Sneakers sind die Schuhe der Wegwerfgesellschaft – doch jetzt werden selbst sie klimafreundlich

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Sneakers sind die Schuhe der Wegwerfgesellschaft – doch jetzt werden selbst sie klimafreundlich

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Turnschuhe stehen für den Sieg der Spass- und Konsumgesellschaft über rationale Spiessigkeit. Doch die Hersteller wollen weg vom alten Image – hin zu mehr Nachhaltigkeit.

Simon Maurer
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Dieses Wochenende findet in Zürich die grösste Turnschuhmesse Europas statt. Fashionistas und gewiefte Modeinvestoren suchen an der «Sneakerness» nach den seltensten und hippsten Exemplaren – und Normalos staunen vor den Ständen über die hohen Preise für vermeintlich einfache Sneakers.

Doch dieses Jahr erhalten die extra­vaganten Sammlerstücke Konkurrenz: Die heimlichen Stars am Schuhhimmel sind gerade dezent ­designte Öko-Schuhe, die das Klima und damit auch das Gewissen der Konsumenten im Vergleich zu herkömmlichen Sneakers weniger belasten.

Von Adidas über Puma bis Nike – die grossen Produzenten haben in den vergangenen Jahren alle in irgendeiner Form nachhaltige Schuhe auf den Markt gebracht. Sie stehen unter Druck, auch endlich ein wenig grüner zu werden. Jährlich 24 Milliarden neu produzierte Schuhe sind einfach zu viel. Sonst droht den Labels, die Klimajugend als Kunde zu verlieren. Und das täte wirklich weh, denn wer passt schon so gut zum rebellischen Image eines Sneakers wie die klimaaffinen Jugendlichen?

Ausserdem etablieren sich gerade überall grüne Start-ups mit neuen Ideen, wie man aus irgendeinem Abfallprodukt und exotischen nachwachsenden Materialien Schuhe herstellen kann. Ein wenig Plastikflaschen aus dem Meer fischen und «öko» draufschreiben, wie es etwa Adidas gemacht hat, reicht indes nicht mehr, um als klimafreundlich wahrgenommen zu werden.

Klimaschutz und Sneakers: Sind das nicht Gegensätze?

Aus Herstellersicht gibt es mehrere Möglichkeiten, um Turnschuhe tatsächlich nachhaltiger zu machen: Erstens können sie Schuhwerk aus ausdauernderem Material produzieren, damit sie nicht nach einem Jahr entsorgt werden müssen. Wie etwa die Pariser Marke Veja, die Sneakers aus Leder designt, das länger fest und glänzend bleibt. Oder wie die Basler von Vyn, deren Schuhe auseinandersetzbar sind und mit Reparaturteilen ewig halten sollen.

Doch letztere Methode ist unbeliebt, denn sie lohnt sich finanziell nicht und passt auch nicht zum Lebensgefühl der «Sneakerheads». Wer Turnschuhe trägt, will cool sein, von Trend zu Trend hüpfen und sich ausleben. Kurz: seine Schuhe alle paar Monate durch noch stylishere ersetzen. Deshalb setzen nur wenige Firmen auf diese Taktik.

Viel lieber versuchen sie, ihre Turnschuhe rezy­klierbar zu machen. Ganz im Sinn der konsumfreudigen Sneakerträger. Sie können dann mit gutem Gewissen neue Modelle kaufen und dafür vielleicht ­sogar ein wenig mehr Ablass zahlen. Aus Sicht der Herstellerfirmen frei nach dem Motto: «Lieber stabile Finanzen anstatt stabiler Schuhe».

Dass die Kunden tatsächlich ständig lieber neue Schuhe kaufen als alte länger zu tragen, zeigt sich nirgends so deutlich wie in der Schweiz. Im Durchschnitt gibt jeder von uns mehr als 500 Franken pro Jahr für Schuhe aus, kauft pro Jahreszeit einen neuen Sneaker. Wer soll es uns verübeln? Dürfen wir wegen Klimaschutz wirklich nur noch ein Paar Schuhe besitzen, wenn es doch auch anders geht mit einem ständig fliessenden Rohstoffkreislauf?

Die Antwort darauf liefert vielleicht schon bald der Schweizer Newcomer unter den Schuhgiganten mit einem ganz neuen Ansatz für Nachhaltigkeit. Das Label «On» ist daran, das Schuh­abo einzuführen. Den Sneaker «Cyclon» soll niemand besitzen können, stattdessen zahlt der Kunde 35 Franken pro Monat und kann den rezyklierbaren Schuh gratis auswechseln lassen, wenn er ausgelaufen ist.

Die Aktion ist nicht komplett auf das Bedürfnis der typischen Sneakerträger ausgerichtet, die gern mehrere Paare parallel tragen. Erst wenn man beim Abgeben des alten Schuhs ein neues Modell auswählen kann, wird ein Schuh draus. Aber als Experiment für gut angezogenen Klimaschutz passt das. Dass «On» wie fast alle Grossen in Asien produziert und die Sneakers einfliegen lässt, ist CO2- und PR-technisch aber unglücklich.

Was für die Zukunft so gut wie sicher ist: Klimafreundliche Sneakers werden den Markt von hinten aufrollen. «Sneakerness»-Gründer Sergio Muster schätzt, dass die nachhaltigen Verwandten der herkömmlichen Sneakers im kommenden Jahr einen grossen Sprung machen:

«Langsam erreichen einige Modelle den Kultstatus, den es braucht für Erfolg bei der Masse.»

Muster erwartet deshalb an den Füssen seiner Besucher immer mehr nachhaltige Schuhe. Die allerdings gleichzeitig modisch daherkommen sollen. Klimafreundlicher Fortschritt in der Modewelt kommt schliesslich nicht in Opas Lederschuhen.

Sneakerness: Sa 8. und So 9. Oktober in der Halle 622 in Zürich Oerlikon. www.sneakerness.com

Sechs Sneakers für gut angezogenen Klimaschutz:

Cariuma Ibi Slip-Ons

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Zugegeben, Leo-Print erinnert nicht an Umweltschutz. Doch die Produktion der bambusbasierten Cariuma Ibi Slip-Ons erzeugt fast kein CO2.

Preis: 118 Franken

Goto Hi Indigo Melange

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Vegan, fair, nachhaltig – bei den Goto Hi Indigo Melange stimmt alles. Die würde sogar Greta Thunberg tragen, wenn sie ein Junge wäre.

Preis: 108 Franken

Allbirds Tree Pipers

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Kann man aus Wolle Schuhe machen? Yes! Das beweisen die Allbirds Tree Pipers, der wohl heisseste Trend gegen die Klima­erwärmung.

Preis: 119 Franken

Giesswein Merino Runners

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Wenn die Merino Runners von Giesswein mal schmutzig sind, lassen sie sich in der Maschine kalt waschen. Danach sind sie wieder so gut wie neu.

Preis: 140 Franken

V-10 Veja x Make My Lemonade

Bild: Charlotte Navio

Der V-10 Veja x Make My Lemonade überzeugt mit gut gelaunten Pastelltönen und vereint langlebiges Leder mit recyceltem Material.

Preis: 151 Franken

On Cyclon

Bild: zvg

Wer den Cyclon von On trägt, hat ein federleichtes Gewissen, denn der Schuh ist zu 100 Prozent rezyklierbar.

Abo: 35 Franken pro Monat

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