Lifestyle
Neuster Lifestyle der Diätfanatiker: Komm, wir verzichten auf Gluten!

«Glutenfrei» heisst der neuste Lifestyle. Unsere Autorin nervt das – denn sie hat eine Glutenintoleranz. 1 von 100 Schweizerinnen und Schweizern leiden an Zöliakie, also rund 80 000 Menschen, die Dunkelziffer ist gross.

Silvana Schreier
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Glutenfreies Essen ist für Menschen gemacht, die an Zöliakie leiden.

Glutenfreies Essen ist für Menschen gemacht, die an Zöliakie leiden.

Keystone

Glänzende Haare, weiche Haut, einen flachen Bauch und mehr Energie: Wer will das nicht? Mit der simplen «Hollywood gluten-free»-Diät bekommt man das gesamte Schönheitspaket. Das versprechen zumindest Gwyneth Paltrow, Miley Cyrus, Miranda Kerr und andere Stars. Es geht ganz leicht: einfach auf Gluten und damit auf Brot, Nudeln, Kuchen, Kekse und Saucen verzichten. Sollte einem ja nicht schwerfallen. Schliesslich stehen diese Lebensmittel nur ganz selten auf unserer Speisekarte.

Seit rund zehn Jahren verzichte ich selbst auf Gluten. Davor litt ich mehrere Jahre an verschiedenen Symptomen: Kopfschmerzen zu jeder Tages- und Nachtzeit, Übelkeit, Gewichtsverlust und manchmal Bauchschmerzen. Nach einer Blutuntersuchung und einer unangenehmen Dünndarmbiopsie dann endlich eine Diagnose: Zöliakie, eine chronische Krankheit. Ich vertrage also das Gluten nicht, das Klebereiweiss, das in vielen Getreidearten enthalten ist. Mein Immunsystem versucht gegen das böse Gluten anzukämpfen und greift stattdessen mich an, also meine Darmschleimhaut. Eine Heilung gibt es nicht. Und ob jemals ein Medikament auf den Markt kommen wird, steht in den Sternen.

1 von 100 Schweizerinnen und Schweizern leidet an Zöliakie, also rund 80 000 Menschen. Allerdings gibt es eine grosse Dunkelziffer, da die Krankheit bei vielen noch nicht festgestellt wurde.

Nach der Diagnose wurde ich zu einer Ernährungsberaterin geschickt. Ein wichtiger Schritt: Wussten Sie etwa, dass Gluten nicht nur in Kuchen und Brot drinsteckt, sondern auch in Smarties und Kräuterbutter? Die Beratung hat mir die Angst vor der Ernährungsumstellung genommen. Anfangs war ich sogar richtig euphorisch: Einerseits weil mein Kopf nicht mehr schmerzte. Andererseits weil alles aufregend und spannend wirkte.

Die Ernüchterung folgte postwendend. Es macht keinen Spass, im Supermarkt die Zutatenliste der Chips, Schoggitafeln und Joghurts zu lesen. Und egal, was Gwyneth Paltrow jedem, der es hören will, erzählt: Diese Diät hat überhaupt keine positiven Auswirkungen auf meine Haut, meine Haare oder meine Figur. Der glutenfreie Lifestyle ist auch mehr peinlich als cool: Vor jedem Geburtstagsfest eines Schulfreundes musst du als Teenie nämlich zuerst bei dessen Eltern nachfragen, was es denn zu essen gibt. Am Fest darfst du dann ziemlich unsexy mit einem eigenen Tupperware voller glutenfreier Snacks auftauchen und den hübsch verzierten Geburtstagskuchen nur von weitem bestaunen.

Wenn Pizza nicht alltäglich ist

Noch unangenehmer ist aber die ewige Fragerei: «Möchtest du ein Stück Kuchen?» – «Nein, danke.» – «Warum nicht? Bist du etwa auf Diät?» – «Klar, ich mache die ‹Hollywood gluten-free›-Diät, die hat mir Miley Cyrus empfohlen.» So habe ich natürlich noch nie geantwortet. Mittlerweile würde ich den aufdringlichen Fragestellern aber gerne mal etwas Ähnliches entgegenschmettern. Schliesslich klingt es deutlich harmloser, als wenn ich von meinen zerstörten Darmzotten, meinem fiesen Immunsystem und von der grossen Gefahr des Nährstoffmangels berichte.

Dürften Susi und Strolch kein Gluten essen, so müssten sie auf den berühmten Teller Spaghetti verzichten – und hätten sich vielleicht nie ineinander verliebt. (Bild: Gluten Free Museum)

Obwohl ich nicht unmittelbar auf Gluten reagiere (mich plagen also nicht zwei Stunden nach dem Essen glutenhaltiger Lebensmittel unaushaltbare Bauchschmerzen), habe ich gelernt, konsequent zu sein. Und ich habe auch gelernt, dass Essen auch ohne Gluten ein Genuss sein kann. Vielleicht sogar noch mehr. Finde ich nämlich in Florenz zufälligerweise ein Restaurant, das glutenfreie Pizza anbietet, bin ich vollkommen aus dem Häuschen. Kann ich am Ende dann noch ein Tiramisu bestellen, fühle ich mich wie im Paradies. Ebenso ergeht es mir, wenn meine Freundin an ihrem Geburtstag eine glutenfreie, mit hübschen Blüten dekorierte Torte backt, weil sie möchte, dass ich auch mitessen kann. Für alle Normalesser sind solche Erlebnisse alltäglich, wenn nicht sogar selbstverständlich.

Diese kleinen Freuden sind wichtig. Dennoch würde ich alle davon liebend gerne wieder abgeben, wenn ich im Gegenzug dafür im Restaurant nach Lust und Laune schlemmen könnte. Warum also tun sich so viele, meist vollkommen gesunde Leute die glutenfreie Ernährung an? Ich versteh es nicht: Erstens schmecken glutenfreie Produkte längst nicht so gut und frisch, wie die «normalen» Lebensmittel. Zweitens verzichtet man freiwillig auf jegliche Spontanität. Ist man unterwegs und hungrig, so beschränkt sich die Auswahl der essbaren Dinge auf eine Handvoll Studentenfutter oder einen verbeulten Apfel aus der Handtasche. Drittens bezahlt man für die glutenfreien Produkte rund dreimal mehr als für die gewöhnlichen. Und das alles nur, weil «frei von» gerade in ist?

Zöliakie-Spezialist Michael Fried versteht es auch nicht. Es mache keinen Sinn, komplett auf glutenhaltige Esswaren zu verzichten, wenn man Gluten vertrage. Und dies sei bei einem weit überwiegenden Teil der Bevölkerung der Fall. In der Schweiz leidet eine von 100 Personen an Zöliakie, also rund 80 000 Menschen. Laut Fried gibt es aber eine grosse Dunkelziffer, da bei vielen die Krankheit noch nicht diagnostiziert ist.

Neuster Lifestyle der Diätfanatiker

Alle, die sich aus einer Modeerscheinung heraus glutenfrei ernähren, machen sich nicht nur selbst das Leben schwer, sondern auch mir. Sie sorgen dafür, dass wir wirklich Betroffenen weniger ernst genommen werden. Bestellen wir in einem Restaurant etwas Glutenfreies, werden wir schnell als Diätfanatiker oder Gesundheitswahnsinnige abgestempelt, die mit ihrer Extra-Wurst nur Aufmerksamkeit wollen. Dabei ist es für uns lebenswichtig und keineswegs ein kurzlebiger Lifestyle.

Trotzdem hat der ganze Diät-Wahn auch etwas Gutes: Dank den Mode-Glutenfrei-Essern steigt in den Supermärkten, Reformhäusern und Restaurants die Nachfrage nach Produkten ohne Gluten. Glutenfrei wird massentauglich, sogar salonfähig. Die Sortimente werden also laufend erweitert und vielleicht sinken irgendwann auch die Preise. Das kommt dann uns wirklich Betroffenen zugute. Und was geschieht mit den Modeverzichtern? Die finden den nächsten Trend, dem sie verfallen können.

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