Reportage
Nebel, Nässe, grauer Stein, Kristalle: Er kennt die Schätze der Alpen

Berufsstrahler Lukas von Känel weiss, wo hinter Unscheinbarem Schätze glänzen. Das Handwerk liegt in seiner Familie.

René Fuchs
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Lukas von Känel strahlt: Die Risse in den Schieferplatten haben ihm die Fährte zu einem Kristall gewiesen. rf

Lukas von Känel strahlt: Die Risse in den Schieferplatten haben ihm die Fährte zu einem Kristall gewiesen. rf

René Fuchs

Die Kander tost am Fuss des Niesen Richtung Thunersee. Die letzten Tage mit reichlich Gewitterregen haben das Frutigtal wieder ergrünen lassen. Die Wolken hängen noch tief, doch sollte das aufkommende Hoch bald Wirkung zeigen.

In Reichenbach wartet Lukas von Känel (36) in bester körperlicher Verfassung. Der Berufsstrahler ist auch Bergläufer und erreichte im Juni beim legendären Treppenlauf am Niesen den 3. Rang.

Wir fahren ins wildromantische Kiental am Fusse des Blüemlisalpmassives. Die Strasse wird enger, steiniger, Viehzäune versperren kurz den Weg, dann erreichen wir eine kleine Alp. Von jetzt an gehts zu Fuss bergauf durch ein steiles Waldstück.

Der Weg schlängelt sich, es tropft von den Bäumen und auf nasse Wurzeln ist zu achten. Lukas von Känel erzählt vom ersten Kristallfund. Als Kind war er mit seinem Vater, Paul von Känel, ebenso Berufsstrahler, am Planggenstock im Göscheneralptal unterwegs, als der Eingang zur Kluft mit den Riesenkristallen entdeckt wurde. «Mein Vater fand kleine Anzeichen für Kristalle, seilte sich rund 100 Meter ab und stieg dann mit einem leuchtenden Gesicht zu mir zurück», erinnert sich von Känel.

Glück an einem anderen Tag: Kristalle im Göscheneralpgebiet.

Glück an einem anderen Tag: Kristalle im Göscheneralpgebiet.

René Fuchs

Die beiden entdeckten unter einem Podest mit Granitblöcken rosarote Kristalle. Etwas vom Wertvollsten, was man überhaupt finden kann: Rosafluorit. «Man entdeckt Kristalle, die seit Millionen von Jahren versteckt waren und ist der erste Mensch auf der Welt, der sie sieht! Für mich ist das bis heute kaum fassbar.» Der gelernte Forstwart entschied sich mit 22 Jahren, als Strahler sein Brot zu verdienen. Heute gibt es nur noch wenige Berufsstrahler in der Schweiz.

Gefährliche Suche

Der Weg wird ruppiger. Nebelschwaden ziehen um die Felsen. Aus dem Nichts hört man Kuhgeläute. Nun gehts über steile Wiesen aufwärts, die nach und nach mit Schieferschutt überdeckt sind. Wir gelangen in eine immer interessantere geologische Zone, einem Kalk-Schiefer-Gebiet mit vielen kleinen Rissen und Klüften. Runsen mit weissen Quarzbändern versprechen Funde.

Der feuchte Untergrund ist rutschig, Vorsicht ist angesagt. Heimtückisch sind bei nasser Witterung auch Flechten auf Felsen, die jeglichen Halt verwehren. Lukas von Känel brach sich vor acht Jahren bei einem längeren Sturz über ein Felsband das Wadenbein.

Binntal und Disentis: Selber Kristalle suchen

Einsteiger-Angebote gibt es verschiedene. In Disentis kann beispielsweise mit einheimischen Strahlern nach Kristallen gesucht werden. Dauer: viereinhalb Stunden. Durchführung bei 8 Personen. www.disentis-sedrun.ch.

Von Anfang Juli bis Mitte Oktober finden im Binntal eintägige Mineralienexkursionen statt. Dauer: ca 9 Stunden. Aufstieg zu Fuss bis zu 3 Stunden. Einführung in die Strahlerei und Mineraliensuche. Ewald Gorsatt, Strahler, Uf em Acher 11, 3996 Binn, 079 347 54 39 / www.gorsatt.ch

Erwartungsvoll sind wir am Ziel angelangt. Der Berufsstrahler hat dabei, was es braucht: Gutes Schuhwerk, lange Hosen, um Schürfungen zu vermeiden, Pickel, Hammer und Meissel und für die Feinarbeit einen Grübler, ein kleiner vorn gebogener Stab aus Aluminium. Manchmal muss er auch die gesamte Kletterausrüstung mitnehmen.

Mit geübtem Auge sind erste Anzeichen entdeckt: Risse zwischen den kleineren Schieferplatten, die mit schmierigem Erdreich gefüllt sind. Der Pickel kommt als Hebeisen zum Einsatz. Lukas von Känel hämmert und grübelt, ein rastloses Suchen. Wovon träumt ein Berufsstrahler?

«Lange Zeit war es, einen richtig schönen Rosafluorit zu finden. Letztes Jahr gelang es mir auf der Göscheneralp», sagt von Känel, «nun ist es mein Wunsch, ganz klare, Handstück grosse Bergkristalle oder Rauchquarze zu finden.»

Zuerst einmal durchschnaufen

An unserem Suchort kommen jetzt ganz kleine Kristallspitzen zum Vorschein. Ein paar Schritte weiter oben ist die Suche erfolgreicher. Ein Strahlen huscht über Lukas von Känels Gesicht. Ich erkenne glatte Flächen in der mit Erdreich ausgefüllten rund zehn Zentimeter breiten Kluft. Häufig kehrt ein Strahler nach einem anstrengenden Tagewerk ohne Fund zurück – aber gerade heute klappt es.

Stück um Stück der verborgenen Schätze holt Lukas von Känel vorsichtig heraus. Der wahre Glanz ist aber erst im Tal nach der Reinigung mit Wasser oder winzigen Glasperlen aus einem Sandstrahlgerät zu sehen. «Ein besonderes Gefühl strömt durch meinen ganzen Körper, wenn eine richtig grosse Kluft zum Vorschein kommt. Da muss ich mich zuerst hinsetzen und durchatmen. Ganz wichtig ist, nicht gleich im Eifer die Kristalle herauszunehmen. Das Schöne geniessen, Fotos machen und die Emotionen herunterfahren», erzählt von Känel sichtlich bewegt.

Er wickelt das Dutzend gefundene Kristalle behutsam in Zeitungspapier ein. Nicht nur wir beide strahlen, sondern der Nebel weicht der Sonne und eine wildromantische Landschaft mit Wasserfällen, Alpweiden und mächtigen Felsstöcken zeigt sich.

Wie kennzeichnet ein Strahler seine Kluft? «Vor allem im Kanton Uri hat sich etabliert, dass man mit einer Farbe die Jahreszahl und die Initialen markiert. In einem Radius von 12 Metern darf kein anderer während zweier Jahren suchen und das dort stationierte Werkzeug benutzen», erklärt von Känel.

Im Kanton Bern, wo es kein Patent zum Strahlen braucht, schüttet er zum Schutz die Kluft wieder zu, merkt sich die Stelle und hinterlässt keine Spuren.
Mit schwereren Rucksäcken steigen wir die Bergflanke hinab ins Weidegebiet. Gämsen springen über die nahen Felsbänder und die aufkommende Thermik lässt drei Adler und sogar einen Bartgeier über die Felswände kreisen. Von Känel packt seine besten Geschichten aus:

«Im Winterstockgebiet der Göscheneralp entdeckte ich mit meinem Vater einst sehr schöne Klüfte mit bis zu 40 Zentimeter langen Bergkristallspitzen.» Herausragend sind die Jahrhundertfunde von seinem Vater, Paul von Känel, und Franz von Arx 2005 und 2008 am Planggenstock. Die klaren Bergkristallgruppen gehören hochalpin zu den schönsten Quarzfunden. Zu bewundern sind sie heute im Naturhistorischen Museum in Bern und auf dem Gotthardpass.

In Reichenbach hat die Familie von Känel einen Kristallkeller. Der Verkaufsladen ist auch eine faszinierende Ausstellung mit riesigen Bergkristallgruppen, kleinen und grossen Rauchquarzen und begehrten Rosafluoritbrocken. Die Kunden sind die klassischen Sammler, Firmen, die Werbegeschenke suchen, Bestellungen zu Geburtstagen und Hochzeiten und international vor allem die Amerikaner. Mit einem Geheimnis verabschiede ich mich von Lukas von Känel. Ja, den heutigen genauen Fundort verrät man nicht. Doch für Hobbystrahler sind das Beveringebiet, die Region Disentis-Sedrun und das Binntal am geeignetsten. Gut Fund!

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