Die Twitterseite heisst wenig vornehm «Verpfeif dein Schwein» (Balance ton porc). Die Journalistin Sandra Muller, die den Hashtag eröffnet hatte, forderte ihre Geschlechtsgenossinnen auf, ihre Belästiger mit Namen zu outen. Sie erzählt selbst, wie ihr früherer Vorgesetzter ihr zugeraunt habe: «Du hast grosse Brüste, du bist mein Typ. Ich werds dir die ganze Nacht besorgen.»

«Balance ton porc» ist die französischen Version von «Me Too». Übers Wochenende kamen mehr als 100 000 Reaktionen zusammen. Einige Frauen nennen Namen – hier den Abteilungsleiter, dort einen Abgeordneten der Nationalversammlung. Aus Angst vor Verleumdungsklagen belassen es aber die meisten bei der Schilderung der Vorgänge: «Abschlussfete, 30 Personen. Drei Männer packen mich, streicheln mich, singen. Der ganze Saal lacht», schreibt Isabelle. «Der Chef wechselt die Sitzplätze im Flugzeug, um sich besser an mich drücken zu können. Nachts ruft er mich im Zimmer an», berichtet Aurore.

Einige Frauen üben Kritik an den Schilderungen: «Ich werde an dieser Hexenjagd nicht mitmachen», schrieb der Fernsehstar Julia Molhou. Allein die Lawine der Rückmeldungen macht aber augenfällig, wie viele Frauen sich auch in Frankreich betroffen fühlen.

Es ist, als habe die Weinstein-Affäre in Frankreich als Dammbruch gewirkt, der zuvor noch nicht möglich war: 2011 hat die Affäre des französischen Ex-Ministers Dominique Strauss-Kahn mit einer New Yorker Hotelzimmerfrau noch nicht diese Breitenwirkung entwickelt. Am Sonntag erklärte Staatspräsident Emmanuel Macron, er habe veranlasst zu prüfen, ob Weinstein die Ehrenlegion entzogen werden könne.

Auch gegen Strassen-Sexismus

Die französische Staatssekretärin für die Gleichheit von Mann und Frau, Marlène Schiappa, teilte mit, sie arbeite für Anfang 2018 ein Gesetz zu sexueller Gewalt aus. Unter anderem soll die Verjährung schwerer Sexualdelikte von zwanzig auf dreissig Jahre verlängert werden. Und das Schutzalter für einvernehmlichen Sex soll auf 13 oder 15 Jahre erhöht werden.

Zu reden gibt Schiappas Idee, auch sexuelle Belästigung auf der Strasse zu ahnden. Sie denkt dabei an Männer, die Frauen bis in die U-Bahn oder nach Hause verfolgten. Konservative Politiker fragen, ob damit auch Bauarbeiter «kriminalisiert» würden, wenn sie einer Frau nachpfiffen. Radiojournalistin Natacha Polony wandte ein: «Ich mag es, wenn man mir in der Strasse Komplimente nachruft.» Soziologe Eric Fassin argwöhnt, am stärksten betroffen seien Immigranten. Sie hätten im Bereich der harmloseren Anmache andere Verhaltensmuster. Schiappa konterte, bei sexuellen Aggressionen dürfe Abstammung keine Rolle spielen, auch nicht als mildernder Umstand.