Mein Umweg zum Kind - Teil 1
Die bewegende Geschichte einer St.Galler Mutter, die für ihren Kinderwunsch alles geopfert hat

Lena (34) wünschte sich Kinder, mehr als alles in der Welt. Doch dieser Wunsch ging jahrelang nicht in Erfüllung. Also versuchte sie es mit kostspieligen und mitunter abenteuerlichen Therapien.

Martin Oswald
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Lena und Thomas träumen von einer Familie.

Lena und Thomas träumen von einer Familie.

Illustration: Sandra Näf

Prolog

«Hey!» Sonntagmorgen, nach vier Stunden Schlaf wird Lena (Name geändert) unsanft von ihrer kleinen Tochter geweckt. Um sieben Uhr ist die ganze Familie angezogen und hat gefrühstückt. Dann radelt sie mit ihrem Mann und den zwei Kleinen im Fahrradanhänger los, weil nur so alle ruhig und zufrieden sind. «Das Schicksal hat sich wohl gesagt: Du wolltest Kinder – dann zeig mal, was du draufhast», sagt sie und nimmt einen Schluck vom Franciacorta. Lena hat es sich auf dem grauen Discounter-Sofa vor dem Schwedenofen bequem gemacht. Sehnige Arme, ein strahlend weisses Lachen, müde Augen. «Ich glaube, da draussen gibt es viele Eltern, denen geht es genauso.»

Lena, 34, Pflegefachfrau aus St.Gallen, hatte sich Familie gewünscht. Sehr sogar. Doch sie wurde einfach nicht schwanger. Erst liess sie ihre Fruchtbarkeit untersuchen, dann schickte sie ihn los, seine zu testen. Sie planten Sex beim Eisprung und zündeten Kerzen an. Sie nahm Hormone, besuchte eine Wahrsagerin und endete schliesslich nackt auf einem dampfenden Kessel sitzend. Wenn Lena bei Familienfesten diese Episoden erzählt, bleibt kein Auge trocken. Blumig beschreibt sie ihre Experimente und lässt dabei kein noch so intimes Detail aus. Schwester, Mutter, Schwager; sie alle teilten ihre Tränen, als der erste Fötus wieder ging, als ihr Sohn das Licht der Welt erblickte, als ihre Tochter künstlich ernährt werden musste. Lena ist hart im Nehmen und lernte es mit jeder Prüfung von Neuem. Das ist ihre Geschichte. Eine Geschichte von grossen Träumen, schonungsloser Realität, tiefer Erschöpfung und einem ansteckenden Lachen, der Tragik zum Trotz.

Teil 1: Der Kinderwunsch

«Dieser starke Wunsch, Mutter zu sein, den hatte ich schon in mir, als ich noch Teenager war.»

Lena malte sich aus, wie sie als erwachsene Frau vier Kinder haben würde, einen Mann, ein Haus, das pure Glück. «Dass ich dafür eines Tages all meine Zeit und mein Geld aufwenden würde, das hätte ich nicht für möglich gehalten.»

Als junge Frau hatte Lena oft starke Schmerzen im Unterleib und ihr Zyklus blieb meist aus. Sie liess diese Schmerzen abklären. Das Ergebnis schürte Angst in ihr, vielleicht nie ein Kind haben zu können. Der Frauenarzt diagnostizierte eine Uterusanomalie. Der Uterus hatte die Form eines Herzens. Die eine Hälfte gross, die andere klein. Keine gute Voraussetzung für eine Schwangerschaft, resümierte der Arzt. Heute sagt Lena: «Es ist wie bei einem kleinen Kind. Je weniger du etwas haben kannst, umso mehr willst du es.» Lena setzte die Pille ab. Da sie keine Periode bekam, konnte sie auch nicht schwanger werden. «Und wenn es doch passiert, wäre das wunderbar.» Ihr damaliger Freund war damit einverstanden.

Lena erzählt ihre Geschichte ohne Punkt und Komma, erinnert sich an scheinbar jedes Detail. Als wäre es gestern gewesen. Wie sie Fuss fasste im Job, mit ihrem Freund eine eigene Wohnung bezog, sich trennte und wieder auszog, Partys feierte, sich beim Sport austobte. Ihre Energie, ihr Lachen, das sei schon immer ihr Markenzeichen gewesen. Mochte sie auch noch so sehr hadern, nach aussen habe es immer nur die starke Lena gegeben.

«So bin ich noch heute. Umfallen, wieder aufstehen, aber immer mit einem Lachen.»

Die Schwester kriegt, was Lena nicht kriegen kann

Völlig unvorbereitet traf sie die Nachricht im Sommer 2007, dass ihre ältere Schwester Livia schwanger war – ungeplant und unverhofft. Auch bei ihr waren die ärztlichen Prognosen düster, doch es passierte. «Es war ein Affront für mich, dass ich nicht mit einem Kind beschenkt werde, aber meine Schwester schon. Es klingt furchtbar, aber es fühlte sich für mich an, als wäre ich nicht gut genug. Du trainierst jeden Tag hart für einen Marathon und eine andere Läuferin trainiert nur einmal die Woche, überholt dich dann aber locker.» Heute könne sie reflektiert auf diese Zeit und ihr Hadern zurückblicken. Damals ging das nicht.

«Eines Abends traf ich meine Jugendliebe Thomas wieder. Wir redeten und redeten und redeten. Schliesslich landeten wir in meiner Wohnung, wo ich just an diesem Tag eingezogen war. In einer kalten Wohnung und inmitten von Umzugskartons haben wir die ganze Nacht geredet und Süssen Prosecco aus Pappbechern getrunken. Passiert ist nichts. Aber es fühlte sich gut an. Am Morgen wusste ich: Thomas ist der Richtige. Den will ich als meinen Mann.» Und genau so kam es. Die zwei wurden ein Paar. Dann ging es schnell.

«Ich fragte ihn: Willst du heiraten, Familie, Kinder?»

Man war sich rasch einig, der Lebensplan stand fest. Und da Lena nicht einfach so würde schwanger werden, war es der Beginn einer langen Odyssee – im Streben danach, eine Familie zu werden.

Sie nimmt einen grossen Schluck Franciacorta, als wollte sie für die Erzählung dieser Odyssee Anlauf holen. Ein kurzer Blick aufs Handy, Ehemann Thomas ist mit den Kindern kurz draussen an der frischen Luft. Keine Meldung, alles gut.

Sex auf Kommando – gegen jede Romantik

«Ich ging also zu meinem Frauenarzt, und wir begannen mit der ersten Hormontherapie, schliesslich hatte ich zu dieser Zeit ja keinen Zyklus.» Lena war wild entschlossen, ihrem Kinderwunsch zur Erfüllung zu verhelfen. Der Anfang war harmlos. «Dank der Hormone bekam ich meine Tage wieder.» Monate vergingen, Thomas und Lena versuchten, schwanger zu werden, doch nichts passierte. Der ärztliche Befund: keine Eizelle. Also nahm Lena ein Präparat, welches die Eizellreifung stimulierte. Und kaum war ein Ei herangereift und ärztlich bestätigt, wurde Sex zum festen Termin in der Agenda. Vom Frauenarzt bekam sie jeweils das Kommando «Jetzt ist Zeit für Geschlechtsverkehr». Also hatten Lena und Thomas Geschlechtsverkehr.

«Wir gaukelten uns vor, dass es doch ganz schön sei, aber eigentlich wussten wir beide, es war ein gestresster Versuch, es irgendwie hinzukriegen.»

Zu dieser Zeit stellte sich in Lena ein erstes Mal die Gewissheit ein, dass sie beide nun Eltern würden. Doch dem war vorerst nicht so, und Lena wechselte den Frauenarzt. Sie brauchte neue Hoffnung. Und die bekam sie zu hören. «Er machte mir Mut, ich sei noch so jung und sportlich.» Das Spiel mit den Hormonen begann von vorne. Lena musste regelmässig zu Hause ihren Urin testen und prüfen, ob und wann ein Eisprung erfolgte. «Schritt für Schritt richtete sich mein Alltag auf den Kinderwunsch aus. Zyklus, Eisprung, Sex, warten, hoffen, und dann die Enttäuschung.» Was so schnell erzählt ist, dauerte in Tat und Wahrheit Monate. Und von Monat zu Monat wurde der Fall schmerzhafter.

Irgendwann hatte Lena den Glauben an den medizinischen Weg aufgegeben. Es kam zur vorübergehenden Zäsur. Und so begann die nächste Odyssee, die der alternativen Methoden.

Quälende Fragen auf dem Behandlungstisch

Lena fand sich in einem typisch unterkühlten Praxiszimmer wieder. Ein junger Therapeut sass ihr gegenüber. Er fragte alles Mögliche, bat sie, die Konsistenz ihres Stuhlgangs zu beschreiben. Lena war gehemmt. Nach 99 weiteren unangenehm intimen Fragen lag sie schliesslich nackt auf der Liege und bekam 100 Nadeln unter die Haut gestochen. «Ich muss ausgesehen haben wie ein Igel.» Sein Werk beendet, setzte sich der Therapeut neben Lena auf einen Stuhl und fragte:

«Kann es sein, dass Sie gar keinen Raum für ein Kind in ihrem Leben haben?»

«Gute Frage. Aber verdammt noch mal nicht, wenn du mit Nadeln übersäht auf einem Behandlungsbett liegst. Ich weinte hemmungslos.» - «Jetzt lasse ich Sie einen Moment alleine», sagte der Therapeut. «Alleine? Mit Tränen und Rotz im Gesicht, ohne Boden unter den Füssen und voller Nadeln. Ich fühlte mich gedemütigt. Und doch brachte mich dieser Termin weiter. Wer weiss, ob es an den Nadeln oder dieser direkten Frage lag.»

Die Frage war quälend. Würde Lena verzweifelt einem Traum hinterherrennen, war das alles nicht mehr als ein zu bunt ausgemaltes Luftschloss? Was sonst könnte sie glücklich machen? Körperlich ging es ihr schlecht in dieser Zeit. «Mein Körper hat derart laut nach Hilfe gerufen. Meine wachsende Verzweiflung, meine fehlende Selbstliebe, die ich in ein Kind hineinprojizierte, die Hoffnung nach Erlösung.» Lena investierte immer noch mehr in ihren Kinderwunsch.

Das Kapitel Ohr-Akkupressur ist schnell erzählt: Eine Nadel ins Ohr, eine in den Fuss. 20 Minuten, 250 Franken. Resultat: Nichts.

Fruchtbar dank eines dampfenden Topfes?

Nicht minder spektakulär war der Ausflug ein paar Wochen später ins Reich der chinesischen Medizin. Die Praxis bot null Privatsphäre, viel zu kleine Vorhänge und hinter jedem ein nächster Patient. Ein Übersetzer eilte von Arzt zu Arzt, um zu übersetzen, was es zu übersetzen gab. «Muss ich mich jetzt ausziehen?» - «Ja ja ja. NEIN! Nicht alles.»

«Ich kam mir vor wie im falschen Film und dachte, gleich würde jemand ‘Verstehen sie Spass’ rufen.»

Der unerreichte Höhepunkt der Odysee alternativer Methoden war eine Dampfbehandlung in Zürich. Kurz erklärt, setzt sich Patientin unten ohne auf einen Stuhl mit einem Loch in der Mitte. Unter diesen Stuhl wird ein heisser Teekrug mit Kräutern platziert. Der ätherische Dampf dient zur Aktivierung der Vagina. Lena läuft bei dieser Anekdote zur Hochform auf. «Man kann sich das nicht vorstellen. Wie ich da auf diesem Hocker gesessen habe, meine Oberschenkel brannten und ich dachte wieder nur ‘Tadaa, versteckte Kamera’. Das konnte doch alles nicht real sein. Die Therapeutin errichtete einen Paravent um mich, gerade so hoch, dass mein Unterleib bedeckt war. Zehn Minuten sollte ich in dieser anstrengenden Hocke verweilen und den Dampf wirken lassen. Es erinnerte mich an Kniebeugen-Training, hoch und runter, ging ich zu tief in die Hocke, verbrannte ich mir meine Scham.» Es kam noch besser. «Während ich krampfhaft versuchte, mit meiner misslichen Lage klarzukommen, liess ich meinen Blick durch den Raum wandern. Ich erstarrte, als ich feststellte, dass man durchs Fenster in ein Grossraumbüro eines Nachbargebäudes sehen konnte. Und die in Anzug und Krawatte gekleideten Herren konnten mich sehen, hockend über einem kochenden Dampfkessel.»

Dagegen waren Shiatsu, die Aura-Seherin, Kinesiologie und eine Session in Körper-Psycho-Neuro-Immunologie nur noch eine lauwarme Zugabe. Lena liess in ihrem Wunsch, schwanger zu werden, keine Möglichkeit aus. «Jeder gibt dir das Gefühl, es sei offensichtlich und klar, warum du nicht schwanger wirst. Und es liege immer nur an dieser einen Sache. Und mit nur einem Kniff könne man dir zum inneren Frieden verhelfen.» So sehr Lena von all diesen Therapien ermüdet war, so stark war der innere Motor.

«Ich habe überall Kinder gesehen. Schwangere, Kinderwagen, Eltern mit süssen Babys, Kinder auf Karussell, Kinder mit einem Glacé in der Hand. Furchtbar.»

Schwanger wird man nur vom Liebe machen

Rückblickend war es eine Zeit, in der die Diskrepanz zwischen dem, was Lena innerlich fühlte und den rationalen Gedanken im Kopf grösser wurde. «Auf der Arbeit und im Austausch mit Freunden versuchte ich stark zu sein, zu Hause wollte ich mich nur noch im Bett vergraben.» Lena fühlte sich einsam. Die Beziehung zu Thomas erlebte Höhen und Tiefen in dieser Zeit. Es habe Phasen gegeben, da hätte sie diese Reise näher zusammengebracht. Und dann gab es die Momente, in denen niemand ihren Schmerz habe verstehen können. Um ein Stück Normalität zu wahren, hatten Lena und Thomas zu dieser Zeit ausgemacht, nicht darüber zu reden, wo Lena gerade in ihrem Zyklus stand und zu welcher Therapie sie gerade ging.

«Doch das hatte zur Folge, dass ich auf dieser Reise mitunter sehr allein war.»

«Du kommst nach einem harten Tag im Job hundemüde nach Hause, ziehst dir ein Negligé an, zündest Kerzen an, setzt zur Burlesque-Show an, damit sich dein Partner auch noch geliebt und begehrt fühlt. Und innerlich läufst du auf dem Zahnfleisch. Wenn du dann 14 Tage später wieder einen negativen Test hast, dann… – Lena stockt – …dann geht das einfach an die Moral. An alles.»

«Lassen Sie das Thema los», hätten ihr alle ständig geraten. Wenn das so einfach wäre. Der Dorn habe zu tief in ihr gesteckt, erzählt Lena. So kauften Lena und Thomas einen Hund und planten zu heiraten. Der Plan, damit vom Kinderwunsch abzulenken, sollte jedoch gründlich misslingen.