» Da drückte er ihr eine Spitalmaske in die Hand und sie konnte eintreten.

Besser gelang es beim nächsten Mal: Eine Kollegin aus dem Sicherheitsdienst stand an derselben Stelle und nahm zwar die Maske auch nicht ab, aber sie hielt ihr freundlich eine Liste mit Fragen vors Gesicht. «Kreative Lösungen sind willkommen», sagt Bühler.

Dolmetscher werden jetzt häufiger gebucht

Es gibt in der Schweiz laut dem Schweizerischen Gehörlosenbund 600000 Menschen mit einer Hörbehinderung. Viele von ihnen, die sich im Alltag vorher gerade noch durchschlagen konnten, scheitern jetzt in der Kommunikation. Der Gehörlosenbund verzeichnet seit Beginn der Pandemie deutlich mehr Buchungen von Gebärdenübersetzerinnen und -übersetzern.

Während es früher nicht möglich war, eine solche Dolmetscherin per Video beizuziehen, ist dies nun erlaubt. Der Gehörlosenbund selbst hält seine Videositzungen so ab. «Wir hoffen, dass die aktuelle Ausnahmeregelung auch nach der Pandemie bestehen bleibt», sagt Sandrine Burger.

Übersetzerinnen und Übersetzer lassen sich auch für Arztbesuche buchen – sonst jedoch müssen sich Hörbehinderte im Alltag anderweitig helfen. Es gibt Apps, welche Gesprochenes in Text umsetzen, doch das Ergebnis ist oft noch mangelhaft und nicht mundarttauglich. Zertifizierte durchsichtige Masken wiederum werden erst im nächsten Jahr erwartet.

Sehr deutlich sprechen würde auch helfen

Daniela Bühler hat kürzlich in einem Laden keine Hose gekauft, weil die Verkäuferin bei der Beratung den Mundschutz nicht abnahm. «Ich verstand null, wirklich null von dem, was sie mir sagen wollte», sagt Bühler. Auch im nächsten Laden nahm die Verkäuferin die Maske nicht ab. «Aber sie gehörte zu jenen, die wissen, wie man deutlich spricht. Sie hat mir dann gleich zwei Hosen verkauft.» Und verhindert, dass Bühler beim Hosenkauf künftig aufs Internet ausweicht.

Die junge Frau bringt das Problem auf den Punkt, wenn sie sagt: «Endlich haben die meisten Leute verstanden, dass Masken Leben retten. Wenn man jetzt jemanden bittet, die Maske abzunehmen, tut man etwas geradezu Subversives.

Ich bin schon angeschaut worden, als würde ich etwas Obszönes verlangen.»

Die Leute denken, sie sei eine Maskenverweigererin. «Das bin ich nicht!», sagt sie. «Ich behalte meine eigene Maske auf, und das tun andere Hörbehinderte auch. Ich bitte nur darum, ein guter Gesprächspartner zu sein.»

Menschen mit Hörbehinderung würden täglich viel leisten, um die Gesprächspartner zu verstehen. Sie seien flexibel und kreativ und nähmen beim Zuhören die Augen, die Intuition und das detektivisches Gespür zu Hilfe. «Aber manchmal muss auch der andere etwas tun.»

Auch Sehbehinderte haben ein Maskenproblem

Es sind übrigens nicht nur Hörbehinderte, die mit Masken besonders eingeschränkt sind. Barbara Müller, 57, ist sehbehindert. Mit ihrem Sehrest konnte sie bis zum Maskenobligatorium ihre Bekannten identifizieren. «Nun, wenn die Hälfte des Gesichtes abgedeckt ist, habe ich keine Chance mehr, jemanden zu erkennen.» Auch die Stimme sei unter der Maske so gedämpft, dass das Zuordnen schwerfalle. «Ich komme mir ausgeliefert vor.» Ihre Bekannten bittet sie nun, die Maske schnell abzuziehen, wenn sie Kontakt aufnehmen wollen.